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Streit um Ryszard Kapuscinski : Fremdporträt eines Reporters

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Polens Mann für alle Weltunfälle: Der Reporter und Schriftsteller Ryszard Kapuscinski (1932 bis 2007) Bild: PAP

War Lebensgefahr sein tägliches Brot? Die polnische Reporterlegende Ryszard Kapuscinski ist offenbar recht frei mit der Wahrheit umgegangen. Eine soeben erschienene Biographie behauptet das jedenfalls - und zeigt Kapuscinski dennoch als „Vollblut-Kerl“.

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          Über Mangel an kommerziellem Erfolg kann sich der Warschauer Verlag Swiat Ksiazki auch so nicht beklagen. Wenn aber am kommenden Mittwoch jenes Buch auf den Markt kommt, das seit Tagen für eine heiße Debatte in den Medien sorgt, wird er das Wort „Wirtschaftskrise“ wohl endgültig aus seinem Vokabular streichen können. Es handelt sich um eine sechshundert Seiten starke Biographie über den vor drei Jahren verstorbenen „Reporter des Jahrhunderts“, Ryszard Kapuscinski, die gleich aus mehreren Gründen als explosiver Lesestoff gilt.

          Der Autor, Artur Domosawski, ein dreiundvierzigjähriger Journalist der „Gazeta Wyborcza“, hat sein Buch „Kapuscinski non-fiction“ genannt und macht aus dem Titel ein Programm: Kaum einer der Mythen, die sich zu Lebzeiten um den „polnischen Reporter des Jahrhunderts“ rankten, hat für ihn Bestand. So wirft er Kapucinski erstens vor, dem beschriebenen Geschehen oft gar nicht so nahe gewesen zu sein, wie er gern behauptete.

          Kein Krisenherd ohne den Reporter

          Vierzig Jahre lang durchquerte Kapuciski alle Kontinente, um den Funktionsmechanismen von Imperien und Diktaturen nachspüren, aber auch, so seine häufige Selbstauskunft, weil er nur über das schreiben könne, was er selbst erlebt und gesehen habe. Kaum ein Krisenherd, ein von Bürgerkrieg, Rebellion, Umsturz erschüttertes Land, vorzugsweise der Dritten Welt, wo Kapuscinski nicht sofort zur Stelle gewesen wäre – oft unter dramatischen Umständen, mehrmals unter Lebensgefahr. Nun aber behauptet sein Biograph, viele dieser Erlebnisse seien frei erfunden. So habe Kapucinski lange nicht alle Berühmtheiten, deren Bekanntheit er sich rühmte, wirklich getroffen (etwa Che Guevara), und auch seine legendären Beinahe-Erschießungen seien größtenteils seiner Phantasie entsprungen.

          Des Weiteren schreibt Domosawski, Kapucinski sei mit Fakten sehr willkürlich umgegangen, sprich: seine Bücher würden eher in die Kategorie Literatur als Reportage passen. Dieser Vorwurf verwundert ganz besonders, wurde doch Kapuscinski zu Lebzeiten als Meister der literarischen Reportage, also der Verbindung beider Genres, gefeiert und für seine Fähigkeit, konkreten Realitäten den Charakter überzeitlicher Modellsituationen zu verleihen, bewundert.

          Hang zur Nonchalance

          Gerade in dem von Domosawski besonders kritisierten „König der Könige“, einer brillanten Analyse der Zustände am äthiopischen Hofe, wurden überdeutliche Parallelen zu den Gesetzmäßigkeiten des Kommunismus und damit zu der politischen Situation im damaligen Polen erkannt, und es lag für jeden Rezensenten auf der Hand, dass dies ausschließlich an Kapucinskis willkürlichem Umgang mit den Fakten und an seiner meisterlichen Beherrschung der Sprache lag.

          Mit ähnlichem Hang zur Nonchalance, so Domosawskis dritter Vorwurf, habe der Starreporter autobiographische Auskünfte gegeben. So habe er behauptet, sein Vater wäre 1940 beinahe in einen jener berüchtigten Gefangenentransporte geraten, die polnische Offiziere in die Exekutionsstätte Katyn brachten, dabei sei er in Wirklichkeit niemals in sowjetischer Gefangenschaft gewesen. Vor allem aber kritisiert Domosawski die politische Haltung seines einstigen Mentors.

          Ein überzeugter Kommunist

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