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SS-Vergangenheit : Erwin Strittmatters unbekannter Krieg

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Der Historiker Christoph Spieker rechnete ihr Bildmaterial zur „SS-Schulungsstrategie“. „Die ,ethnischen Säuberer in Grün' lernten die Habitualisierung von Gewalt und Erbarmungslosigkeit gegenüber den ,unerwünschten Elementen'“ (“Polizeibilder unter SS-Runen. Die Film- und Bildstelle der Ordnungspolizei“, Klartext-Medien-Werkstatt, Essen, 2005). Die „angemessene Form“ der Kriegstagebücher der „Ordnungspolizei“, um die es sich allein handelte, hatte Himmler am 23. Mai 1940 in einer detaillierten Dienstanweisung festgelegt. Sie erfolgte auf Formblättern. Auf solchen Formblättern rechnete das Polizeibataillon 310 seinen Mordeinsatz im Getto von Pinsk vom 29. Oktober bis 1. November 1942 ab, bei dem 18 000 Juden erschossen wurden.

Das Schweigen des Soldaten

Es ist nicht bekannt, dass Strittmatter in ein Verbrechen der schrecklichen Polizisten verstrickt war, die Daniel Goldhagen „Handlanger des Völkermords“ nannte. Aber er besaß Kenntnisse dieses Krieges von einem ungewöhnlichen Radius. Der Platz in der Truppe kumulierte mit dem Hintergrundwissen eines Bataillonsschreibers, Kriegstagebuchführers und Mitarbeiters der Film- und Bildstelle der „OrPo“. In seinen wirklichen Krieg hatte er die SED einen gewissen Einblick nehmen lassen. Seine Leser nie. Ein Autor, der sich der Verantwortung seiner Erfahrungen nicht stellte, der seine Militärbiographie verschwieg. Die autobiographische Erzählung von 1985, „Grüner Juni“, erinnerte allein, was konfliktfrei war. Der wirkliche Frontverlauf kam noch immer so wenig zu Wort, wie 1957 im Roman „Der Wundertäter“. Ihn beherrschte das gängige Muster der „antifaschistischen Wandlung“. Die „Wandlung“ des Wehrmachtsoldaten Stanislaus Büdner krönte im Roman die Desertion in ein griechisch-orthodoxes Kloster. „Das Kloster war ein weißer Bau im Gefels.“ Der Krieg des „Wundertäters“ ein geschönter Romankrieg. Den griechischen Partisanenkrieg hatte Strittmatter am längsten und intensivsten von all seinen Militäraktivitäten erlebt. In der griechischen Realität waren zahllose Klöster Brandruinen. Ein Nationalheiligtum wie die Agia Lavra auf dem Peloponnes dem Erdboden gleichgemacht. Die Mönche erschossen. Dutzende Orte hatten ein Schicksal wie Oradour oder Lidice erlitten. Sie tragen die Namen Distomon, Kalavryta, Kommeno.

Der Oberkommandierende der Heeresgruppe E in Griechenland, Generaloberst Löhr, hatte im August 1943 befohlen, „Bandentätigkeit“ sei in jedem Fall mit dem Erschießen oder Aufhängen von Geiseln, der Zerstörung umliegender Ortschaften zu „sühnen“. Den Ordonanzoffizier im Stabe Löhrs, Kurt Waldheim, fragte im März 1986 ein Nachrichtenmagazin: „Ihnen ist unbekannt, dass es damals den Befehl gab, mutmaßliche Partisanen sofort zu erschießen?“ Waldheim: „Ich habe nie einen solchen Befehl gesehen. Ich hatte mit diesen Dingen ja nichts zu tun.“ Der Ordonanzoffizier Hans Haller erinnert sich eines Frühstücks bei Löhr: „,Sagen Sie, Haller, hat jeder Soldat zum Frühstück Butter?' Ich kann ihm nicht antworten. Da isst der General selber keine Butter mehr.“ Haller erinnert sich, dass später alle Soldaten Butter bekamen.

Am 5. Januar 1944 wurden zwei Angehörige des SS-Polizei-Gebirgs-Jäger-Regiments 18 von Partisanen getötet. Ein Polizei-Oberleutnant Wendl vom III. Bataillon ordnete daraufhin die Exekution von 120 Geiseln aus dem Gefängnis von Levadia an. Fünfzig von ihnen wurden am 8. Januar von einem Exekutionskommando der Polizei-Gebirgsjäger erschossen. Trug der Bataillonsschreiber des III., Strittmatter, das Massaker in das in Bischofteinitz verbrannte Kriegstagebuch seines Bataillons ein?

„In Wirklichkeit bin ich apolitisch, ein poetischer Mensch“, sagte der Autor im August 1992 einer Zeitung. Strittmatters Krieg endet im Mai 1945 in poetischer Gegend. Es ist die Gegend, wo der „Stifter Bertl“ gelebt hat. Es ist aber auch die Gegend, wo ein Archiv deutscher Kriegsverbrechen, das er hätte bezeugen können, in Flammen aufging.

Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Werner Liersch, Alfred-Kerr- und Heinrich-Mann-Preisträger, war 1987-1990 Juror beim Bachmann-Preis in Klagenfurt und von 1990-1992 Chefredakteur der Zeitschrift „Neue deutsche Literatur“. Zuletzt erschien sein Buch „Fallada“, 2005. Er lebt in Berlin.

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