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Suhrkamp auf dem Weg zur AG : Das Gläubiger-Drama von Charlottenburg

Sie kam, sah, lächelte - und schwieg: Ulla Unseld-Berkéwicz Bild: Pein, Andreas

Der Insolvenzplan ist angenommen. Am Amtsgericht Berlin Charlottenburg gelingt der Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz ein wichtiger Etappensieg. Die Gläubigerversammlung ebnet den Weg zur Suhrkamp AG.

          Als der Berliner Anwalt Peter Raue hinauseilte und dem Dutzend Wartenden vor verschlossenen Türen beschied, die Verhandlung werde sich wohl noch den ganzen Tag hinziehen, da war die Enttäuschung der Journalisten groß. Doch dann ging es plötzlich ganz schnell, und wenige Minuten später öffnete sich der Sitzungssaal 120 des Amtsgerichts Berlin Charlottenburg.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Herauskamen jene knapp hundertvierzig der in toto zweieinhalbtausend Gläubiger des Suhrkamps Verlags, die nach Berlin gereist waren, um an dieser entscheidenden Versammlung über die Zukunft des Suhrkamp Verlags teilzunehmen, die zum Leidwesen der Reporter nicht öffentlich war.

          Zwei Rechtspfleger standen an der Tür,  um sicherzustellen, dass niemand unerlaubt den Saal zur Verhandlung mit dem Aktenzeichen 36S/N 2196/13 betrat. Nach gut zweieinhalb Stunden war es vorbei, und alle drei Gläubigergruppen hatten mehrheitlich dem Sanierungskonzept des Verlags zugestimmt. Nun muss das Gericht den Plan noch bestätigen, wofür unter anderem geprüft werden muss, ob genügend Grundkapital vorhanden ist. Geht das alles seinen Weg, könnte Suhrkamp tatsächlich in wenigen Wochen die Insolvenz beenden und sich in eine Aktiengesellschaft umwandeln.

          Er hatte zunächst eine lange Versammlungsdauer in Aussicht gestellt, dann aber ging es doch relativ rasch: der Suhrkamp-Anwalt Peter Raue

          Der Streit mit dem zürnenden Minderheitsgesellschafter Hans Barlach ist mit dem heutigen Tag gleichwohl noch nicht beendet, da noch einige anhängige Verfahren vom aktuellen Ausgang nicht berührt werden.

          Hans Barlach wurde überstimmt

          Hans Barlach, der sich durch den Insolvenzplan in seinen Rechten beschnitten sieht und sogar von Enteignung spricht, war nicht persönlich nach Berlin gereist. Seine Anwälte aber stimmten für seine Medienholding, die 39 Prozent der Suhrkamp-Anteile hält, erwartungsgemäß gegen den Insolvenzplan. Da jedoch in der Gruppe der Gesellschafter die Familienstiftung über eine Mehrheit von 61 Prozent verfügt, wurde Barlach überstimmt.

          Während seine Anwälte darauf verzichteten, am Dienstag Minderheitenschutz in Anspruch zu nehmen, womit man eigentlich gerechnet hatte, ließen sie im Anschluss an die Verhandlung kaum einen Zweifel daran, dass sie alle noch zur Verfügung stehenden Rechtsmittel ausschöpfen wollen. So hat Barlach etwa noch die Möglichkeit, innerhalb von zwei Wochen Widerspruch gegen den Insolvenzplan einzulegen.

          Schöner Gründerzeitbau als Dramenort: Das Amtsgericht Berlin Charlottenburg

          Der Auftrieb am Berliner Amtsgerichtsplatz war groß am Dienstagmorgen, die Stimmung schwankte zwischen aufgekratzter und gespannter Erwartung, als sich die  Autoren, Verlagsmitarbeiter, Journalisten, Kameraleute und Anwälte in den schmalen Gang vor dem Sitzungssaal drängten. Da kamen Berliner Schriftsteller, die zu Suhrkamp gehören, wie Rainald Goetz und Ralf Rothmann.

          Aus München waren Albert Ostermaier und Thomas Meinecke angereist. Die Frankfurter Fraktion wurde durch Andreas Maier vertreten, der Dresdner Marcel Beyer war um fünf Uhr aufgestanden, um rechtzeitig in Berlin zu sein, und aus dem Ausland kam Durs Grünbein angereist, der inzwischen in Rom lebt.

          Ulla Unseld-Berkéwicz kam - und schwieg

          In der Verhandlung, so berichten Anwesende, hätten von den Autoren nur Meinecke und Goetz gesprochen. Sie ergriffen das  Wort, als es um die Rolle von Barlach als Querulant ging. Schon von Anfang an sei der Minderheitsgesellschafter gegen die Verlagsführung vorgegangen, wurde Goetz zitiert, das hätte die Autoren sehr verunsichert. Thomas Meinecke sagte nach dem Ende der Verhandlung, dass man hier einmal studieren konnte, wie das System Barlach funktioniere – „Dinge mit allen Mitteln zu verhindern“.

          Zusammen mit den Geschäftsführern Thomas Sparr und Jonathan Landgrebe tauchte diesmal auch die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz bei Gericht auf, die in der Sitzung dann aber selbst nichts sagte.

          Er lebt inzwischen in Rom, war aber zur Gläubigerversammlung angereist: Der Suhrkamp-Autor Durs Grünbein

          Was sich heute in dem schönen Charlottenburger Gründerzeitbau ereignete, könnte der letzten Akt im Drama um Suhrkamp gewesen sein, das nicht nur die literarische Welt seit Monaten gebannt verfolgt. Denn mit der Umwandlung des Verlags in eine Aktiengesellschaft wäre nicht nur die Insolvenz beendet, da der Plan unter anderem vorsieht, dass die Gesellschafter ihre Forderungen an den Verlag in Höhe von zusammengerechnet etwa acht Millionen Euro zurücknehmen müssen, mithin einer der Hauptgründe für die Insolvenz.

          Vielleicht kommen die Ströhers doch noch ins Spiel

          Auch der Einfluss der Gesellschafter auf das Geschehen wäre wesentlich geringer, da die Stellung eines Aktionärs in der Hauptversammlung nicht vergleichbar ist mit der eines Kommanditisten in einer KG, die Suhrkamp bislang war. Das würde das Konfliktpotential der zerstrittenen Parteien deutlich senken.

          Hans Barlach bleibt unterdessen nicht mehr viel Handlungsspielraum. Sollte die Aktiengesellschaft kommen, wovon Rolf Rattunde, der Sachwalter des Verfahrens, ausgeht, bleibt ihm nur die Wahl zwischen dem Status eines Minderheitsaktionärs oder dem Verkauf. Eine Abfindung in Höhe von fünfzig Euro pro Aktie, die ihm die Familienstiftung zahlen würde, wird er sicherlich ablehnen, da dies nur einen Bruchteil jener zehn Millionen Franken darstellt, die er selbst einmal für seine Suhrkamp-Anteile bezahlt hat.

          Der Hamburger kann seine Anteile aber auch verkaufen, wofür er allerdings, da sie vinkuliert sind, die Zustimmung der Familienstiftung benötigt. Viele Wochen lag das Angebot des Darmstädter Sammlerehepaars Ströher auf dem Tisch, das Barlachs Anteile für zehn Millionen Euro übernehmen wollte. Wie man hört, sollen bis zuletzt Verkaufsverhandlungen mit Barlach stattgefunden haben, bislang ohne Ergebnis. Vielleicht hat der heutige Tag daran etwas geändert.

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