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Die Jahre 1944/45 : Suhrkamps unbekannte Geschichte

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Eine der ersten Nachkriegslizenzen

Hermann Kasack betreibt die Geschäfte des Suhrkamp Verlags inzwischen von Potsdam aus. Hier existiert seit 1944 eine Filiale des Verlags in der Waisenstraße (heute Dortustraße), die eigentlich nur für Theaterthemen und Buchhaltung zuständig sein sollte. Doch kurz zuvor war ein Großteil der Buchbestände beim Bombenangriff auf Leipzig verlorengegangen. Da man das gleiche Schicksal für den Berliner Hauptsitz befürchtete und der Weg in die Innenstadt immer beschwerlicher wurde, konzentrierte man die Arbeit in den letzten Kriegsmonaten in Potsdam. Tatsächlich geht das Verlagshaus in der Berliner Lützowstraße mit allen Büchervorräten wenig später in Flammen auf. Die Öffentlichkeit hält man über das Schicksal des inhaftierten Verlegers im unklaren. Kasack lässt, als Ermutigung für Peter Suhrkamp, seine Erzählung „Das Birkenwäldchen“ in der „Neuen Rundschau“ drucken, von der er weiß, dass Suhrkamp sie lesen darf. Suhrkamp war wieder von der Gestapo übernommen und nach einer Zwischenstation im Gestapo-Gefängnis in der Lehrter Straße Ende Januar 1945 ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht worden. Dort wird er am 2. Februar 1945 schwerkrank entlassen, steigt in Oranienburg in die S-Bahn und taucht morgens um vier in Potsdam bei Kasack auf. Der Verleger Henry Goverts beschreibt die Szene in einem Brief an Hermann Hesse: „Frau Kasack öffnete und prallte beim Anblick eines totenkopfähnlichen Gesichtes zurück. Peter Suhrkamp setzte sich in Kasacks Zimmer und entlud sich, sprach sich aus bis in den Morgen hinein, dann brach er zusammen, hatte vierzig Grad Fieber und eine Lungenentzündung.“

Suhrkamp verbringt die kommenden Wochen im Potsdamer Krankenhaus, dessen Chefarzt er kennt. Zunächst ist unklar, ob er die Krise überstehen wird, Mitte März bittet er Kasack, den Verlag vorerst weiter zu leiten. Beim Bombenangriff vom 15. April 1945, der das historische Zentrum der Residenz in Schutt und Asche legt, wird auch das Krankenhaus zerstört. Der Patient wird zunächst im Privathaus des Chefarztes, später beim Verleger Stichnote und im Haus der Familie von Arnim untergebracht. Tage vor dem Einmarsch der Roten Armee besucht er Kasacks und gibt „Verhaltensmaßregeln für den Fall, dass es zu Häuserkämpfen innerhalb der Stadt käme“. Kasack überlebt die Besetzung der Stadt durch die Rote Armee nur mit knapper Not. Im Mai 1945 erfolgt die Bestandsaufnahme: Die Potsdamer Filiale des Suhrkamp Verlags wird in den ersten Tagen als Wachlokal einer neuen kommunalen Polizei genutzt. Später wird der Zugang zum Büro durch einen „mongolischen Posten“ gesperrt, wie der Schriftsteller im Tagebuch notiert: „Er saß vor dem Haus - denn alle Posten des russischen Militärs sitzen, soweit wir beobachten konnten, auf einem Stuhl, wobei sie zuweilen einen kleinen Tisch in passender Höhe neben sich stellen, um ihre Arme bequem aufzustützen.“ Kasack scheint sich um amtliche Hilfe bemüht zu haben. Überliefert ist ein Schreiben des städtischen Kulturamts vom 30. Mai 1945, in dem bescheinigt wird, „daß die Arbeit des Suhrkamp-Verlages (Buchverlag und Bühnenverlag) für Potsdam kulturwichtig ist“. Dennoch wusste Peter Suhrkamp eher als Kasack, Stichnote und andere, dass er mit seiner liberalen geistigen Haltung im politischen System der SBZ keine Zukunft haben würde. Anfang Oktober 1945 wechselt er von Potsdam in den amerikanischen Sektor nach Zehlendorf, wenig später erhält er als erster Verleger im Nachkriegs-Berlin die Publikationslizenz der britischen Militärregierung. Im Januar 1946 lässt Suhrkamp das Potsdamer Büro räumen und Möbel wie Unterlagen auf einem Pferdewagen nach Zehlendorf bringen. Damit endet die Geschichte des Suhrkamp Verlags in Potsdam.

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