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Die Jahre 1944/45 : Suhrkamps unbekannte Geschichte

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Peter Suhrkamp Bild: Verlag

Ein Verlag im Krieg - die vergessene Frühgeschichte von Peter Suhrkamps Unternehmen während der schweren Jahre 1944 und 1945 spielt in Potsdam.

          Der Suhrkamp Verlag war in seiner Existenz schon einmal bedroht. Das Geschehen reicht freilich zurück in eine Zeit, mit der man die später von George Steiner genannte „Suhrkamp-Kultur“ am allerwenigsten verbindet - in die letzten Jahre des „Dritten Reichs“. Im April 1944 war Peter Suhrkamp von der Gestapo verhaftet worden. Von da an bis zum Herbst 1945 liefen die Fäden, die den Verlag zusammenhielten, in Potsdam zusammen. Wie kam es dazu?

          Peter Suhrkamp arbeitete seit 1932 als Herausgeber der angesehensten deutschen Literaturzeitschrift, der „Neuen Rundschau“, im Berliner S. Fischer Verlag. Den Nationalsozialisten ist der Verlag aus doppeltem Grund zuwider: zum einen, weil hier die literarische Moderne zu Hause ist, zum andern wegen der jüdischen Herkunft des Verlagsgründers. Dessen internationales Renommee schützt das Haus zunächst. Als Samuel Fischer im Oktober 1934 stirbt, stimmt dessen Schwiegersohn und Erbe, Gottfried Bermann-Fischer, unter dem Druck der politischen Verhältnisse einer Teilung des Verlags zu. Fortan publiziert Gottfried Bermann-Fischer von den verschiedenen Emigrationsorten aus und unter wechselnden Verlagsnamen bis zum Ende des Krieges jene Autoren, die im Machtbereich des NS-Regimes nicht mehr erscheinen dürfen. In Deutschland verbleibt als S. Fischer Verlag K.G. jener Teil des Verlags, der den Erben von einem Konsortium abgekauft worden war. Als Leiter des Verlags und Vertrauensmann der Familie soll Peter Suhrkamp treuhänderisch den S. Fischer Verlag durch die Fährnisse der Zeit bringen.

          1942: Aus S.Fischer wird Suhrkamp

          Dies erweist sich zumindest als ebenso schwierig wie die Verlagstätigkeit von Bermann-Fischer in der Emigration. Suhrkamp, hochdekorierter Stoßtruppführer im Ersten Weltkrieg, ist seiner geistigen Statur nach kein linker Intellektueller. Seine Abneigung gegen die Nationalsozialisten speist sich aus einer liberalen Grundhaltung, dem Drang nach Unabhängigkeit und hoher künstlerischer Sensibilität. Um in einer feindlichen Umwelt der Verlagstradition von S. Fischer treu zu bleiben und in den Jahren kriegsbedingter Einschränkungen das Unternehmen wirtschaftlich zu führen, geht Suhrkamp Kompromisse ein. Seit 1942 druckt der Verlag auch Bücher für die Truppenbetreuung der Wehrmacht, sogenannte Frontbuchhandelsausgaben, und sichert sich so die Zuteilung des kontingentierten Papiers. Bereits 1940 ergeht die behördliche Anordnung, das Unternehmen umzubenennen, im März 1941 folgt eine Weisung des Propagandaministeriums, die Firmennamen „entjudeter Betriebe“ zu tilgen. Doch erst zum 1. Juli 1942 wird aus dem S. Fischer Verlag der Suhrkamp Verlag vormals S. Fischer, schließlich, mit Beginn des Folgejahres, der Suhrkamp Verlag. Unter diesem Label erscheinen auch Bücher von nationalsozialistischen Autoren wie Felix Lützkendorf und Hans Rehberg.

          Schreiben vom städtischen Kulturamt, das die für Potsdam ’kulturwichtige’ Arbeit des Suhrkamp Verlags bestätigt

          Dennoch wird die Arbeit des Suhrkamp Verlags von den NS-Behörden - aus guten Gründen - mit Argwohn betrachtet. Denn mit Manfred Hausmann, Hermann Hesse und Oskar Loerke, um nur einige zu nennen, verlegt Suhrkamp Autoren, die Abstand zum Regime erkennen lassen. Die Haltung Suhrkamps zu Beginn des Kriegs wird in einem Brief deutlich, den dieser vom sicheren Amsterdam aus im Oktober 1939 an den emigrierten Carl Zuckmayer schrieb: „Auf den Tod bin ich seit einigen Jahren eingestellt, und ich möchte am Ende lieber in der Armee stehen - Du wirst verstehen, weshalb. Das wäre noch ein Ende, bei dem man sauber bleiben kann. Denn das Ende mit Kommunismus liegt mir nicht, und ich glaube, daß dies die andere Alternative sein wird: das Geschenk der Russen an uns.“ Im Februar 1941 stirbt, innerlich zerfressen vom Ekel an der Zeit, Suhrkamps Freund und Lektor, der Lyriker Oskar Loerke. Wenig später besucht Suhrkamp den Schriftsteller Hermann Kasack in Potsdam, mit dem er seit 1933 bekannt ist, und trägt ihm die Nachfolge Loerkes an. Der Verleger hat seine Erinnerung an diese Begegnung später niedergeschrieben. Es ging dabei nicht um ein Stellengespräch, sondern um ein Bündnis „auf Gedeih und Verderb“ - sollte Suhrkamp etwas zustoßen, übernähme Kasack den Verlag.

          Zwei Briefe nach Potsdam

          Hermann Kasack war als Lyriker und Hörspielautor bis dahin mäßig erfolgreich. Erst nach dem Krieg wurde er einem breiteren Publikum bekannt mit seinem Roman „Die Stadt hinter dem Strom“ (1947), der als wichtiges Zeugnis der inneren Emigration gilt. Eine wichtige Rolle spielt Kasack jedoch zeitlebens als Vermittler von Literatur. Bereits seit 1921 Lektor im Verlag von Gustav Kiepenheuer in Potsdam, gehört er zu den literarischen Entdeckern Brechts. 1925 arbeitet Kasack für einige Zeit als Lektor bei S. Fischer, und zur selben Zeit gestaltet er als einer der Ersten in Deutschland literarische Sendungen für den Rundfunk. Damit ist es 1933 vorbei, mit dem „Sendeverbot“ bei der Berliner Funkstunde verliert Kasack seine wichtigste Einnahmequelle als freier Schriftsteller. Sein Haus in Potsdam bleibt jedoch ein Anlaufpunkt für Schriftsteller und Künstler, zu denen neben dem Freund Oskar Loerke und Peter Suhrkamp auch die jungen Dichter Günter Eich und Peter Huchel gehören.

          Im Schatten der Metropole Berlin hatte sich seit den zwanziger Jahren in Potsdam mit Verlagen wie Kiepenheuer, Rütten & Loening und Athenaion, mit Schriftstellern wie Reinhold Schneider, Musikern wie Wilhelm Furtwängler, Wilhelm Kempff und Künstlern wie Siegward Sprotte ein reges Kulturleben entwickelt. Das kommende Unheil lag jedoch früh in der Luft. 1930 notiert Kasack in sein Tagebuch: „Ich rechne absolut mit einer Art Diktatur der Nazis, die sich ohne größeren Putsch vollziehen wird. Der Rückschlag wird den Geist Europas um ein Jahrhundert zurückwerfen.“ Beide, Kasack und Suhrkamp, wissen, was das Bündnis „auf Gedeih und Verderb“ bedeuten würde. Im März 1943 kann eine drohende Schließung des Verlags abgewendet werden. Doch ein halbes Jahr später wird Peter Suhrkamp Opfer eines Agent Provocateur, der sich als Freund Hermann Hesses ausgibt und Kontakte zum deutschen Widerstand in der Schweiz anbietet. Suhrkamp geht darauf zwar nicht ein, unterlässt es aber zugleich, den Vorfall zu melden. Am 13. April 1944 wird er verhaftet, im Gestapogefängnis im Konzentrationslager Ravensbrück verhört und wegen Hoch- und Landesverrats angeklagt.

          Am 7. Juni 1944 schreibt Suhrkamp aus Ravensbrück zwei Briefe nach Potsdam, einer geht an den befreundeten Verleger Werner E. Stichnote, der andere an Hermann Kasack. Beide Briefe gelten der Sorge um seine Frau Annemarie und um den Verlag. Annemarie Suhrkamp wendet sich umgekehrt in Sorge um ihren Mann von Potsdam aus im Oktober und November 1944 brieflich an Hanns Johst. Der expressionistische Dramatiker, Chef der Reichsschrifttumskammer seit 1935, war SS-Gruppenführer und persönlicher Freund Heinrich Himmlers. Er zählte ebenso wie Suhrkamps Schwägerin, die Lyrikerin Ina Seidel, zu den „sechs wichtigsten deutschen Schriftstellern“ auf der sogenannten „Gottbegnadetenliste“. Johst und Suhrkamp kannten sich seit ihrer Jugend. Inzwischen hatte sich die Situation für den Inhaftierten verschärft. Linien werden zum Hitler-Attentat gezogen. Goebbels bezeichnet den Suhrkamp Verlag als „Verlag des 20. Juli“. Zwar wird das gerichtliche Verfahren gegen Suhrkamp bereits im Juni 1944 wegen Beweismangels eingestellt, die Gestapo ermittelt aber neu. Wie aus einem Brief Suhrkamps an Kasack aus dem Dezember 1945 hervorgeht, bezogen sich die Ermittlungen der Gestapo vor allem auf den Kieler Bankier Wilhelm Ahlmann, der im Kontakt zu Stauffenberg stand und sich der Folter in der Haft durch einen selbstgewählten Tod entzogen hatte. Suhrkamp war seit 1915 mit Ahlmann befreundet. Ein anderer Freund, der Bildhauer Arno Breker, besucht Suhrkamp in der Haft und verwendet sich für ihn. Auf dessen Anraten fährt Annemarie Suhrkamp nach Starnberg zu Johst und bedrängt ihn mit der, wie sie schreibt, „phantastischen“ Bitte, er möge arrangieren, dass Suhrkamp „nur zehn Minuten“ Himmler vorgeführt werde, „so würde er (Himmler) durch seine hohe Menschenkenntnis augenblicklich klar übersehen, wie es um Suhrkamp steht“.

          Eine der ersten Nachkriegslizenzen

          Hermann Kasack betreibt die Geschäfte des Suhrkamp Verlags inzwischen von Potsdam aus. Hier existiert seit 1944 eine Filiale des Verlags in der Waisenstraße (heute Dortustraße), die eigentlich nur für Theaterthemen und Buchhaltung zuständig sein sollte. Doch kurz zuvor war ein Großteil der Buchbestände beim Bombenangriff auf Leipzig verlorengegangen. Da man das gleiche Schicksal für den Berliner Hauptsitz befürchtete und der Weg in die Innenstadt immer beschwerlicher wurde, konzentrierte man die Arbeit in den letzten Kriegsmonaten in Potsdam. Tatsächlich geht das Verlagshaus in der Berliner Lützowstraße mit allen Büchervorräten wenig später in Flammen auf. Die Öffentlichkeit hält man über das Schicksal des inhaftierten Verlegers im unklaren. Kasack lässt, als Ermutigung für Peter Suhrkamp, seine Erzählung „Das Birkenwäldchen“ in der „Neuen Rundschau“ drucken, von der er weiß, dass Suhrkamp sie lesen darf. Suhrkamp war wieder von der Gestapo übernommen und nach einer Zwischenstation im Gestapo-Gefängnis in der Lehrter Straße Ende Januar 1945 ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht worden. Dort wird er am 2. Februar 1945 schwerkrank entlassen, steigt in Oranienburg in die S-Bahn und taucht morgens um vier in Potsdam bei Kasack auf. Der Verleger Henry Goverts beschreibt die Szene in einem Brief an Hermann Hesse: „Frau Kasack öffnete und prallte beim Anblick eines totenkopfähnlichen Gesichtes zurück. Peter Suhrkamp setzte sich in Kasacks Zimmer und entlud sich, sprach sich aus bis in den Morgen hinein, dann brach er zusammen, hatte vierzig Grad Fieber und eine Lungenentzündung.“

          Suhrkamp verbringt die kommenden Wochen im Potsdamer Krankenhaus, dessen Chefarzt er kennt. Zunächst ist unklar, ob er die Krise überstehen wird, Mitte März bittet er Kasack, den Verlag vorerst weiter zu leiten. Beim Bombenangriff vom 15. April 1945, der das historische Zentrum der Residenz in Schutt und Asche legt, wird auch das Krankenhaus zerstört. Der Patient wird zunächst im Privathaus des Chefarztes, später beim Verleger Stichnote und im Haus der Familie von Arnim untergebracht. Tage vor dem Einmarsch der Roten Armee besucht er Kasacks und gibt „Verhaltensmaßregeln für den Fall, dass es zu Häuserkämpfen innerhalb der Stadt käme“. Kasack überlebt die Besetzung der Stadt durch die Rote Armee nur mit knapper Not. Im Mai 1945 erfolgt die Bestandsaufnahme: Die Potsdamer Filiale des Suhrkamp Verlags wird in den ersten Tagen als Wachlokal einer neuen kommunalen Polizei genutzt. Später wird der Zugang zum Büro durch einen „mongolischen Posten“ gesperrt, wie der Schriftsteller im Tagebuch notiert: „Er saß vor dem Haus - denn alle Posten des russischen Militärs sitzen, soweit wir beobachten konnten, auf einem Stuhl, wobei sie zuweilen einen kleinen Tisch in passender Höhe neben sich stellen, um ihre Arme bequem aufzustützen.“ Kasack scheint sich um amtliche Hilfe bemüht zu haben. Überliefert ist ein Schreiben des städtischen Kulturamts vom 30. Mai 1945, in dem bescheinigt wird, „daß die Arbeit des Suhrkamp-Verlages (Buchverlag und Bühnenverlag) für Potsdam kulturwichtig ist“. Dennoch wusste Peter Suhrkamp eher als Kasack, Stichnote und andere, dass er mit seiner liberalen geistigen Haltung im politischen System der SBZ keine Zukunft haben würde. Anfang Oktober 1945 wechselt er von Potsdam in den amerikanischen Sektor nach Zehlendorf, wenig später erhält er als erster Verleger im Nachkriegs-Berlin die Publikationslizenz der britischen Militärregierung. Im Januar 1946 lässt Suhrkamp das Potsdamer Büro räumen und Möbel wie Unterlagen auf einem Pferdewagen nach Zehlendorf bringen. Damit endet die Geschichte des Suhrkamp Verlags in Potsdam.

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