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„Stilsicher und mitleidend“ : Saul Friedländer erhält Friedenspreis

Wird auf der Frankfurter Buchmesse geehrt: Saul Friedländer Bild: dpa

Der israelische Historiker Saul Friedländer erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2007. Damit schafft der Börsenverein - bewusst oder unbewusst - die Möglichkeit einer Gegenrede zu Walsers Paulskirchenthesen, meint Lorenz Jäger.

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          Als vor drei Jahren Péter Esterházy den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, da umspielte sein rhetorisch kunstvoller Dank die Paulskirchenrede von Martin Walser, Preisträger des Jahres 1998, mit sehr milder, urbaner und eleganter Ironie. Diesmal darf wohl eine andere Art der Bezugnahme auf Walser erwartet werden, auch wenn sie unausdrücklich bleiben sollte: Man wird am 14. Oktober gar nicht anders können als zwischen den Zeilen zu hören.

          Lorenz Jäger
          Freier Autor im Feuilleton.

          Denn nun, fast ein Jahrzehnt nach Walser, ist es der israelische Historiker Saul Friedländer, dem die Jury den Preis zugesprochen hat. Friedländer, geehrt für seine Beschreibung der Verfolgung und Ermordung der Juden in der Zeit des Nationalsozialismus, wird, wenn nicht alles täuscht, die späte Gegenrede zu Martin Walser halten. Mag sein, dass der Börsenverein des Deutschen Buchhandels mit der Wahl des Preisträgers ein bewusstes Zeichen setzen wollte.

          Die Stimmen der Toten

          Schon als er den Geschwister-Scholl-Preis erhielt, 1998, im Jahr der Paulskirchenrede Walsers, markierte Friedländer den Unterschied: Er gab zunächst Walsers Diagnose recht, der Holocaust sei den Heutigen gegenwärtig wie nie zuvor, wehrte sich aber zugleich gegen Walsers Vermutung, es könnten dabei aktuelle Interessen der Instrumentalisierung - politischer und medialer Natur - eine Rolle spielen.

          „Könnte man sich nicht vorstellen“, sagte er damals, für jenes Mahnmal plädierend, gegen das sich Walser ausgesprochen hatte, „dass eines Tages deutsche Kinder, die vor einer solchen Wand oder Platte stehen bleiben, sich fragten: Warum musste dieses Kind im Alter von nur sieben Jahren sterben, warum dieses andere mit drei Jahren? Warum wurden diese Kinder von der Insel Rhodos abtransportiert, warum jene aus Norwegen, aus Warschau, aus fast allen Ländern Europas, aus Berlin, Düsseldorf, Köln oder München, um dann an weit entfernten Orten getötet zu werden? Wäre ein solches Mahnmal ein dauerhaftes ,Monument der nationalen Schande', oder würde es nicht vielmehr Stimmen, die Namen rufen, zum Klingen bringen?“

          Nicht Ausbeutung, sondern Vernichtung

          Genau um diese Namen und Stimmen der Toten geht es ihm. Anders als Raul Hilberg, der große Pionier der Erforschung der Vernichtungspolitik, will Friedländer nicht nur den mörderischen Apparat und seine Abläufe schildern, sondern auch den Ermordeten ihre individuelle Stimme wiedergeben. Und anders als Götz Aly setzt er die wirtschaftliche Nutzenrechnung der Ausplünderung bei den Motiven niedriger an. Das Hauptziel sei nicht Ausbeutung, sondern eben Vernichtung gewesen. Friedländer, so heißt es deshalb in der Begründung der Jury, habe „den zu Asche verbrannten Menschen Klage und Schrei gestattet, Gedächtnis und Namen geschenkt“ und den Ermordeten die ihnen geraubte Würde zurückgegeben.

          1932 wurde er als Pavel Friedländer in Prag als Sohn deutschsprachiger jüdischer Eltern geboren. Er überlebte den Krieg und die Verfolgung in Frankreich unter anderem Namen in einem katholischen Internat, seine Eltern verschwanden in Auschwitz. Daher kommt es, dass Friedländer immer, gegen alle Versuche der Distanznahme, die historische und lebensgeschichtliche Nähe der NS-Zeit betont hat. Professuren für Geschichtswissenschaft bekleidete er an der Universität Tel Aviv und an der University of California, Los Angeles.

          Zu seinen wichtigsten Werken gehört die außerordentlich erfolgreiche zweibändige Geschichte „Das Dritte Reich und die Juden“, der erste Band widmet sich den „Jahren der Verfolgung 1933-1939“, der zweite reicht bis ins Jahr 1945 und hat den Titel „Die Jahre der Vernichtung“. Sie sind im Verlag C. H. Beck erschienen. Nicht mehr lieferbar ist dagegen die ästhetische Streitschrift „Kitsch und Tod. Der Widerschein des Nazismus“ (1982), mit der er erstmals einem weiteren deutschen Publikum bekannt wurde. Sie beschäftigte sich mit den „postnazistischen“ Werken von Rainer Werner Fassbinder, Michel Tournier und Hans Jürgen Syberberg, in denen Friedländer ein weiteres Beweisstück für das ungebrochene Fortleben der „Untergangslust“ am Werk sehen wollte, die er als Kehrseite des Vernichtungswillens deutete.

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