https://www.faz.net/-gr0-77t54

Suhrkamp-Prozess : Das Urteil

Der Preis dafür ist dem Gesellschaftervertrag eingeschrieben. Nicht nur billigt er Barlach ein ungewöhnlich starkes Mitspracherecht bei wichtigen Entscheidungen der Geschäftsführung zu, beispielsweise beim Kauf und Verkauf von Immobilien oder Autorenrechten. Er hat sich außerdem zusichern lassen, bei Gewinnausschüttungen des Verlags vorrangig behandelt zu werden. Genau das ist nun der Passus, auf den Richter Kehren abzielt, wenn er erklärt, er könne gar nicht anders, als sich nach dem Gesellschaftervertrag und der Gesellschaftervereinbarung zu richten. Wie es zu dieser für den Verlag so gefährlichen Abmachung kommen konnte, musste das Frankfurter Gericht jetzt nicht kümmern. Für Suhrkamp indes ist es fatal.

Rainald Goetz, der bisher bei fast allen Verhandlungen der diversen Prozesse in Berlin und Frankfurt dabei war, gibt sich im Gespräch mit dieser Zeitung überzeugt: Hans Barlach gehe es „ganz objektiv“ darum, die Verlagsgesellschaft zu schädigen. Zwar gewinne er Prozesse, weil der Verlag durchaus Fehler gemacht habe; aber seit Barlach zum Jahreswechsel 2006/07 die Anteile am Verlag übernommen habe, laute sein Tenor: „Diese Geschäftsführung schieße ich da raus.“ Und dann fügt der Autor des Wirtschaftsromans „Johann Holtrop“ noch an: „Ich würde Barlach ja auch gerne aus dem Verlag schmeißen.“

Es geht nicht um „Geist gegen Geld“

Man muss nicht den Naiven spielen. Wer Anteile kauft, verfolgt finanzielle Interessen; und ein Verlag muss sich auf die Dauer rechnen. Jeder Verleger, der das aus den Augen verliert, handelt auch kulturell verantwortungslos. Siegfried Unseld wusste das ganz genau, er lebte danach.

Doch es gibt im Hause Suhrkamp eben auch eine Pflicht gegenüber dem Geist und der Kultur, sie bindet auch den Anteilseigner Barlach. Worin besteht aber das kulturelle Verantwortungbewusstsein des Hans Barlach? Er hat sich nicht an einem x-beliebigen Industriebetrieb beteiligt, sondern einem weltweit geachteten Symbol des deutschen Geisteslebens. Darum erkennen viele in diesem Konflikt eine kulturpolitische Dimension, die weit über die Zwistigkeiten zerstrittener Geschäftsleute hinausweist.

Wenn es um die Suhrkamp-Autoren geht, simuliert er nur verlegerische Urteilskraft: „Autoren wie Goetz“, vertraute er im Januar dem „Hamburger Abendblatt“ an, „übersehen in ihren Verlautbarungen die Komplexität eines Verlagsgebildes. Die Solidarität von Goetz mit Ulla Unseld-Berkéwicz hat sicher was mit dem mit 50.000 Euro dotierten Siegfried-Unseld-Preis zu tun, den er bekommen hat. Das heißt nicht, dass er von Verlagsstrukturen Kenntnis hat.“

Was wiederum nicht heißt, dass Barlach von Suhrkamp-Autoren Kenntnis hat, denn Rainald Goetz hat den Preis nie bekommen, nur Handke, über den er nur mitzuteilen weiß: „Persönlich halte ich seine Sprache für nicht zeitgemäß.“ Ein Verlag, der die intellektuelle Verfassung des Landes seit einem halben Jahrhundert maßgeblich prägt, soll sich also Gedanken über eine zeitgemäße Sprache machen. Was ist also von jemandem zu erwarten, der mit derart leicht zu widerlegenden Tatsachenverdrehungen glaubt, Leute, die seit Jahrzehnten in gutem Einvernehmen mit ihrem Verlag stehen, diskreditieren zu können?

Dieser Mittwochmorgen könnte noch auf höchst ungute Art in die deutsche Geistesgeschichte eingehen. Denn eine Stunde nachdem das Urteil erging, ließ Hans Barlach seine Teilnahme am nächsten Mediationsgespräch, mit dem der Konflikt auch außergerichtlich beigelegt werden könnte und in das die Unseld-Familienstiftung bisher noch einige Hoffnung setzte, absagen. Es geht nun um die Existenz des Suhrkamp Verlags.

Weitere Themen

„Parasite“ Video-Seite öffnen

Trailer : „Parasite“

„Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

Topmeldungen

Donald Trump und Liu He, Vizepremier von China, gemeinsam in Washington. Infolge des Handelskriegs mit Amerika habe die Korruption in Chinas Privatwirtschaft wieder zugenommen, berichtet Philipp Senff von der Wirtschaftsanwaltskanzlei CMS in Schanghai.

Vorfälle der Deutschen Bank : In China lauert die Korruption bis heute

Mit teuren Geschenken an chinesische Politiker wollte sich die Deutsche Bank Vorteile verschaffen. Der Fall lenkt den Blick auf ein Land, das trotz Mühen immer noch unter Bestechung leidet – auch wegen des Handelskriegs mit Amerika.
Andreas Scheuer am Mittwoch in Berlin

Verkehrsminister Scheuer : Im Porsche durch die Politik

Verkehrsminister Andreas Scheuer hat einen Vorteil, der ihm beim Streit über die Pkw-Maut zum Nachteil gereichen könnte: eine gewisse Lockerheit.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.