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Suhrkamp : Die Erfindung

Man sollte wissen, wovon man redet in der vertrackten Suhrkamp-Geschichte. Ein Autor der „Süddeutschen“ wusste es nicht, wollte aber von der Kollegenschelte nicht lassen.

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          Die Causa Suhrkamp ist unglaublich kompliziert. Zwei Gesellschafter beharken sich bis aufs Blut, sie sind in juristische Händel verwickelt, deren schiere Zahl überwältigend ist, von den Querbezügen ganz zu schweigen. Und dann verfällt der Verlag auf das neue Insolvenzrecht, das der Geschäftsführung die Möglichkeit geben könnte, im Verein mit einem Sachwalter binnen drei Monaten die Dinge rational zu ordnen, vielleicht wird der Verlag in eine neue Gesellschaftsform überführt. Die Autoren und die Kritiker sehen das mit Erstaunen, Befremden, Besorgnis.

          Doch das reicht nicht. Man muss sich in die Dinge hineinwühlen, man muss Gerichtstermine wahrnehmen, man muss die Expertise von Verlagsleuten und Juristen einholen, will man den Lesern die Sache nicht als Buch mit sieben Siegeln zum Selberlösen überlassen oder, wie es dem Feuilleton gerne vorgeworfen wird, nur herumraunen. Man ist zuständig, als Zeitungsredakteur, sonst macht man seinen Job nicht. Von der Mühsal dieses Unterfangens handelte ein Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“, von den Nöten der Journalisten, sich Ein- oder gar Durchblick zu verschaffen, von der Verzweiflung des Suhrkamp-Autors Durs Grünbein. Ein schönes, leicht ironisch gefärbtes Sittengemälde sollte das wohl sein. Doch hat es leider auch eine bittere Pointe. Denn der, der da für Aufklärung sorgen will, hat selbst nicht vollständig recherchiert, stiftet Verwirrung und verbreitet die Unwahrheit.

          Dokument der Hilflosigkeit

          Was in einem Interview mit dem neuen Generalbevollmächtigten des Suhrkamp-Verlags, Frank Kebekus, in dieser Zeitung über das jetzt vom Verlag in Gang gesetzte Insolvenzverfahren steht, „muss zu einem Drittel Erfindung oder mindestens ein Missverständnis sein; wir glauben nicht, dass der Kollege Kebekus so etwas tatsächlich von sich gegeben hat“. Mit diesem Zitat einer ungenannten „bekannten Kanzlei“ wird die Echtheit des Interviews in Abrede gestellt. Das Interview aber gibt es, Frank Kebekus hat es genauso gegeben, wie es in dieser Zeitung stand und es hätte nur eines Anrufs bedurft, um sich davon zu überzeugen. Doch diesen Anruf, diese Anfrage, die zwingend notwendig gewesen wäre, um eine solche Tatsachenbehauptung abzusichern, gab es nicht. Und so dokumentiert der Autor, der aller Welt die angebliche Hilflosigkeit der Journalisten vor Augen führen wollte, nur seine eigene. Und zeigt, dass er selbst nicht weiß, wovon er redet. Und die Fachjuristen, die er anonym zitiert, wissen es gespentischerweise offenbar auch nicht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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