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Ausgezeichnetes Sachbuch : Der Ankläger der unvereinigten Staaten

  • -Aktualisiert am

Ta-Nehisi Coates, Jahrgang 1975. Im Herbst erscheint sein Bestseller „Between the World and Me“ auch auf Deutsch. Bild: Gabriella Demczuk / Laif

Reparationen für drei Jahrhunderte Unterdrückung und Ausbeutung: Ta-Nehisi Coates möchte sich als Stimme des schwarzen Amerikas etablieren. Kann er diesen Anspruch einlösen?

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          Mit „Zwischen mir und der Welt“ hat der amerikanische Journalist Ta-Nehisi Coates, der vor allem für das renommierte Magazin „The Atlantic“ arbeitet, ein gleichermaßen provokantes wie poetisches Buch vorgelegt. Der soeben erschienenen deutschen Ausgabe ist ein bereits 2014 im „Atlantic“ veröffentlichter Essay beigegeben, der in den Vereinigten Staaten hohe Wellen geschlagen hat, fordert er doch Reparationen für die aktuell dort lebende schwarze Bevölkerung - eine Entschädigung für die in der Sklaverei und der Phase der Rassentrennung bis in die sechziger Jahre erlittenen systematischen Benachteiligungen und Grausamkeiten.

          Nun wurde diese Debatte in den vergangenen Jahrzehnten gerade von Seiten der radikalen schwarzen Bürgerrechtsbewegung beständig aufs Neue angestoßen, und Coates greift viele etablierte Argumente und Einwände auf. Es ist daher weniger das Neue seiner Ausführungen, sondern ihre intellektuelle Stringenz und die Wortgewalt, mit der er formuliert. Coates meldet unübersehbar den Anspruch an, eine der führenden intellektuellen Stimmen der amerikanischen Schwarzen im einundzwanzigsten Jahrhundert zu werden. Und er hat einen eindrucksvollen Punkt: Ohne die Ausbeutung und Unterdrückung der mehr als drei Jahrhunderte versklavten schwarzen Bevölkerung wäre der Aufstieg der Vereinigten Staaten zur führenden Wirtschaftsnation und zum Welthegemon kaum gelungen.

          Erfolgsstory aus weißer Sicht

          Dieser Umstand spielte lange Zeit keine oder bestenfalls eine randständige Rolle. In der Selbstsicht des weißen Amerikas der Mittelklasse waren es deren protestantische und liberale Werte - Individualismus, Freiheitswillen, Streben nach Fortschritt und sozialem Aufstieg, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit -, die den Aufstieg des Landes überhaupt ermöglichten. Aus Sicht weißer Angelsachsen war die Geschichte der Vereinigten Staaten eine außergewöhnliche Erfolgsstory. Das Drama, die Widersprüche, auf die schon die Briten während des Unabhängigkeitskriegs aufmerksam gemacht hatten und die letztlich im Bürgerkrieg mündeten, wurden ausgeblendet.

          Selbst nach dem Bürgerkrieg wurde die Nation auf Kosten der unterdrückten schwarzen Bevölkerung reintegriert. Rasse wurde mindestens so wichtig wie Klasse, selbst wenn gleichfalls unterdrückte und verfolgte irische Katholiken dies heute noch anders sehen. Wie relevant der Unterschied von Schwarz und Weiß ist, belegen Woche um Woche die Berichte über Polizeigewalt gegenüber unbewaffneten und oft unschuldigen Schwarzen in den Gettos amerikanischer Großstädte.

          Dennoch vermag Coates’ eindringliche Anklageschrift nicht vollständig zu überzeugen, vor allem, wenn er seine Reparationsforderung mit den Wiedergutmachungsleistungen der Deutschen an Israel und die Juden nach dem Holocaust vergleicht. Hier geht es gar nicht so sehr um die erstarrte Formel von der Einzigartigkeit des Holocausts, sondern um das Problem, wer wann und warum Reparationen ausgezahlt bekommen soll. Im Falle der Überlebenden des Holocausts drehte sich alles um konkrete Opfer einer gerade erst beendeten, schier unfassbaren Gewaltorgie. Bei den amerikanischen Schwarzen müssten die strukturellen Folgen einer historischen Abscheulichkeit, die indes in ihrer Zeit von vielen als vollkommen legitim angesehen wurden, abstrakt entschädigt werden.

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