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Stadtbibliotheken : Die Wende mit der Maus

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Die Stadtbibliothek hatte bereits mehr als ein Dutzend Filialen verloren, als die Stadtverwaltung im Oktober 2008 eine Streichliste präsentierte, die den Verzicht auf alle drei verbliebenen Stadtteilbibliotheken vorsah. Nur das Haupthaus am Hallmarkt sollte bleiben. Zwar konnten die Schließungen abgewendet werden, und für die Fahrbibliothek wird sogar ein neuer Bücherbus in Betrieb gehen, aber das Ansinnen gibt einen Ausblick darauf, wie es um die Zukunft der kommunalen Kulturfinanzierung bestellt sein könnte.

Zu den Bibliotheksschließungen nach 1989 erklärt Hildegard Labenz, die Leiterin der Stadtbibliothek Halle, dass viele dieser Häuser eher klein und nicht sehr attraktiv gewesen seien, das habe Einschnitte unvermeidbar gemacht. An den Fortbestand der heutigen Bibliotheken glaubt sie dennoch, selbst wenn sich seit der Einführung von Jahresgebühren ein Leserschwund bemerkbar machte. Damit benennt sie ein Dilemma, denn der Etat für neue Bücher und andere Medien richtet sich nach den Einnahmen aus Jahres- und Mahngebühren. Wenn also weniger Hallenser ihren Bibliotheksausweis verlängern, fehlt Geld für Neuanschaffungen, und die Zahl der aktuellen Titel ist stets ein Maß für die Attraktivität eines Bestands. Der Vorsitzende des Vereins „Freunde der Stadtbibliothek Halle“, der frühere CDU-Stadtrat Wolfgang Kupke, ergänzt: „Für eine Bibliothek sind Bücher ein Betriebsstoff wie das Benzin im Auto der Oberbürgermeisterin.“ Nur durch Mittel des Vereins und des Landes Sachsen-Anhalt konnte 2006 eine eigene Jugendmediathek eingerichtet werden.

Im Viertel der Zugezogenen

Mit ihrem Sonderthema Migration und Integration hebt die Aktionswoche eine Aufgabe hervor, deren Bedeutung mit dem demographischen Wandel wächst. Die Stadtteilbibliothek im Frankfurter Gallusviertel versteht sich schon länger als Internationale Bibliothek. Das Gallus gilt als Stadtteil der Zugezogenen, es herrscht eine hohe Fluktuation, nur im Bahnhofsviertel liegt der Anteil der ausländischen Bevölkerung höher. Das Konzept der Bibliothek folgt einem amerikanischen Vorbild. An der Queens Library in New York entstand das „New Americans Program“, das Englischkurse umfasst, aber auch, nah am Alltag, Veranstaltungen zu rechtlichen oder beruflichen Fragen. Das Angebot soll Einwanderer erst einmal in die Bibliotheken holen, damit sie die Bestände kennenlernen und nutzen können.

In Deutschland sind hingegen Volkshochschulen und andere Bildungsträger mit Sprachkursen etabliert, so dass man im Gallus auf Kooperationen setzt. Seit 2004 finden in der Bibliothek Alphabetisierungskurse der Volkshochschule statt. Menschen, die kaum Deutsch können, lernen außerdem am Computer mit Übungsprogrammen, deren Aufgaben sich teils allein mit der Maus lösen lassen, damit der Einstieg leicht gelingt. Auf einem der Monitore ist eine Handvoll Piktogramme zu sehen, eine Zitrone etwa, ein Zebra oder eine Zigarette. Zu jedem Bild erscheinen ungeordnet die Buchstaben des entsprechenden Wortes, die dann mit der Maus Buchstabe um Buchstabe an ihren Platz geschoben werden. Drei Logos steuern die weiteren Schritte: Wer das gesuchte Wort auch hören möchte, braucht nur auf das Ohr zu klicken; ob die Schreibweise stimmt, verrät das Fragezeichen; falls das Sortieren gar nicht klappt, bringt die leuchtende Glühbirne die richtige Antwort auf den Bildschirm.

Für Frankfurt und Biberach und alle anderen deutschen Stadtbibliotheken gilt freilich, was der Hallenser Vereinsvorsitzende Kupke berichtet: Eigentlich sei niemand im Stadtrat gegen Bücher und Bibliotheken. Aber wenn es ums Geld geht, genügt es manchmal nicht, nicht gegen etwas zu sein.

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