https://www.faz.net/-gqz-11vuq

Suhrkamps Umzug : Lady Lenin und der Wolf

  • -Aktualisiert am

Frankfurt, Lindenstraße, am 7. Februar 2009: Suhrkamps Leute wollen hier bleiben Bild: F.A.Z.- Daniel Pilar

Der Suhrkamp-Verlag zieht nach Berlin, nicht weil es der Sehnsuchtsort erfüllter ästhetischer Phantasie geworden wäre, sondern weil es Hauptstadt gewordene Krise ist. Man sollte Ulla Unseld-Berkéwicz nicht unterschätzen. Suhrkamps Umzug nach Berlin ist ein revolutionärer Akt.

          5 Min.

          Der Codename der Operation hieß „Lady Lenin“. Harald Wolf, Mitglied der Linkspartei und Berliner Senator für Wirtschaft, Technologie und Frauen hatte die Verhandlungen zwei Jahre lang mit der Verlegerin geführt. Beide verstanden sich auf Anhieb, so wie es Leute tun, die plötzlich merken, dass sie in der gleichen Branche geträumt haben: Harald Wolf und Ulla Berkéwicz sind beides Produkte jenes westdeutschen linken Milieus, das einen großen Teil seiner Anregungen aus den Suhrkamp-Verlagsprogrammen der siebziger Jahre bezog.

          Von 1973 bis 1975 lebte Ulla Berkéwicz aus München kommend in Ost-Berlin, wohin sie Walter Felsenstein als Dramaturgin gefolgt war. Sie wäre dort länger geblieben, sagt sie heute, wenn sie nicht trotzkistischer Abweichung verdächtigt worden wäre. Keine drei Jahre später gründete ein damals noch ganz unbekannter Harald Wolf in West-Berlin die trotzkistische Zeitschrift „Commune“. Man wäre für verrückt erklärt worden, wenn man damals vorhergesagt hätte, dass genau sechzig Jahre nach der Gründung des Suhrkamp-Verlags diese beiden Leute beschließen würden, den Verlag aus der Bankenstadt Frankfurt nach Ost-Berlin zu verlegen.

          Wie man Leute so quält, dass die sich auch noch freuen

          Zu den Stereotypen des deutschen Kulturbetriebs gehört die Unterschätzung von Ulla Unseld-Berkewicz. In kaum mehr als fünf Jahren hat sie nicht nur die Macht im Verlag übernommen, nebenher einen Verlag der Religionen gegründet und Uwe Tellkamp, einen der wichtigsten neuen Autoren, an den Verlag gebunden; nun steht sie offenbar kurz davor, faktisch Alleingesellschafterin des Suhrkamp-Konzerns zu werden – eine Autonomie, die Siegfried Unseld angestrebt, aber nie erreicht hat.

          Und schon wieder wird sie unterschätzt. Schon wieder missverstehen Teile des deutschen Feuilletons, die Siegfried Unseld zu Lebzeiten nicht oft genug zum Abgang auffordern und nach seinem Tod ihn nicht oft genug zurückwünschen konnten, die Planmäßigkeit eines Verfahrens, das mit der Präzision einer Apollo-Mission durchgeführt wird. Dabei treffen sich doch alle jedes Jahr zur Buchmesse in Unselds alter Villa. Sie hätten die Uneinschüchterbarkeit der Frau dort sehr genau studieren können. Da gibt es Schnittchen und Wein, und alle deutschen Kritiker, jeder von ihnen ein kleiner Marschflugkörper des Betriebs, jeder mit Texten im Gepäck, die den Untergang des Hauses Suhrkamp schon hundertfach beschworen und die Unfähigkeit der Witwe schon hundertmal beklagt haben.

          Sie hat ihre Art der Rache. Jedes Jahr lädt sie mehr Kritiker ein, aber jeder Einzelne fühlt sich ausgezeichnet, jedes Jahr wird es enger und heißer, und jedes Jahr wird die Lesung, die es dort zum Leidwesen des schwatzsüchtigen Milieus auch gibt, immer länger. Das hat sie als Dramaturgin bei Felsenstein gelernt: wie man Leute so quält, dass die sich auch noch darüber freuen.

          Der Berlin-Traum ist ausgeträumt

          Natürlich hat das, was sich jetzt in Frankfurt abspielt, auch betriebswirtschaftliche Gründe. Seit Jahren verlangen die Alt-Gesellschafter, dass ein Drittel der Belegschaft abgebaut wird. Der Umzug ermöglicht dem Verlag über Änderungskündigungen eine Reduzierung des angeblich überbesetzten Personals. Allerdings wäre dieses Ziel auch, wie man ausgerechnet heute Zeitungsredakteuren nicht zu erklären braucht, in Zeiten der Krise über betriebsbedingte Kündigungen zu erreichen.

          Kein Zweifel, dass die Restrukturierung des Verlags auch über Personaleinsparungen wenn nicht gewollt, so doch gerne in Kauf genommen wird. Besonders gut geht es dem Suhrkamp-Verlag auch nicht. Besonders gut geht es allerdings im Augenblick außer McDonald’s sowieso niemandem. Also sparen, verschlanken, rauswerfen? Ist Lady Lenin in Wahrheit ein Bernd Kundrun des literarischen Lebens? Der Suhrkamp-Verlag zieht nicht mehr in das Berlin, das viele noch vor zehn Jahren als wehmütige Erinnerung an die zwanziger Jahre imaginierten. Berlin ist nicht das geworden, was es hätte werden sollen. Vor zehn, noch vor fünf Jahren wäre der Schritt, den Siegfried Unseld wollte, aber sich nicht mehr zutraute, als Fanal für die neue Hauptstadt, die Vermählung von Geist und Macht gefeiert worden. Aber dieser Traum ist ausgeträumt, und viele von denen, die ihn träumten, verlassen, nach Abschöpfung der Subventionen, die Stadt.

          Erzwingungshaft für eine noch nicht entstandene Literatur

          Weitere Themen

          Hinter der Treppe

          Luxemburgische Literatur : Hinter der Treppe

          Muttersprachen gibt es mehrere, Bücher erscheinen auf Deutsch und Französisch: Warum gilt Luxemburgs Literatur trotzdem als provinziell? Eine Erkundung.

          Kinostart von Polanskis neuem Film wird gestört Video-Seite öffnen

          Proteste und Aufruhr : Kinostart von Polanskis neuem Film wird gestört

          Frauen-Aktivisten rufen beim Pariser Kinostart von Roman Polanskis neuem Film „J’accuse“ über die Dreyfus-Affäre zum Boykott auf. Vergangene Woche beschuldigte das französische Ex-Model Valentine Monnier den Oscar-Preisträger, sie 1975 vergewaltigt zu haben.

          Ahmet Altan abermals verhaftet

          Eine Woche nach Freilassung : Ahmet Altan abermals verhaftet

          Gerade erst war der türkische Journalist Ahmet Altan aus dem Gefängnis entlassen worden. Seit Mittwoch sitzt er wieder hinter Gittern. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ kritisiert die Verhaftung scharf.

          Topmeldungen

          Günther Oettinger

          F.A.Z. exklusiv : Oettinger will an die VDA-Spitze

          Wer wird den wichtigen Verband der Automobilindustrie künftig anführen? Nachdem Sigmar Gabriel aus dem Rennen ist, läuft derzeit ein Zweikampf. Beide Kandidaten gehören der CDU an.
          Baukräne stehen auf einem Baugrundstück neben neugebauten Wohnhäusern in Köln.

          Pläne der KfW : Wer baut, bekommt Geld geschenkt

          Die Staatsbank will erstmals Kredite mit Negativzinsen vergeben. Profitieren sollen Privatleute, Mittelstand und Kommunen. Bis die Negativzinsen beim Endkunden ankommen, könnte es allerdings noch dauern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.