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Suhrkamp-Briefwechsel : Es kann mir ja sehr vieles schief gehen

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Der Leiter des Literaturarchivs an der Frankfurter Goethe-Universität, Wolfgang Schopf, hält einen der Briefe Peter Suhrkamps in seinen Händen. Bild: dpa

Nach jahrelanger Ankündigung erscheint jetzt der Briefwechsel von Peter Suhrkamp mit seiner Frau Annemarie Seidel. Er umfasst auch jene Jahre, die bis heute Anlass für den Streit über Suhrkamps Rolle im „Dritten Reich“ geben.

          Er ist der Rätselmann der deutschen Verlagshistorie, berühmt durch die dunkle Geschichte, die er erlebte, und durch den Verlag, der zu einem der erfolgreichsten der Bundesrepublik wurde und der seinen Namen trägt: Peter Suhrkamp. Doch an originalen Dokumenten von ihm selbst fehlte es bislang weitgehend. Ein Bauernsohn aus Oldenburg, am 28. März 1891 geboren, den sein Bildungshunger vom Hof trieb, der Volksschullehrer wurde, Patrouillenoffizier im Ersten Weltkrieg, zu dessen Geschäft das „Verstümmeln“ und „Morden“ gehörte, wie er selbst schrieb, der schwer traumatisiert den Weg zurück ins Leben finden musste, noch einmal studierte, Lehrer an der Odenwaldschule und in der Freien Schulgemeinde Wickersdorf wurde, dann Dramaturg und Regisseur am Landestheater Darmstadt, später Theaterkritiker und freier Schriftsteller in Berlin - und schließlich von 1933 an Mitarbeiter im S. Fischer Verlag und Leiter der „Neuen Rundschau“.

          Im Mai 1935 verliebt sich Suhrkamp in die Schauspielerin Annemarie Seidel. Ein Briefwechsel setzt ein, von dem jene Schreiben, die sich erhielten, jetzt als Buch erschienen sind: 345 Briefe insgesamt, in der Hauptsache seine Korrespondenz an sie, sorgsam und mit profundem Wissen von Wolfgang Schopf herausgegeben und kommentiert. Liebesbriefe von Suhrkamp an die „geliebte Mirl“ sind es zunächst. Er habe „Liebe gegeben“ in seinem Leben, bekennt er ihr, aber auch „viel Kummer und Traurigkeit bereitet“. Drei gescheiterte Ehen zeugen davon. Nun - er ist vierundvierzig, sie siebenunddreißig - soll alles anders werden: „Wir sind so reif, dass wir einander nur Liebe geben müssen.“ Vier Monate später heiraten sie.

          „Nun leb wohl! Und hab‘s gut!“ Briefe 1935-1959

          Die Briefe sind Inseln ihres Lebens. Sie entstehen nur, wenn die beiden getrennt sind, auf Reisen oder wenn sie sich in ihr Haus in Kampen auf Sylt zurückzieht, ein Geschenk ihres reichen Ex-Mannes. Peter Suhrkamp schreibt von Liebe, von Beobachtungen, Lektüren, und er macht sich Sorgen um seine Frau wegen ihres starken Alkohol- und Tablettenkonsums (wenn man sich damit zugrunde richten wolle, meint er, dann doch nicht allein, sondern gemeinsam). Nicht zuletzt geht es immer wieder um den Verlag. Voller Mitgefühl, dann wieder irritiert blickt Suhrkamp auf die Bemühungen Gottfried Bermann Fischers, der sich nach dem Tod des alten Verlegers Samuel Fischer bemüht, den Verlag und die als Juden bedrohte Familie ins Ausland zu retten. Im Sommer 1936 wird der Verlag schließlich aufgeteilt, Bermann verlässt mit dem Teil des Programms, der, wie die Bücher von Thomas Mann, in Deutschland nicht mehr gedruckt werden darf, das Land. Suhrkamp sucht sich Kommanditisten, um den in Deutschland verbliebenen Verlagsteil zu übernehmen - seinen eigenen Anteil als persönlich haftender Gesellschafter von 50.000 Reichsmark finanziert seine Frau. Mit einem Mal erlebt man den bedächtigen, von Zweifeln und Sorgen getriebenen Suhrkamp in einem Moment der Euphorie: Am 2. August berichtet er seiner Frau, wie die Verlagskonstruktion sich gestaltet. Er skizziert begeistert das Berliner Fahnenmeer der beginnenden Olympischen Spiele und den internationalen Flair der Stadt. Er berichtet von seinem Abend im noblen „Adlon“ mit Gerhart Hauptmann, dem zweiten deutschen Nobelpreisträger des Verlags, der sich, anders als Thomas Mann, mit den neuen Machthabern arrangiert.

          Die Probleme der Verlagsarbeit im „Dritten Reich“ dringen bald in die Briefe ein. Manches Zugeständnis an die Machthaber muss in Kauf genommen, manches Buch gedruckt werden, das auf Linie liegt - Wolfgang Schopf nennt den Kurs von Peter Suhrkamp einen „Spagat zwischen Integrität und Verrat“. Auf einige Unterstützer in den nationalsozialistischen Behörden kann sich Suhrkamp verlassen, auf seinen alten Bekannten Hanns Johst zum Beispiel, Präsident der Reichsschrifttumskammer. „Sehr kameradschaftlich“ sei man ihm in der Kammer begegnet, berichtet Suhrkamp seiner Frau. Doch er hat auch Gegner, die ihn als Judenfreund und Liberalen zur Strecke bringen wollen.

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