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Suhrkamp-Streit : Auch in Richtern können Dämonen wohnen

Kommanditisten, Komplementäre, Kapitalanteilen: Anders als bei Kafka gibt es zwar keinen Türhüter, der den Eingang verwehrt. Aber die komplizierten Verlagsstrukturen des Hauses Suhrkamp bereiten auch erfahrenen Juristen mitunter Mühe Bild: dpa

Ein Fall macht Schule: Studenten der LMU München diskutieren über das Recht, die Literatur und den Suhrkamp-Streit. Dabei stehen nicht nur juristische Finessen, sondern auch große Fragen auf dem Programm.

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          Die Studentin aus dem dritten Semester kommt ganz schön ins Schwitzen, als sie per Mausklick die Grafik auf die Beamer-Leinwand wirft. Dort erscheint, versehen mit allerlei Balken, Kästchen und Pfeilen, ein Diagramm, das die angehende Juristin ihren Kommilitonen erklären soll. Es zeigt die kniffelige Verlagsstruktur der Suhrkamp und Insel GmbH & Co. KG - mithin so etwas wie die Blaupause des Verlags, das, was das berühmte Haus heute im Innersten zusammenhält. Weil nun aber die Eigentümer, Ulla Unseld-Berkéwicz und Hans Barlach, eben diese Struktur verändern wollen, weil beide lieber ohne den andern den Verlag weiterführen möchten, stehen sie seit Monaten in Berlin und Frankfurt vor Gericht - und die Studenten des Seminars „Recht, Literatur und der Suhrkamp-Streit“ heute vor ihrem Professor Lars Klöhn von der Ludwig-Maximilians-Universität München.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Drittsemester brüten über dem Schaubild, das auch der anwesende Anwalt einer Großkanzlei auf den zweiten Blick nicht durchschaut. Da ist die Rede von Kommanditisten und Komplementären, von Kapitalanteilen, Holding hier, Stiftung da. Und warum steht der Name der Verlegerin hier und da?

          Mit reichlich Proviant aufs geistige Manöverfeld

          Es wird kontrovers diskutiert, die künftigen Richter, Anwälte und Staatsanwälte, die für dieses handverlesene Seminar ausgewählt wurden, verfeinern anhand von Suhrkamp ihre Streitkultur. Doch wollen die Studenten des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht und Unternehmensrecht mehr als nur vor ihrem Professor rhetorisch eine gute Figur abgeben. Sie brauchen den Seminarschein, den es nur für ein überzeugendes Referat zum Suhrkamp-Komplex gibt. Damit sind sie der letzte Beweis dafür, dass der Rechtsstreit im Hause Suhrkamp inzwischen Stoff für die Lehrbücher ist. Der Fall hat schon heute Rechtsgeschichte geschrieben.

          Dass Recht vor allem Streit bedeutet, lernen die juristischen Einsteiger hier, hat seinen Grund. Weil man nämlich annimmt, dass eine Entscheidung, je öfter sie geprüft wird, umso näher ans ideale Ergebnis herankommt. Doch schon die Frage, was Recht überhaupt ist, führt zu keiner Einigkeit, wie die verschiedenen rechtsphilosophischen Referate der Studenten unter anderem über Ronald Dworkin, Oliver Wendell Holmes und Richard Posner zeigen. Sehen die einen im Recht eine metaphysische Ordnung, ist es für die andern bloß die Fähigkeit, voraussagen zu können, wie die Gerichte entscheiden. Nach Niklas Luhmann ist das Recht ein System, den Ökonomen zufolge ein Mechanismus zur Minimierung von Transaktionskosten. Georg M. Oswald schließlich bezeichnet in seinem Roman „Lichtenbergs Fall“ Jura als „Bundeswehr für den Kopf“. Mit dem Schriftsteller, der zwanzig Jahre lang Anwalt in München war und neuerdings den Berlin Verlag in der Hauptstadt leitet, hat sich der Jurist Klöhn Unterstützung aus dem Literaturbetrieb für sein Seminar geholt. Eine internationale Großkanzlei sponsert die Blockveranstaltung, weshalb sie nicht in einem gemeinen Universitätshörsaal stattfindet, sondern in der schmucken Bibliothek des Münchner Literaturhauses. Dass zudem Kaffee und ein Mittagessen spendiert werden, und die Kanzlei selbst zwei Vertreter in die Veranstaltung geschickt hat, zeigt, wie früh die Anwaltsbüros bereits um den juristischen Nachwuchs werben.

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