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Tagebuch-Ausstellung : Schlechte Zeiten, gute Seiten

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Ins Feuer damit!

Kein Wunder, dass die Vernichtung des heimlich Notierten den Kontrapunkt zur ungesicherten Wahrheit liefert. Ziel der Zerstörungsaktionen ist fast immer die Befreiung von lästigen Erinnerungen und überlebten Geschichten. Was heutzutage mit der Delete-Taste erledigt wird, verlangte früher langwierige Vorbereitungen. Intime Schreibhefte werden meistens verbrannt. „Einmal wurde alles Geschriebene zusammengeschnürt, inbegriffen die Tagebücher, und alles dem Feuer übergeben“, notiert Max Frisch. Zweimal muss er in den Wald hinaufgehen, so viele Bündel gibt es, und es war ein regnerischer Tag. Er braucht eine ganze Schachtel Zündhölzer, bis sich das Gefühl der Erleichterung und der Leere einstellt.

Brigitte Reimann verbrennt auf einmal wohl zwanzig Tagebücher aus den Jahren 1947 bis 1953 und schickt dann kurzentschlossen auch die Aufzeichnungen aus den Jahren 1953/54 hinterher: „Überspannte Liebesgeschichten - weg damit!“, auch wenn es ihr nach der Zerstörungswut leidtut. Berühmt das Geständnis Thomas Manns gegenüber seinem Jugendfreund Otto Grautoff im Februar 1896: „Übrigens: Ich habe es dieser Tage bei mir ganz besonders warm. Ich verbrenne nämlich sämtliche Tagebücher. Es wurde mir peinlich und unbequem, eine solche Masse von geheimen - sehr geheimen - Schriften liegen zu haben.“

„Dieses ,böse' Tagebuch - böse gegen mich und gegen andere“

Wer nicht vernichtet, verhindert mit einer Verfügung gerne die Veröffentlichung vor der Zeit. Tagebücher sind ein Fall von Exhibitionismus und Voyeurismus. Das wissen die Schreiber, damit spielen sie. Einerseits verlangt die schriftliche Selbstvergewisserung kalte Ehrlichkeit, andererseits bedeutete jedes unerlaubte Lesen einen schweren Eingriff in das Privatleben und einen unerlaubten Einbruch in die Intimsphäre der Schreibenden. Elias Canetti ist so ein Fall. Seine Tagebücher, so verfügte er, dürfen erst dreißig Jahre nach seinem Tod gelesen und eventuell nur zum Teil veröffentlicht werden. Er wusste gewiss, was er tat: „Dieses ,böse' Tagebuch - böse gegen mich und gegen andere - das muss absolut geheim bleiben.“

Der Wunsch nach Geheimhaltung ist in den meisten Fällen ambivalent. Die Forderung nach Diskretion und die narzisstische Lust an triumphierender Selbstentblößung halten sich dabei fröhlich die Waage. Wie denn sonst wäre es zu erklären, dass zwar manche peniblen Journalschreiber lauthals Stillschweigen fordern, aber lustvoll in intimsten Offenbarungen schwelgen und erotische Erlebnisse mit ausgesprochener Liebe zum Detail schildern? Wie sonst wäre die oft geäußerte Forderung zu verstehen, dass kein Mensch je Einblick in die schriftlichen Geständnisse nehmen dürfe - wobei gleichzeitig nicht im Traum daran gedacht wird, die inkriminierten Blätter zu vernichten? Tagebücher sind eben auch Schauplätze erotischer Indiskretionen.

Die Zürcher Literaturausstellung kommt diesem Umstand amüsanterweise mit der Installation eines mit weinrotem Brokat ausgeschlagenen Beichthäuschens entgegen. Da kann man sich dann in aller Ruhe hinter das Plastikvorhängchen zurückziehen und per Kopfhörer den Geständnissen heimlicher Ausschweifungen lauschen. Manche Schriftsteller plaudern ihre erotischen Verwirrungen so offenherzig aus, dass man unfreiwillig zum Komplizen wird und nicht weiter erstaunt wäre, zur Strafe gleich noch das eine oder andere „Vaterunser“ oder „Gegrüßt seist du, Maria“ aufgebrummt zu bekommen.

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