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À la recherche : In Prousts Werkstatt

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Mehr als anderthalb Jahrzehnte wurde an diesem Roman geschrieben, doch nie veränderte sein Autor mehr als am Anfang: Stefan Zweifel ediert und übersetzt die Korrekturfahnen von „Combray“, dem ersten Teil von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“.

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          Vermutlich gegen Mitte des Jahres 1912 erstattete Marcel Proust seinem ehemaligen Geliebten und lebenslangen Freund, dem Komponisten Reynaldo Hahn, Vollzugsmeldung: Das große Werk, an dem er seit langen Jahren schon saß, wir vermuten heute seit 1906, es war vollendet. All die Buchprojekte, die ihn so lange Zeit begleitet hatten – in einem Brief an Louis d’Albufera vom Mai 1908 spricht er von einer „Studie über den Adel, einen Pariser Roman, einen Essay über Sainte-Beuve und Flaubert, einen Essay über die Frauen, eine Studie über Päderastie, eine Studie über Kirchenfenster, eine Studie über den Roman“ –, all das und einiges mehr hatte Eingang gefunden in ein einziges großes Buch, einen Roman. Ungefähr zur gleichen Zeit, da Proust Reynaldo Hahn vom Abschluss der Arbeiten unterrichten kann, im Juni 1912, beurlaubt er auch den jungen Albert Nahmias, einen angehenden Finanzjournalisten und Spekulanten, der ihm nicht nur beim Verlieren stattlicher Geldsummen im Spielcasino von Cabourg und an der Pariser Börse behilflich war, sondern auch, im Verein mit einer Stenotypistin des Grand Hôtel von Cabourg, bei der Erstellung des Typoskripts seines Romans. Nur Nahmias schien Proust dazu in der Lage, die „sphinxhaften Rätsel seiner Schrift“ (so Prousts Selbstcharakteristik) zu entziffern.

          Ein Maschinenskript ohne Titel

          Das Maschinenskript lag also vor. Allein, es fehlte noch ein Titel. Folgendes ging Proust, wie er Reynaldo unterbreitete, durch den Kopf: „Die Stalaktiten der Vergangenheit / Vor einigen Stalaktiten der Vergangenheit / Vor einigen Stalaktiten verflossener Tage “. Letzterer Titel gefiel ihm selbst am besten, aber er hatte noch weitere Vorschläge auf Lager:„Spiegelungen auf der Patina / Was man auf der Patina sieht / Die Spiegelungen der Vergangenheit / Die verspäteten Tage. Die hundertjährigen Strahlen / Der Besucher der Vergangenheit... Die Hoffnung auf die Vergangenheit“.

          Man mag sich die betretenen Gesichter auf heutigen Verlagsvertreterkonferenzen gar nicht ausmalen, wenn der Lektor und Autor sie mit solchen Titeln auf ihre halbjährliche Buchhändlertour schicken wollten. Schließlich hatte auch Proust kurz darauf ein Einsehen und sich für einen ganz anderen Titel entschieden: „Les Intermittences du cœur“. Ein Kardiologe würde da von Arrhythmien sprechen, andere von Herzflimmern, Stefan Zweifel schlägt nun, in seiner Übersetzung dessen, was unter ganz anderem Titel erst noch zu einem Jahrhundertroman werden sollte, „Das Flimmern des Herzens“ vor. Das war in der Tat der erste Titel, jener, den der Drucker noch auf die Korrekturbogen setzte, als Proust nach langem Suchen endlich im Jahre 1913 einen Verleger gefunden hatte, der sich auf das Abenteuer eines Romans einlassen wollte, der mit geschätzten 1400 Seiten recht lang zu werden versprach. Und der zudem auch noch sonderbar anfing: mit einem Mann, der erzählt, wie er sich lange schlaflos im Bett herumwälzt. Freilich, Proust publizierte „à compte d’auteur“, das heißt auf eigene Kosten.

          Übersetzung aus dem Papierkorb des Autors

          Am 14. November 1913 lag dann unter dem Titel „À la recherche du temps perdu“ (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit) der erste Teil eines Romans vor – Untertitel: „Du côté de chez Swann“ –, der insgesamt zwei Bände umfassen sollte. Die Titeländerung auf dem Korrekturbogen – dabei handelt es sich um sogenannte placards, auf die jeweils acht Buchseiten montiert waren – war allerdings nicht die einzige Änderung, die Proust gegenüber dem ursprünglich eingereichten Typoskript vorgenommen hatte: Es begann der Prozess, den man als ein Schreiben ohne Ende bezeichnen kann. Proust strich ganze Passagen, ersetzte sie am Rand durch handschriftliche Zusätze, die er dann auch wieder strich und überschrieb, er klebte, wenn kein Platz mehr war, kleine oder größere Zettel an – seine berühmten, von der Haushälterin Céleste Albaret sogenannten „Paperoles“ –, ja er zerschnitt auch die placards, überklebte sie mit Handschriften und schrieb und schrieb. Gestrichenes, Geschnittenes war indes nie Vernichtetes, es konnte, Jahre später, an einem ganz anderen Ende des Romans wiederauftauchen. Denn wie bekannt, es sollten Jahre werden.

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