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Sternegucken in Tolaga Bay : Die drei von der Venus

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Astronomisches Unterfangen: Nur alle 105 oder 125 Jahre lässt sich ein Venustransit erleben Bild: AFP

Auf der Suche nach internationaler Inspiration von oben: Wo Planeten wandern, sind mit Uwe Kolbe, Brigitte Oleschinski und Ulrike Sandig deutsche Dichter nicht fern.

          Die Wettervorhersage ist deprimierend. Bewölkt, Regen, starker Wind. „Wir hoffen, dass man zwischendurch dennoch etwas sieht“, sagt Kelly Blackman und ist trotz der schlechten Prognose bester Dinge. „Wir haben einen Plan B. Seit acht Jahren bereiten wir uns hier auf diesen Tag vor.“ Die junge Frau vom Maori-Stamm Te Aitanga-a-Hauiti war Bankangestellte und ist jetzt die Koordinatorin des „Transit of Venus“-Projekts in Tolaga Bay. Sollte der Himmel nicht mitspielen, dann wird die Planetenwanderung zumindest auf einer riesigen Leinwand als Direktübertragung aus dem australischen und garantiert sonnigen Queensland zu sehen sein.

          Das 830-Seelen-Örtchen im wilden Osten der Nordinsel Neuseelands ist vor allem dafür berühmt, dass es den längsten Bootssteg der südlichen Hemisphäre besitzt, stolze 660 Meter. Doch am Mittwoch wird die Bucht, in der Captain James Cook erstmals anlegte, nicht nur zum Treffpunkt von Astronomen, sondern auch Dichtern. Man hofft auf internationale Inspiration von oben.

          Wie ein Ausflug zum Mars

          Nur alle 105 oder 125 Jahre lässt sich ein Venustransit im Abstand von acht Jahren erleben, das letzte Mal 2004, diesmal nur auf der Südhalbkugel - die einzige Gelegenheit bis zum Jahre 2117. Um 10.15 Uhr Ortszeit beginnt die Wanderung. Nach 18 Minuten ist der Planet als schwarze Scheibe komplett vor der Sonne zu sehen.

          Südseeentdecker James Cook brach einst auf der „Endeavour“ in den Pazifik auf, um 1769 in Tahiti einen Venustransit zu erleben. Die wissenschaftliche Ambition hinter der Expedition, die mit einem heutigen Ausflug zum Mars vergleichbar ist, war enorm: Durch Cooks Aufzeichnungen sollte die Entfernung zwischen Sonne und Erde gemessen werden. Das astronomische Unterfangen von kosmischer Größe geriet in Tahiti jedoch in den Hintergrund. Ähnlich wie Marsmenschen erlebten Cooks Mannen ein Südseeidyll voll fremder Bräuche, das sie betörte und von ihrer eigentlichen Mission ablenkte. Weniger als 100 Worte war Cooks Botaniker und rechter Hand John Banks der Venustransit im Logbuch wert, dafür umso mehr der Besuch „drei schöner Frauen“ am selben Tag. Als der Captain auf derselben Reise im Oktober nach Neuseeland vorstieß, hatte er den tahitianischen Maler Tupaia als Berater und Kartographen mit an Bord, der sich beim Erstkontakt mit der polynesischen Urbevölkerung Aotearoas als Kulturvermittler bewährte. In Tolaga Bay, das auf Maori Uawa heißt, gingen die Seefahrer erstmals von Bord, holten Trinkwasser und Essen, tauschten Waren, nahmen Pflanzen mit und erlebten ein ihnen wohlgesinntes Kriegervolk. Es war der Anfang der antipodischen Kolonialisierung.

          Ein bikulturelles Lyrikensemble

          “Cook’s Cave“, eine Stunde Fußweg vom Dorf entfernt, ist diese Woche das Ziel einer ungewöhnlichen Wandergruppe, in der ebenfalls Abgesandte verschiedener Kulturen aufeinanderprallen: Drei vom Goethe-Institut eingeladene deutsche Lyriker - Uwe Kolbe, Brigitte Oleschinski und Ulrike Sandig - treffen sich zum Sonnen- und Sternegucken in Tolaga Bay mit ihrer neuseeländischen Kollegin Hinemoana Baker. Baker, die auch als Liedermacherin arbeitet, geht es vor allem um das „Audio“, den Sound der Deutschen: „Ich werde sie bitten, wo sie gehen und stehen, mir aus ihren Werken vorzulesen. So kann ich am schnellsten in ihre Welt eintauchen.“ Im Gegenzug wird sie Lieder singen, auf Maori. „Das Ganze steht für mich unter dem Zeichen, Entfernungen zu überwinden.“

          Im Anschluss an den Venus-Trip macht die Gruppe einen Workshop in Wellington, angeleitet von Professor und Poeten-Papst Bill Manhire. Das Ergebnis der Venus-Inspiration bekommen die Neuseeländer dann später auf einer Podiumsdiskussion in der Adam Art Gallery und am Tag danach als „Berlin Poetry Night“ im Filmarchiv in Wellington präsentiert. Dann verlagert sich das bikulturelle Lyrikensemble nach Berlin und Hamburg, mit einer Abschlusspräsentation auf der Frankfurter Buchmesse.

          Irgendeine kosmische Verbindung?

          Für Kelly Blackman hat der Besuch der deutschen Schriftsteller eine tiefere Bedeutung, die den besonderen Bezug der indigenen Neuseeländer zu ihrer Abstammung begreiflich macht. Gegenüber von Cook’s Cave liegt eine kleine Insel namens Pourewa. Dort lebte zu Cooks Zeit eine hochgestellte Maori-Frau, Hinematioro. Eine der geschnitzten Pfostenfiguren ihres Hauses - eine Art Heiligtum - nahm der Botaniker Banks als Geschenk nach England mit. „Hinematioro Pou“ galt als verschollen, bis es zur Freude der Bewohner Tolaga Bays im Ethnologischen Institut in Tübingen auftauchte. Geplant war, das kostbare Artefakt für einen Venustransit-Besuch nach Gisborne zu bringen, aber der Transport samt Kurator und Versicherung hätte umgerechnet über 40 000 Dollar gekostet. „Generationen meiner Vorfahren haben dieses Werk angefasst“, sagt Blackman. „Dass es jetzt in Deutschland ist, bedeutet mir viel.“

          Restauriert wurde die Statue in Dresden. Dort wuchs Lyrikerin Ulrike Almut Sandig auf. Und der Ostdeutsche Uwe Kolbe lehrte bis 2002 in Tübingen.  wird sich daraus sicher ableiten lassen.

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