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Stadtbibliotheken : Die Wende mit der Maus

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Die Stadtbücherei Biberach ist die Bibliothek des Jahres 2009 Bild: dpa

„Ich war gerade auf dem Weg in die Stadtbibliothek, da habe ich mein Herz verloren“, sangen Die Ärzte. Damals ging es um die Liebe. Begegnungen ermöglichen Stadtbibliotheken immer noch - als Bildungsträger, Leseförderer und Integrationshelfer.

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          Der Automat ist ein Literaturfreund. Legt man ein Buch hinein, weiß er, worum es sich handelt, kennt Autor, Titel und sogar den letzten Leser. Das Wissen nutzt kein Geheimdienst, sondern die Stadtbücherei in Biberach an der Riß. Bibliotheksleiter Frank Raumel, der den Rückgabeautomaten vorführt, spricht von Lesern stets als Kunden. Um deren Bedürfnissen besser gerecht zu werden, setzt er Mitarbeiter, die früher Bücher verbuchten, nun in der Beratung ein, denn Beratung braucht Menschen, keine Maschinen.

          Vom Deutschen Bibliotheksverband und der „Zeit“-Stiftung wurde Raumels Bücherei als Bibliothek des Jahres 2009 ausgezeichnet. Der mit 30 000 Euro dotierte Preis soll die Arbeit der Bibliotheken ins öffentliche Bewusstsein rücken. Gleiches versucht die am heutigen Freitag beginnende Aktionswoche „Deutschland liest. Treffpunkt Bibliothek“.

          Welche Bibliotheken sind gemeint? Eigentlich alle. Doch während Zeitschriftenpreise die Budgets der Forschungsbibliotheken belasten, in der Wissenschaft unter dem Stichwort „Open Access“ alternative, für Leser kostenfreie Publikationsmodelle diskutiert werden und Robert Darnton, der Leiter der Bibliothek von Harvard, gar die Buchsuche von Google in öffentlicher Hand sehen möchte, während also ein Wandel vor sich geht, der den zukünftigen Zugang zu Wissen prägen wird, bringt eine Institution mehr Menschen mit Büchern in Berührung als die Lesesäle in Harvard oder Wolfenbüttel - die Stadtbibliothek.

          Die Bibliothek des Jahres

          Die oberschwäbische Kreisstadt Biberach hat 32 000 Einwohner. Die Stadtbücherei ist in einem Haus aus dem sechzehnten Jahrhundert untergebracht, dessen Inneres neben alten Holzbalken auch Beton und Glas bestimmen. Nebenan im Komödienhaus inszenierte Wieland einst die deutschsprachige Uraufführung von Shakespeares „Sturm“. Frank Raumel leitet die Bibliothek bald zwanzig Jahre, alle drei Jahre findet eine Besucherbefragung statt, ergänzt um ein Ausleihcontrolling, das verrät, ob Titel ausgeliehen werden oder nur im Regal stehen. Es bleibt allerdings bei einer rein bestandsbezogenen Auswertung, die Vorlieben einzelner Leser stehen unter Datenschutz.

          Von individuellen Vorlieben abgesehen, kennt Raumel seine Leser ganz genau. Mehr als die Hälfte der rund 8500 Bibliotheksbenutzer stammt nicht aus der Stadt, wiederum eine Hälfte ist jünger als achtzehn Jahre. Um die Leseförderung auszubauen, setzt Raumel auf die Zusammenarbeit mit Kindergärten, in die ein Teil des Preisgelds fließen soll. Als Zukunftsaufgabe nennt er Partnerschaften über die Stadt hinaus, denn wenn Kinder aus umliegenden Orten in Biberach zur Schule gehen, zeigen sich Unterschiede in der Medienkompetenz.

          Bücher als Betriebsstoff

          Für eine städtisch finanzierte Bücherei ist eine solche Ausstrahlung auch eine Geldfrage. Doch in Krisenzeiten sparen Kommunen an freiwilligen Leistungen, zu denen auch die Kulturfinanzierung zählt. Aus Haushaltssicht ist die Anschaffung von Büchern keine „unabweisbare“ Ausgabe. Wo, wie in Ostdeutschland, zudem die Städte schrumpfen, könnte es auch zu Bibliotheksschließungen kommen, wie sie in Halle diskutiert wurden. Dort sank die die Zahl der Einwohner nach dem Mauerfall von mehr als 300 000 auf rund 230 000 Menschen.

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