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Geschäftsführung bestärkt : Suhrkamp in Siegerlaune

Triumph für sie: Suhrkamps Verlagschefin und Geschäftsführerin Ulla Unseld Berkewicz Bild: dapd

Weiterer Befreiungsschlag für Suhrkamp: Die von Hans Barlach der Untreue angeklagte Geschäftsführung bleibt im Amt. Für Minderheitsgesellschafter Barlach spitzt sich die Situation zu.

          3 Min.

          Die Situation für den Minderheitsgesellschafter des Suhrkamp-Verlags, Hans Barlach und seine Medienholding Winterthur AG, spitzt sich weiter zu. Nicht nur wurde der Medienunternehmer offenbar von der Entscheidung des Amtsgerichts Berlin-Charlottenburg überrascht, das am Dienstagabend für Suhrkamp das Insolvenzverfahren eröffnet hat und eine Umwandlung des Hauses in eine Aktiengesellschaft vorsieht. Auch sein Eilantrag auf sofortige Absetzung der Geschäftsführung des Suhrkamp-Verlages wurde gestern vom Berliner Landgericht abgelehnt. Damit sind Thomas Sparr, Jonathan Landgrebe und Ulla Unseld-Berkéwicz weiterhin im Amt, auch während des laufenden Insolvenzverfahrens. Eine Begründung für die Entscheidung liegt noch nicht vor.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Entscheidung über die Absetzung der Geschäftsführung, die Barlach im Dezember erwirkt hatte und wogegen die Verlagsspitze Berufung eingelegt hat, ist mit Eröffnung des Insolvenzverfahrens jedoch ohnehin wohl irrelevant geworden. Denn sollte der Insolvenzplan von der Gläubigerversammlung angenommen werden, dann verwandelt sich der Verlag in eine Aktiengesellschaft, die Suhrkamp Verlags AG, und damit in eine gänzlich neue Rechtsform, in der es keine Geschäftsführung mehr gibt, sondern einen Vorstand, über den dann ein Aufsichtsrat wacht.

          Niederlage für ihn: Mitgesellschafter Hans Barlach gerät nun selbst unter Druck

          Nach Informationen dieser Zeitung wurde für den Bildhauer-Enkel, der seit Jahren um die Macht im Suhrkamp Verlag kämpft, nun auch noch in der Schweiz eine für ihn ungünstige Entscheidung getroffen. Denn Barlachs Antrag auf aufschiebende Rechtsmittelwirkung, also ein vorläufiges Vollstreckungsverbot, wurde beim Schweizer Bundesgericht in Lausanne abgewiesen. Der Hamburger hatte in Lausanne Beschwerde gegen ein Urteil des Zürcher Landgerichts vom 7.Mai eingelegt, wonach er seine Schulden bei Andreas Reinhart vollständig zahlen muss. In dem Prozess ging es um Barlachs Ende 2006 getätigten Erwerb der Suhrkamp Anteile, die in Reinharts Holding lagen.

          Zu dieser Zeit hielt der Sohn des vier Jahre zuvor gestorbenen Verlegers Siegfried Unseld noch zwanzig Prozent an Suhrkamp und die Familienstiftung 51Prozent. Den Rest, 29 Prozent, kontrollierte Reinhart über die Holding. Für den Kauf der Holding hatte Reinhart im Herbst 2006 mit Claus Grossner und Barlach einen Vertrag abgeschlossen. Beide sollten die Hälfte der Aktien für insgesamt 10,8 Millionen Franken übernehmen. Barlach zahlte, Grossner nicht. Barlach vereinbarte daraufhin mit Reinhart, auch Grossners Anteil zu übernehmen und binnen zwei Jahren zu bezahlen.

          Bis heute allerdings hat Reinhart die fünf Millionen Franken nicht erhalten. Inzwischen soll der Winterthurer Unternehmer die Vollstreckung der Summe eingeleitet haben. Damit ist das Verfahren zwar in der nächsten Instanz immer noch anhängig. Die Vollstreckung bedeutet für Barlach jedoch, dass er die Summe von fünf Millionen Schweizer Franken plus Zinsen und Verfahrenskosten schnellstmöglich an Reinhart zu zahlen hat. Reinhart muss dafür eine Sicherheitsleistung hinterlegt haben - für den eher unwahrscheinlichen Fall, dass er in nächster Instanz wiederum dazu verurteilt wird, die Summe zurückzuzahlen.

          Wella-Erben zeigen Interesse

          Sollte Hans Barlach seinerseits nicht in der Lage sein, die Millionensumme rasch aufzubringen, könnte - in einer weiteren irrwitzigen Volte dieser unglaublichen Suhrkamp-Saga - am Ende der Schweizer Unternehmer Reinhart wiederum in genau die Aktien vollstrecken, die er vor Jahren veräußert hatte. Damit hätte der Schweizer Kaffeehändler dann wiederum mittelbar Zugriff auf die Suhrkamp-Anteile. Und säße wieder mit im Verlags-Boot, wie schon bis 2006.

          Dass es soweit nicht kommt, dafür scheint Barlach Vorbereitungen zu treffen. Nach Informationen der Wochenzeitung „Die Zeit“, der ein Grundbuchauszug vorliegt, soll er bereits eine Immobilie auf Sylt mit einer Hypothek in Höhe von 2,8Millionen Euro belastet haben. Vielleicht aber denkt der Minderheitsgesellschafter angesichts der neuen Schweizer Situation nun doch ernsthaft darüber nach, seine Suhrkamp-Anteile endgültig zu verkaufen.

          Das Sammlerehepaar Sylvia und Ulrich Ströher jedenfalls, das ihm bereits einmal ein Angebot zum Kauf seiner Anteile unterbreitet hat, soll neuerliches Interesse bekundet haben. Die Erben des Darmstädter Wella-Konzerns, der im Jahr 2003 für mehrere Milliarden Euro verkauft wurde, treten seit Jahren als Mäzene auf und haben unter anderem das Museum Küppersmühle in Duisburg mit Werken von Beuys, Kiefer, Lüpertz und Baselitz bestückt.

          Das Züricher Verfahren förderte im Mai erstmals auch jene Zahl zutage, über die sich Barlach stets in Schweigen gehüllt hatte, nämlich den Kaufpreis für die von ihm erworbenen Suhrkamp-Anteile. Er lag bei 10,8 Millionen Franken. So erklärt sich nun wohl die Summe von rund zehn Millionen Euro, die das Ehepaar Ströher dem Vernehmen nach für Barlachs Anteile zu zahlen bereit ist. Mit Andreas Reinhart hatte Suhrkamp einst einen stillen Teilhaber, der sein Vermögen mit Kaffee gemacht hat. Mit den Ströhers käme das Geld aus dem Shampoo-Geschäft. Wer auch immer demnächst bei Suhrkamp mit im Boot sitzt - es scheint, als könnte der Verlag der alten Kultur im neuen Look in die Zukunft gehen.

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