https://www.faz.net/-gr0-7h7co

Es ist entschieden : Die Auferstehung der Suhrkamp AG

So sieht eine Siegerin aus: Ulla Unseld-Berkéwicz Bild: dapd

Sieg der Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz: Das Amtsgericht Berlin Charlottenburg hat den Insolvenzplan bestätigt. Damit steht der Suhrkamp AG nichts mehr im Wege. Hans Magnus Enzensberger soll in den Aufsichtsrat.

          3 Min.

          Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg hat den Insolvenzplan von Suhrkamp an die Beteiligten des Verfahrens verschickt. Es ist nur ein simpler Postausgang, den nicht einmal ein Pressesprecher vermeldet, aber damit ist die gerichtliche Zulassung eines der umstrittensten Verfahren der vergangenen Wochen und Monate erfolgt.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Der Umsetzung des Plans, der die Umwandlung des traditionsreichen Verlags in eine Aktiengesellschaft vorsieht und um den zuletzt so heftig gerungen wurde, vor allem zwischen den zerstrittenen Gesellschaftern, steht jetzt kaum mehr etwas entgegen. Er wird jetzt nur noch der Gläubigerversammlung zur Prüfung und Entscheidung vorgelegt, das wird Ende Oktober sein. Da von den mehr als tausend Gläubigern, darunter Autoren, Papierfabrikanten und Druckereien, bislang niemand Widerspruch gegen das Verfahren angemeldet hat, wird mit Zustimmung gerechnet. Beschließt die Versammlung Ende Oktober den Plan, vollzieht sich genau in diesem Moment die Umwandlung des Hauses in die Suhrkamp AG. Dann ist es nur noch eine Frage von Tagen bis Wochen, bis das Insolvenzverfahren beendet und der Verlag im neuen rechtlichen Gewand in eine Zukunft entlassen wird, in der dann hoffentlich nur noch über Bücher debattiert wird - und nicht mehr über juristische Schriftsätze.

          Die Erleichterung ist groß

          Verzögert hatten die Entscheidung des Berliner Gerichts, die schon vorige Woche erwartet worden war, kleinere Korrekturen, die eingefordert wurden. So war die zuständige Richterin Mechthild Wenzel nicht damit einverstanden, dass die Anwälte der Familienstiftung der Hamburger Witthohn, Aschmann und Schellack als Platzhalter für einen vorläufigen Aufsichtsrat benannt worden waren. Jetzt liegt die endgültige Besetzung des Aufsichtsrats fest. Dieser besteht aus dem Suhrkamp-Autor Hans Magnus Enzensberger, dem FDP-Politiker und einstigen Innenminister Gerhart Baum sowie der Ärztin Marie Warburg, die einer Bankiersfamilie entstammt. Das Gremium, benannt vom Verlag im Rahmen des Insolvenzverfahrens, wird als eine der ersten Aufgaben den Vorstand bestimmen.

          Während in Berlin eifrig an der neuen AG gebastelt wird und man Nachhilfestunden in Aktienrecht nimmt, ist zugleich die Erleichterung groß, dass die Kritik des zürnenden Minderheitsgesellschafters Hans Barlach am Berliner Gericht kein Gehör fand. Seit dem 6.August läuft das Insolvenzverfahren. Seither hat der Hamburger Medienunternehmer, dessen Medienholding 39 Prozent an Suhrkamp besitzt, mit mehr als einem Dutzend Klagen und Anträgen bei Gerichten in Frankfurt und Berlin die Umsetzung des Plans bis zuletzt zu verhindern versucht. Fast alle Anträge wurden abgelehnt. Nur das Frankfurter Landgericht hatte Mitte August eine einstweilige Verfügung der Medienholding bestätigt, die erwirkte, Gewinnforderungen der Familienstiftung für die Jahre 2010 und 2011 zu stunden. Dieses Urteil wurde gestern vom Frankfurter Oberlandesgericht aufgehoben.

          Die Frankfurter Richterin hatte in ihrer Urteilsbegründung „erhebliche Zweifel an der Plausibilität“ der vorgelegten Überschuldungsbilanz geäußert und folgerte, dass der Gesellschaft durch das Insolvenzverfahren „ein schwerer, nicht wiedergutzumachender Schaden“ drohe. Ulla Unseld-Berkéwicz habe sich gegenüber der Medienholding „grob treuwidrig“ verhalten.

          Der Insolvenzplan ist rechtens

          Nicht nur das Oberlandesgericht in Frankfurt mochte in der Berufung den Vorwürfen der 9.Kammer für Handelssachen in Frankfurt nicht folgen, auch das Berliner Insolvenzgericht ignorierte den Entscheid. Stattdessen kam es nach Studium des Insolvenzgutachtens zu dem Schluss, dass bei Suhrkamp Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit vorliegen und der Insolvenzplan rechtens ist, auch ohne die Fälligstellung der Gewinnausschüttungen.

          Die Berliner Entscheidung ist vor allem deshalb von Belang, weil, wer dieser Tage über Suhrkamp nachdenkt, nicht vergessen darf, dass der Verlag an sich heute gut dastünde und gar nicht in die finanzielle Schieflage hätte geraten müssen - gäbe es nicht den seit Jahren andauernden, zermürbenden Streit der Gesellschafter, den Hans Barlach ein ums andere Mal befeuert hat. Dieser Konflikt hat längst zu einer Lähmung des operativen Geschäfts geführt, was dem Verlag massiv geschadet hat.

          Zuletzt konnten wichtige Entscheidungen nicht mehr getroffen werden, weil Hans Barlach Autorenverträge ebenso verhinderte wie die Suche des Verlags nach einer neuen Bleibe in Berlin. Und zwar, obwohl der Berliner Senat zu solch einer Immobilie drei Millionen Euro beisteuern wollte. Wäre dem verbitterten Barlach nicht rasch Einhalt geboten worden, wäre der Verlag an die Wand gefahren.

          Barlach verliert auf ganzer Linie

          Frank Kebekus, der Generalbevollmächtigte des Suhrkamp Verlags, war sich deshalb sicher, dass Barlachs juristischer Sieg in Frankfurt in der nächsten Instanz aufgehoben werde. Vor allem aber ist der Düsseldorfer Anwalt sich sicher: „Wenn das Verfahren so grob missbräuchlich wäre, wie es der Minderheitsgesellschafter immer behauptet, wenn es also Arbeitnehmern, dem Verlag, den Autoren und den Gläubigern so sehr schaden würde, dann wäre es nur logisch, dass die angeblich so Geschädigten sich melden und beschweren würden. Aber von diesen Gruppen kommt kein Widerstand, sondern nur Bestätigung.“

          Barlach verliert auf ganzer Linie. Das höchste Schweizer Gericht hat inzwischen entschieden, dass er dem Schweizer Unternehmer Andreas Reinhart fünf Millionen Franken plus Zinsen aus dem Verkauf seiner Verlags-Anteile bezahlen muss. Barlach hatte die Zahlung mit dem Argument verweigert, dass er nicht ausreichend über das bestehende Konfliktpotential bei Suhrkamp informiert wurde. Das Handelsgericht sah das anders.

          Die Intensität der Auseinandersetzung hat Hans Barlach gleichwohl auf die Spitze getrieben. Womöglich wird er keine Ruhe geben. Auch bei der Gläubigerversammlung nicht, bei der er, als einer unter tausend Gläubigern, zugegen sein wird. Aber die Suhrkamp AG wird jetzt nichts mehr aufhalten. Und wir können uns wieder den Büchern und Romanen zuwenden.

          Weitere Themen

          Gestohlenes Klimt-Werk nach 20 Jahren wieder aufgetaucht Video-Seite öffnen

          Sensationsfund : Gestohlenes Klimt-Werk nach 20 Jahren wieder aufgetaucht

          Ein durch Zufall gefundenes Gemälde wurde als das vor mehr als 20 Jahren gestohlene Werk von Gustav Klimt "Bildnis einer Frau" identifiziert. Das Gemälde wurde im Dezember in der Außenmauer eines italienischen Museums in Piacenza entdeckt. Nun bestätigt die Museumsleitung, dass es sich bei dem Fund tatsächlich um das Original handelt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.