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Suhrkamp AG : Tausche Charisma gegen Zahlungsfähigkeit

Die Villa der Verlegerin Bild: dpa

Suhrkamps Rettung aus dem Geist der mäzenatischen Ethik: Wella-Erbin Sylvia Ströher erklärt, ihr Engagement bei dem angeschlagenen Verlag liege außerhalb ihrer „sonstigen Anlagestrategien“. Das spricht Bände.

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          Noch nie wurde unter deutschen Autoren, Intellektuellen und Feuilletonisten die Gründung einer Aktiengesellschaft so entschieden begrüßt wie in der vergangenen Woche. Nie zuvor auch hat die Berufung eines Betriebswirtes an die Spitze eines literarischen und geisteswissenschaftlichen Verlages so viele wohlwollende Kommentare gefunden. Der Suhrkamp-Verlag ändert seine Gesellschaftsform, ersetzt eine Schriftstellerin in seiner Leitung durch einen Kaufmann - und die Geistesrepublik atmet auf.

          Zwei Kosmetik-Erben aus Darmstadt, die als Sammler großen Stils soeben noch zu jener sozialen Gruppe gehörten, die sich manche Kritik von kritischen Kritikern anhören muss, sie kommerzialisiere die Kunst, sind nun die mäzenatischen Retter desselben Verlags, der gerade einen Band „Geld frisst Kunst, Kunst frisst Geld“ herausgebracht hat. Muss „frisst“ jetzt nicht durch „hilft“ ersetzt werden?

          Der Streit zwischen den einander verhassten Suhrkamp-Gesellschaftern, Ulla Berkéwicz-Unseld auf der einen, Hans Barlach auf der anderen Seite, wurde seit seinem Beginn vor acht Jahren mittels vieler Geist-Kommerz-Gegensätze beschrieben. Der Hamburger Investor Barlach legte durch seine Mitteilungen nahe, dass für ihn Lesen nicht die nächstliegende Umgangsweise mit Büchern ist. Er machte, nicht unplausibel, das Recht des Miteigentümers geltend, sich mehr für die Zinsen als fürs Produkt zu interessieren. Geld als Zweck. Berkéwicz-Unseld hingegen, die Verlegerin, der er Misswirtschaft sowie die private Nutzung von Verlagsvermögen vorwarf, ließ gesprächsweise wissen, „Geld bedeutet leider sehr viel, wenn auch nicht mir persönlich, aber eben für den Verlag“. Geld als Mittel.

          Der schlechtgemeinte zählt so viel wie der gutgemeinte Euro

          So stand bewiesene Programmqualität gegen die Renditeerwartungen eines „Unholds“ und „Abgrundbösen“ (Peter Handke), stand „zutrauendes Interesse“ der Verlagsspitze in Autoren gegen den geistblinden „Zugriff des Kapitals“ (Volker Braun). Die Prozessparteien erschienen wie Allegorien von sachlicher Gerechtigkeit hier und banausischer Habgier da, in einer Zeit, in der sich die Kultur überall vom Markt beeinträchtigt sieht.

          Was in diesen stark stilisierten Gegensätzen nicht untergebracht werden konnte, blieb als Rätsel stehen: dass Bücher schön und gut und wahr sein können, sich aber trotzdem nicht verkaufen. Dass ein schlechtgemeinter Euro genauso viel zählt wie ein gutgemeinter. Oder: dass Zahlungsunfähigkeit geradezu herbeigesehnt werden mag, wenn sie es nach dem neuesten Insolvenzrecht ermöglicht, Blockaden von Minderheiteneigentümern durch deren Entmachtung aufzulösen. Jetzt sind die Rätsel bis auf Weiteres gelöst. Suhrkamp kann Barlach im Zaum halten und lebt von Zuwendungen der Darmstädter Milliardäre.

          Manche Einlassung, die diesen Streit begleitete, der ein Fest für die Anwälte gewesen sein muss, hält darum nun einer neuerlichen Lektüre nicht mehr stand. So wurde der Investment-Heuschrecke, die auf ihren Rechten herumritt, das „Verleger-Charisma“ des eigentümergeführten Hauses gegenübergestellt. Nur die Personalunion von Besitz und operativer Verantwortung, so Rainald Goetz, der Jetztzeit-Romantiker unter den Suhrkamp-Autoren, ermögliche dieses Charisma. Dann müsste es aber bald verfliegen, denn der neue Vorstandsvorsitzende der Suhrkamp AG, Jonathan Landgrebe, ist naturgemäß ein Angestellter. Dass er sich mit Aktienoptionen bezahlen lässt, die ihn zum Miteigentümer mit Aussicht auf kapitalgedecktes Charisma machen könnten, darf stark bezweifelt werden.

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