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Streit um „Esra“ : Angeschwärzt

  • -Aktualisiert am

Der Streit um Maxim Billers Roman „Esra“, der nach einem Gerichtsbeschluß vom Mittwoch mit Lücken im Text erscheinen darf, ist so bedeutend, weil er ins Bewußtsein ruft, daß das Leben vornehmster Stoff der Kunst ist.

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          Das Leben ist lang, die Kunst gekürzt, so könnte man im Fall Maxim Biller das geflügelte Wort abwandeln. Das Oberlandesgericht München hat gestern entschieden, die einstweilige Verfügung gegen den Verlag Kiepenheuer & Witsch aufzuheben, die den Vertrieb des Romans "Esra" untersagte (F.A.Z. vom 22. April und 14. Juli). Der Verlag hat sich im Gegenzug bereit erklärt, das Buch in der bisherigen Fassung nicht auszuliefern. Doch darf er eine geschwärzte Fassung verkaufen, was er bereits im April angeboten hatte. Aber die Gegenseite bestand auf einem vollständigen Verbot. Der Rechtsstreit ist damit aber keineswegs entschieden; die Verhandlung in der Hauptsache soll Ende August beginnen.

          Die beiden Klägerinnen - eine frühere Lebensgefährtin des Autors und deren Mutter - sehen sich im Buch in unvorteilhafter Weise porträtiert und fühlen sich in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt: So werden etwa intime Details der Liebesbeziehung erzählt; die Mutter erscheint als Intrigantin, die ihr möglichstes tut, um die Zweisamkeit zu hintertreiben. Auch wenn der Anwalt der Klägerinnen nun sagt, das Gericht habe die Menschenwürde prinzipiell über die Kunstfreiheit gestellt, handelt es sich bei der Entscheidung um einen Erfolg für den Verlag, jedenfalls einen Teilerfolg: Dort kann man nun mit Sicherheit ausschließen, daß sich der Rechtsstreit so lange durch die Instanzen windet, bis das Buch vergessen ist. Bereits Mitte August will Kiepenheuer eine Fassung herausbringen, in der vor allem jene Angaben zu Orten und Personen ausgelassen sind, die die Klägerinnen eindeutig erkennbar machen. Konkret heißt das: "Esra" wird also durch häßliche Lücken auf fast jeder Seite entstellt, kann aber ansonsten mit unverändertem Satzspiegel erscheinen.

          Niemand mehr ist naiv

          In der Urteilsbegründung der ersten Instanz waren die Richter nämlich davon ausgegangen, daß anhand zahlreicher Übereinstimmungen biographischer Details die Romanfiguren leicht und nicht nur von Bekannten identifiziert werden können: Die Deutsch-Türkin Esra hatte wie ihr reales Vorbild 1987 den Bundesfilmpreis bekommen; ihre Mutter war Trägerin des Alternativen Nobelpreises und so fort. Formal entfallen durch die Auslassungen solcher Details - die in vergleichbaren Fällen vielleicht schon dem Rotstift des Lektors zum Opfer gefallen wären - die Verbotsgründe. Faktisch natürlich nicht: Ein naiver Leser könnte zwar die Vorbilder nicht mehr ausfindig machen, doch gibt es den längst nicht mehr. Der Gerichtsstreit hat die Rezeption des Buchs längst selbst in einer Weise verändert, die den Klägerinnen eigentlich erst recht Anlaß zur Klage gibt. Da mag man streichen so viel man will, die porträtierten Personen hätten dennoch Grund, sich schwarz zu ärgern. Die jetzige Lösung ist so, als würde man bei der x-ten Wiederholung der "Versteckten Kamera" ertappten Personen Balken über die Augen kleben.

          Insofern sind längst - von Biller und dem Verlag unverschuldet - Fakten geschaffen worden. Die Verletzung der Privat- beziehungsweise der Intimsphäre, etwa durch die Schilderung sexueller Praktiken, wurde erst durch Prozeß und Debatte wirklich vollzogen. Doch der Vorwurf selbst läßt sich nicht allein mit einem abstrakten Verweis auf die Kunstfreiheit entkräften. Denn hier kommen Fragen der Zumutbarkeit ins Spiel, die über verletzte Eitelkeiten und mangelndes Taktgefühl hinausgehen. Einmal ehrlich: Wer wollte sich schon selber im Rahmen des größten Kunstwerks mit seinen speziellen Bettvorlieben entblättert sehen? Die Fronten scheinen unvereinbar: Wer jetzt davon spricht, man müsse den Roman vor dem Exhibitionismus seines Autors schützen, hat nicht begriffen, daß die Selbst- und Fremdentblößung zum Kern von Billers radikaler Poetik gehört.

          Paradoxe Argumentation

          Die Kunstfreiheit wird jedenfalls nicht mit dem Argument verteidigt werden können, die Fiktion sei eine von der Wirklichkeit ganz getrennte Sphäre; daß gerade Autoren, die eine Rückkehr zur engagierten, gesellschaftskritischen Literatur befürworten, nun die Autonomie des Literarischen ins Feld führen, ist paradox. Die Freiheit der Kunst dient gerade dazu, Fälle erkennbarer Grenzüberschreitung zuzulassen, insofern nicht die Menschenwürde "realer" Personen verletzt wird. Daß ein Kunstwerk nicht nur als ästhetische Realität wirkt, sondern daneben auch "ein Dasein" - und eben auch Wirkungen - "in den Realien" hat, wurde durch das Gericht konstatiert, während die Verteidiger Billers umgekehrt diese Wirkungen bestreiten müssen.

          Die Frage ist also nicht, ob eine Verletzung der Privatsphäre vorliegt, sondern wie gravierend sie ist. Würden die Gerichte deren schutzwürdige Grenze weit ziehen und alle Schilderungen des Liebes- und Familienlebens darunter fassen, dann bekämen eine Menge Autoren ernste Stoffprobleme. So ist es gut, daß der Streit weitergeht; wenn dies auch zum Leidwesen aller Beteiligten geschieht, einschließlich des Verlags, der trotz der Publicity nicht auf ein großes Geschäft hoffen kann. Das große Fragezeichen, das Biller gleich im ersten Kapitel des Romans über der Stelle schweben sieht, wo man sich zum Abschied küßte, bleibt weiter in der Luft: "Warum, bedeutete das Fragezeichen jedem, der Esras und meine Geschichte kannte, kann diese Geschichte nicht gut ausgehen - und wer wird schuld daran sein?" Der Fall Esra ist so bedeutend, weil er wieder ins Bewußtsein ruft, daß das Leben vornehmster Stoff der Kunst ist. Doch vielleicht auch, daß sie gerade deshalb behutsam mit ihm umgehen muß.

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