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SS-Vergangenheit : Erwin Strittmatters unbekannter Krieg

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Er war der große Volksschriftsteller der DDR. Sein Roman „Der Laden“ machte ihn berühmt. Doch ein wesentlicher Teil seiner Biographie wurde in der DDR systematisch verschwiegen.

          Anfang Mai 1945 gehört Westböhmen zu den letzten von den Alliierten unbesetzten Territorien. Die Russen sind noch weit vor Prag. Die Amerikaner bereits im Bayerischen Wald. Dazwischen ein paar Tage lang eine weiße Stelle. In ihrer Mitte liegt das altertümliche Städtchen Bischofteinitz. Horsovský Týn. Die wichtigste Sehenswürdigkeit ist das Schloss der Grafen von Trautmannsdorff. Der weiträumige Renaissancebau erhebt sich auf einer Felszunge über dem Flüsschen Radbusa. Das Schloss ist ein anmutiger Bau. Es beherbergt in 32 Aktenschränken ein Archiv deutscher Kriegsverbrechen. Seit dem 14. April ist der Oberstleutnant der Polizei, Emil Klofanda, mit seiner Vernichtung beschäftigt. Der Krieg endet. Der Kampf um das Erinnern beginnt. Klofanda, Gruppenführer im Amt „Kriegsgeschichte“ der Ordnungspolizei, verbrennt „weisungsgemäß“ das im Schloss ausgelagerte Dokumentenmaterial der „Ordnungspolizei“. Die „OrPo“ verantwortet die Exekution Zehntausender Juden. Die Liquidation polnischer, ukrainischer, russischer Gettos. Einsätze gegen Zivilisten und Partisanen in ganz Europa.

          Über den Böhmerwald stoßen die Panzer der 3. Armee General Pattons auf Pilsen vor. Am 5. Mai sind die Amerikaner in Bischofteinitz. Bis zum 5. Mai ist Klofanda die Vernichtung von 15 000 Fotos der Film- und Bildstelle der Ordnungspolizei, aller Kriegstagebücher der Polizeiregimenter und fast aller Polizeibataillone gelungen. Die Zukunft kann beginnen. Im März 1954 wird Klofanda seinem früheren Vorgesetzten, dem Chef des „Kommandoamtes der Ordnungspolizei“, Generalleutnant a. D. Adolf von Bomhard, schreiben: „Wären meine Bestände an Befehlen und Tagebüchern, von den höchsten bis zu den niedersten Stellen . . . in die Hände des Gegners gefallen, hätte es wahrscheinlich, oder gewiß, noch einer größeren Anzahl von Befehlshabern und Kommandeuren usw. das Leben gekostet, mindestens aber langjähriges, schweres KZ, zumal die 15.000 Fotos vielfach eine beredte Sprache sprachen.“

          Die Panzer Pattons bleiben achtzig Kilometer vor Prag in Pilsen stehen. Sie sind weit auf ein der Roten Armee vorbehaltenes Territorium vorgestoßen. In Westböhmen ergeben sich Tausende deutscher Soldaten den Amerikanern. Aus der Anonymität der Schicksale treten später zwei Männer als prominente Schriftsteller hervor, die sich zu der Stunde gänzlich unbekannt sind: Erich Loest und Erwin Strittmatter. Ikonen der DDR-Literatur. Kritische Romane aus dem Alltag der DDR wie Strittmatters „Ole Bienkopp“ oder Loests „Es geht seinen Gang“ haben im Land Kultstatus. Der Zufall hat für Strittmatter und Loest das Roulette des Krieges bei Bischofteinitz zum Stehen gebracht. Sie werden Jahre später darüber schreiben. Strittmatter aber seinen wirklichen Krieg verschweigen.

          Am 6. Mai 1945 geht der Wehrmachtsgefreite Erich Loest in Bischofteinitz in amerikanische Gefangenschaft. Loest hat im Böhmerwald zu einem Trupp „Werwölfe“ gehört, der sich bei der Nachricht von Hitlers Tod auflöst. Loest steigt hinunter in das Hügelland, stiehlt sich durch nächtliche Dörfer, am Ortsschild von Bischofteinitz vorbei in die schlafende Stadt. Auf dem Marktplatz stehen Shermanpanzer, Lastwagen, Jeeps, keine Posten, weiße Tücher an allen Häusern. Loest greift sich eine Provianttasche aus einem Jeep, will weg, wird von den Amerikanern gefasst. Loest 1981 in seinem Buch „Durch die Erde ein Riß“: „Er musste eine rasche Angst überwinden, aber eine Stunde später schon schwappte Freude über, am Leben zu sein und zu bleiben.“

          Uniformtausch

          Am 6. Mai 1945 begegnet Erwin Strittmatter in der Nähe von Bischofteinitz „in der Gegend von Oberplan“ unbehelligt den Amerikanern. Er hat sich im nahenden Zusammenbruch falsche Papiere beschaffen können. Strittmatter 1985 in seinem Buch „Grüner Juni“. „Ich habe Zivilzeug angezogen, das ich schon ein Jahr lang in meinem Gebirgsjägerrucksack umherschleppte, und ich lebe bei einer deutschen Bäuerin in Böhmen, versteckt und unversteckt, je wie die Verhältnisse es erfordern.“ Beim Anrücken der Amerikaner trägt er mit Dörflern die weiße Fahne auf den Kirchturm. Sie wird heruntergeholt und neu gehisst. „Ich tue diese unheldischen Taten in der Gegend von Oberplan, in der Gegend, in der der Stifter Bertl, ein weitläufiger Verwandter von mir, gelebt hat, der auch kein Held nicht war.“

          Bevor Strittmatter das Zivilzeug anzog, hat er jedoch auch noch etwas ausgezogen. Es ist die grüne Uniform eines Oberwachtmeisters der Ordnungspolizei des Polizei-Gebirgs-Jäger-Regiments 18. Von der Uniform ist im Bericht als Einziges die Nr. 38 der Bekleidungsausstattung des Regiments, der „Skirucksack (Tauern)“, übriggeblieben. Von Strittmatters Krieg das Hissen der weißen Fahne. Aber da war noch ein anderer Krieg, der für Strittmatter im April 1941 mit der Einberufung zur Ordnungspolizei begann. In diesem Krieg gehörte der Oberst der Polizei, SS-Obersturmbannführer Hermann Franz, zu seinen Kommandeuren. War der letzte Einsatzort Strittmatters die Berliner Film- und Bildstelle der Ordnungspolizei, deren Dokumente am Kriegsende in Bischofteinitz sind. In Strittmatters wirklichem Krieg wurde aus seiner Polizeiformation im Februar 1943 das „SS-Polizei-Gebirgs-Jäger-Regiment 18“, das auf dem Balkan und in Griechenland am Partisanenkrieg teilnahm.

          Keine dieser prekären Tatsachen kommt in der DDR vor. Das offiziöse „Schriftstellerlexikon“ notiert 1974 lediglich: „Desertierte als Soldat der Hitlerwehrmacht gegen Ende des Krieges 1945“. Das Dogma, zu den „Siegern der Geschichte“ zu gehören, verschweigt, was nicht zu ihm passt. Allein die Partei weiß intern mehr. Strittmatter, der in den siebziger Jahren einer ihrer Kritiker geworden ist und nicht müde wird, darauf zu pochen, dass der Schriftsteller allein der „Wahrheit“ verpflichtet sei, durchbricht nie, was er allein mit ihr besprochen hat.

          Als es im Mai 1959 um Strittmatters „Einsatz als 1. Sekretär des Schriftstellerverbandes“ geht, hat sie nachgefragt und ein Dossier für das Sekretariat des ZK der SED erstellt. Politisch haben der Kulturbeauftragte des Politbüros, Alfred Kurella, die Abteilungen Kultur und Kaderfragen des ZK, keine Bedenken. Einen anderen Punkt hat für sie ein Fragebogenzusatz geklärt: „Zur Frage seiner Militärdienstzeit hat er einen Nachtrag geschrieben. Wir sind der Meinung, dass damit die Unklarheiten in den fraglichen Punkten beseitigt wurden und seiner Bestätigung als 1. Sekretär des Schriftstellerverbandes nichts mehr im Wege steht.“

          Strittmatter hat eine Militärbiographie geschrieben, die an die Seite der „Sieger der Geschichte“ führt. In einem solchen Fall möchte sie die Einzelheiten oft nicht allzu genau kennen.

          Den Fragebogen beginnt Strittmatter mit einer kleinen, aber wichtigen Manipulation. Er ist im April 1941 zur „Schutzpolizei“ und nicht, wie in Wirklichkeit, zur „Ordnungspolizei“ einberufen worden. Nach seinen Angaben: Spätherbst 1941 Objektbewachung in „Oberkrain“. Ausbildung in Reutte (Tirol) zum Polizei-Gebirgsjäger. 1942 Hinterland der Karelischen Front. Sommer 1943 nach Griechenland. „Wir hatten die Cykladen-Inseln, die bisher von kleinen italienischen Einheiten besetzt waren, zu besetzen.“ Der Soldat ist auf Naxos. „Im Hochsommer 1944 wurden wir von der Cykladen-Insel abgezogen und sollten zum Hochgebirgseinsatz auf den Peloponnes.“ „Stets“ Schreiber im Bataillonsstab. Später wegen „guter“ Kriegstagebuchführung bei der Film- und Bildstelle der Ordnungspolizei. „Ich habe trotz meiner Zugehörigkeit zur Schutzpolizei, außer bei der Ausbildung auf dem Schießstand, nie eine Gewehr- oder Pistolenkugel abgeschossen. Das gehörte zu meinem individualistischen Programm, wenn ich so sagen darf. Es gelang mir auch, es einzuhalten.“ Den Vorstellungen der Partei ist Genüge getan. Der Tatsache, dass gegen die Übermacht des Krieges keine Ideologie hilft, weniger. Davon reden die weißen Stellen in der Militärbiographie und die verschwiegene Einsatzgeschichte des Polizei-Gebirgsjäger-Regiments 18.

          Die Ordnungspolizei, zu der Strittmatter in seinem wirklichen Krieg einberufen wurde, gehörte, seit Hitler 1936 das Amt des „Reichsführers SS“ mit dem neu geschaffenen des „Chefs der Deutschen Polizei“ vereint hatte, zum Machtbereich Himmlers. Himmler betrieb im Krieg die zunehmende Verschmelzung von SS und „OrPo“. Die oberen Dienstgrade der „OrPo2“ erklommen SS-Ränge. Den Rekruten des Bataillons 325 der Ordnungspolizei, Strittmatter, erfasste am 15. April 1941 ein SS-Untersturmführer auf zwei Karteikarten nach „rassischen“ Gesichtspunkten wie „Hautfarbe, Schädelform, Mongolenfalte, Nasenform, Schlitzaugen, vorspringende Backenknochen“. Auf das Bataillon 325 wartete Anfang 1942 eine besondere Aufgabe.

          Das Massaker von Bistrica

          Ungeachtet der realen militärischen Lage, wurde die Aufstellung eines „Polizei-Gebirgs-Jäger-Regiments“ für den Kaukasus mit Befehlssitz Tiflis befohlen. SS-Obersturmbannführer Franz fasste dazu das Bataillon 325 mit zwei anderen Polizei-Bataillonen im Raum Garmisch-Partenkirchen zum Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18 zusammen. Strittmatters Formation stellte künftig dessen III. Bataillon. Mitte Juni 1942 war das Regiment einsatzbereit, der Kaukasus allerdings nicht in deutscher Hand. Für die „Zwischenzeit“ fand das Regiment „besondere Verwendung“. Himmler hatte befohlen: „Die Bandentätigkeit in Oberkrain und Untersteiermark wird in den nächsten Wochen grundsätzlich bereinigt“ und löste die Aktion „Enzian“ aus. Die Truppe trat in Slowenien an. Der dreimonatige Einsatz begann am 25. Juli 1942 im Raum Krainburg. Der Historiker Ralph Klein hielt in seinem Aufsatz „Das Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18: Massaker, Deportation, Traditionspflege“ (Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 1/2007) fest: „Das III. Bataillon ging gemeinsam mit anderen Einheiten gegen vermeintliche oder tatsächliche Partisanen vor. Angeblich sollen lediglich ein Bandit erschossen und mehrere festgenommen worden sein. Nach jugoslawischen Angaben aber wurde der Ort Bistrica pri Kranju an diesem Tag vollständig niedergebrannt, alle männlichen Bewohner wurden erschossen. In den folgenden Wochen führte das Regiment in der Oberkrain einen grausamen ,Partisanenkrieg'.“ Der Regimentschef, SS-Obersturmbannführer Franz, hielt in seinem Erinnerungswerk „Gebirgsjäger der Polizei“ fest: „Für das Regiment bedeutete das eine willkommene Gelegenheit, seine Einsatzfähigkeit einer Bewährungsprobe zu unterziehen.“

          Im Herbst 1942 marschierte die Wehrmacht in den Kessel von Stalingrad. Die Polizei-Gebirgs-Jäger kamen im Dezember 1942 statt in den Kaukasus nach Finnland. Wenige Monate später war der Einsatz in Griechenland dringlicher. Er galt der „Entwaffnung“ der 11. Italienischen Armee beim sich abzeichnenden Ausscheiden des Verbündeten aus dem Krieg und der „Befriedung des Landes“ im Kampf „gegen kommunistische Partisanenverbände“. Das Regiment brachte im August 1943 eine Auszeichnung Himmlers nach Griechenland mit. Der Reichsführer SS hatte am 24. Februar 1943 angeordnet: „Die deutschen Polizeiregimenter führen vom heutigen Tage an in Anerkennung ihres besonders tapferen und erfolgreichen Einsatzes die Bezeichnung SS-Polizeiregiment.“ Organisatorisch blieben die Polizeiregimenter bei der „Ordnungspolizei“. Das III. Bataillon nahm im September an „Säuberungsaktionen“ der Division „Brandenburg“ gegen Partisanen teil, um dann die auf der Insel Euböa und den Kykladen stationierten italienischen Truppen zu entwaffnen. Der Bataillonsschreiber des III., Strittmatter, gelangte auf die Insel Naxos über eine Zwischenstation. Die hieß Andros.

          Am Morgen des 23. September 1943 liefen von der Landungsflottille der „Gebirgsjäger“ lediglich drei Schiffe Andros an. Franz beklagt, dass sich auf den Fahrzeugen nur geringe Kräfte befanden, darunter der „Btl. Stab“. Es entwickelten sich zweitägige blutige Kämpfe mit der italienischen Besatzung, die auf Andros, wie auf vielen anderen Ägäisinseln, nicht einfach kapitulierte. Hitler hatte für den Fall eine Art „Kommissarbefehl“ erlassen. Italienische Offiziere, die Widerstand leisten, sind zu exekutieren. Franz: „Eine Gruppe junger ital. Offiziere, die noch immer verzweifelt weiterkämpfte, musste schließlich durch MG- und Handgranatenfeuer außer Gefecht gesetzt werden.“ Im Januar 1944 wurde das III. Bataillon von den Kykladen für einen Großeinsatz gegen Partisanen im Gebiet des Parnassos zurückgerufen. Monate erbitterter Kämpfe mit Geiselerschießungen folgten, bis Anfang Juni das II. und das III. für eine mehrwöchige „Säuberungsaktion“ auf dem Peloponnes in Marsch gesetzt wurde. Die militärgeschichtliche Datenlage weiß von keiner blauen Inselferne in diesen Monaten, wie sie Strittmatters Militärbiographie suggeriert: „Im Hochsommer 1944 wurden wir von der Cykladen-Insel abgezogen und sollten zum Hochgebirgseinsatz auf den Peloponnes.“

          Der Blick zurück stößt in den deutschen Biographien des 20. Jahrhunderts auf Grenzen. Strittmatter hat der Partei im Mai 1959 bekannt, er habe aus „politischer Unklarheit“ den Nazis „Handlangerdienste“ geleistet, „Allerdings weiß ich auch, dass dauernde Scham lähmt“. Die Partei weiß es auf ihre Weise ebenfalls. Als im Juni 1974 der Altgenosse und Emigrant Michael Tschesno-Hell wegen des neuen „Schriftstellerlexikons“ der DDR beim Berliner Bezirkssekretär der SED, Konrad Naumann, vorstellig wird, versanden seine Einwände als „Information“ für die Kader-Abteilung des ZK: „Michael Tschesno-Hell brachte zum Ausdruck, dass bei Strittmatter irgendwas nicht in Ordnung gewesen sein soll in Bezug auf seine Angaben. Es gäbe Vorwürfe gegen Claudius, Turek und Strittmatter. Viel soll gefälscht sein in den Angaben. Genosse Naumann sagte, das wäre bekannt . . .“ 25 Jahre später, die Zeit des „Herrschaftswissens“ ist vorbei, überblenden zwei Biographien noch immer die Problemstellen und vertun die Möglichkeit eines Lebenslaufs ohne Legenden.

          In einer „Biographie in Bildern“ (Aufbau-Verlag, Berlin, 2002) wird Strittmatter erst im Februar 1942 zum „Militärdienst“ einberufen und ihm ein Jahr Ordnungspolizei erspart. „Deutsche Truppen“, nicht das SS-Polizei-Gebirgs-Jäger-Regiment 18, werden hier im Frühjahr 1943 nach Jugoslawien und dann nach Griechenland verlegt. In der Biographie „Des Lebens Spiel“ (Aufbau-Verlag, Berlin, 2000) beordert ihn das „Schicksal“ zu einer anonymen „Film- und Bildstelle der Ordnungspolizei“, damit er dort „seine literarischen Fähigkeiten dafür einsetze, dass die Tagebücher verschiedenster deutscher Truppenteile des noch immer hell lodernden Europa der Nachwelt in ,angemessener Form' hinterlassen werden“.

          Der Historiker Christoph Spieker rechnete ihr Bildmaterial zur „SS-Schulungsstrategie“. „Die ,ethnischen Säuberer in Grün' lernten die Habitualisierung von Gewalt und Erbarmungslosigkeit gegenüber den ,unerwünschten Elementen'“ (“Polizeibilder unter SS-Runen. Die Film- und Bildstelle der Ordnungspolizei“, Klartext-Medien-Werkstatt, Essen, 2005). Die „angemessene Form“ der Kriegstagebücher der „Ordnungspolizei“, um die es sich allein handelte, hatte Himmler am 23. Mai 1940 in einer detaillierten Dienstanweisung festgelegt. Sie erfolgte auf Formblättern. Auf solchen Formblättern rechnete das Polizeibataillon 310 seinen Mordeinsatz im Getto von Pinsk vom 29. Oktober bis 1. November 1942 ab, bei dem 18 000 Juden erschossen wurden.

          Das Schweigen des Soldaten

          Es ist nicht bekannt, dass Strittmatter in ein Verbrechen der schrecklichen Polizisten verstrickt war, die Daniel Goldhagen „Handlanger des Völkermords“ nannte. Aber er besaß Kenntnisse dieses Krieges von einem ungewöhnlichen Radius. Der Platz in der Truppe kumulierte mit dem Hintergrundwissen eines Bataillonsschreibers, Kriegstagebuchführers und Mitarbeiters der Film- und Bildstelle der „OrPo“. In seinen wirklichen Krieg hatte er die SED einen gewissen Einblick nehmen lassen. Seine Leser nie. Ein Autor, der sich der Verantwortung seiner Erfahrungen nicht stellte, der seine Militärbiographie verschwieg. Die autobiographische Erzählung von 1985, „Grüner Juni“, erinnerte allein, was konfliktfrei war. Der wirkliche Frontverlauf kam noch immer so wenig zu Wort, wie 1957 im Roman „Der Wundertäter“. Ihn beherrschte das gängige Muster der „antifaschistischen Wandlung“. Die „Wandlung“ des Wehrmachtsoldaten Stanislaus Büdner krönte im Roman die Desertion in ein griechisch-orthodoxes Kloster. „Das Kloster war ein weißer Bau im Gefels.“ Der Krieg des „Wundertäters“ ein geschönter Romankrieg. Den griechischen Partisanenkrieg hatte Strittmatter am längsten und intensivsten von all seinen Militäraktivitäten erlebt. In der griechischen Realität waren zahllose Klöster Brandruinen. Ein Nationalheiligtum wie die Agia Lavra auf dem Peloponnes dem Erdboden gleichgemacht. Die Mönche erschossen. Dutzende Orte hatten ein Schicksal wie Oradour oder Lidice erlitten. Sie tragen die Namen Distomon, Kalavryta, Kommeno.

          Der Oberkommandierende der Heeresgruppe E in Griechenland, Generaloberst Löhr, hatte im August 1943 befohlen, „Bandentätigkeit“ sei in jedem Fall mit dem Erschießen oder Aufhängen von Geiseln, der Zerstörung umliegender Ortschaften zu „sühnen“. Den Ordonanzoffizier im Stabe Löhrs, Kurt Waldheim, fragte im März 1986 ein Nachrichtenmagazin: „Ihnen ist unbekannt, dass es damals den Befehl gab, mutmaßliche Partisanen sofort zu erschießen?“ Waldheim: „Ich habe nie einen solchen Befehl gesehen. Ich hatte mit diesen Dingen ja nichts zu tun.“ Der Ordonanzoffizier Hans Haller erinnert sich eines Frühstücks bei Löhr: „,Sagen Sie, Haller, hat jeder Soldat zum Frühstück Butter?' Ich kann ihm nicht antworten. Da isst der General selber keine Butter mehr.“ Haller erinnert sich, dass später alle Soldaten Butter bekamen.

          Am 5. Januar 1944 wurden zwei Angehörige des SS-Polizei-Gebirgs-Jäger-Regiments 18 von Partisanen getötet. Ein Polizei-Oberleutnant Wendl vom III. Bataillon ordnete daraufhin die Exekution von 120 Geiseln aus dem Gefängnis von Levadia an. Fünfzig von ihnen wurden am 8. Januar von einem Exekutionskommando der Polizei-Gebirgsjäger erschossen. Trug der Bataillonsschreiber des III., Strittmatter, das Massaker in das in Bischofteinitz verbrannte Kriegstagebuch seines Bataillons ein?

          „In Wirklichkeit bin ich apolitisch, ein poetischer Mensch“, sagte der Autor im August 1992 einer Zeitung. Strittmatters Krieg endet im Mai 1945 in poetischer Gegend. Es ist die Gegend, wo der „Stifter Bertl“ gelebt hat. Es ist aber auch die Gegend, wo ein Archiv deutscher Kriegsverbrechen, das er hätte bezeugen können, in Flammen aufging.

          Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Werner Liersch, Alfred-Kerr- und Heinrich-Mann-Preisträger, war 1987-1990 Juror beim Bachmann-Preis in Klagenfurt und von 1990-1992 Chefredakteur der Zeitschrift „Neue deutsche Literatur“. Zuletzt erschien sein Buch „Fallada“, 2005. Er lebt in Berlin.

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