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SS-Vergangenheit : Erwin Strittmatters unbekannter Krieg

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Am Morgen des 23. September 1943 liefen von der Landungsflottille der „Gebirgsjäger“ lediglich drei Schiffe Andros an. Franz beklagt, dass sich auf den Fahrzeugen nur geringe Kräfte befanden, darunter der „Btl. Stab“. Es entwickelten sich zweitägige blutige Kämpfe mit der italienischen Besatzung, die auf Andros, wie auf vielen anderen Ägäisinseln, nicht einfach kapitulierte. Hitler hatte für den Fall eine Art „Kommissarbefehl“ erlassen. Italienische Offiziere, die Widerstand leisten, sind zu exekutieren. Franz: „Eine Gruppe junger ital. Offiziere, die noch immer verzweifelt weiterkämpfte, musste schließlich durch MG- und Handgranatenfeuer außer Gefecht gesetzt werden.“ Im Januar 1944 wurde das III. Bataillon von den Kykladen für einen Großeinsatz gegen Partisanen im Gebiet des Parnassos zurückgerufen. Monate erbitterter Kämpfe mit Geiselerschießungen folgten, bis Anfang Juni das II. und das III. für eine mehrwöchige „Säuberungsaktion“ auf dem Peloponnes in Marsch gesetzt wurde. Die militärgeschichtliche Datenlage weiß von keiner blauen Inselferne in diesen Monaten, wie sie Strittmatters Militärbiographie suggeriert: „Im Hochsommer 1944 wurden wir von der Cykladen-Insel abgezogen und sollten zum Hochgebirgseinsatz auf den Peloponnes.“

Der Blick zurück stößt in den deutschen Biographien des 20. Jahrhunderts auf Grenzen. Strittmatter hat der Partei im Mai 1959 bekannt, er habe aus „politischer Unklarheit“ den Nazis „Handlangerdienste“ geleistet, „Allerdings weiß ich auch, dass dauernde Scham lähmt“. Die Partei weiß es auf ihre Weise ebenfalls. Als im Juni 1974 der Altgenosse und Emigrant Michael Tschesno-Hell wegen des neuen „Schriftstellerlexikons“ der DDR beim Berliner Bezirkssekretär der SED, Konrad Naumann, vorstellig wird, versanden seine Einwände als „Information“ für die Kader-Abteilung des ZK: „Michael Tschesno-Hell brachte zum Ausdruck, dass bei Strittmatter irgendwas nicht in Ordnung gewesen sein soll in Bezug auf seine Angaben. Es gäbe Vorwürfe gegen Claudius, Turek und Strittmatter. Viel soll gefälscht sein in den Angaben. Genosse Naumann sagte, das wäre bekannt . . .“ 25 Jahre später, die Zeit des „Herrschaftswissens“ ist vorbei, überblenden zwei Biographien noch immer die Problemstellen und vertun die Möglichkeit eines Lebenslaufs ohne Legenden.

In einer „Biographie in Bildern“ (Aufbau-Verlag, Berlin, 2002) wird Strittmatter erst im Februar 1942 zum „Militärdienst“ einberufen und ihm ein Jahr Ordnungspolizei erspart. „Deutsche Truppen“, nicht das SS-Polizei-Gebirgs-Jäger-Regiment 18, werden hier im Frühjahr 1943 nach Jugoslawien und dann nach Griechenland verlegt. In der Biographie „Des Lebens Spiel“ (Aufbau-Verlag, Berlin, 2000) beordert ihn das „Schicksal“ zu einer anonymen „Film- und Bildstelle der Ordnungspolizei“, damit er dort „seine literarischen Fähigkeiten dafür einsetze, dass die Tagebücher verschiedenster deutscher Truppenteile des noch immer hell lodernden Europa der Nachwelt in ,angemessener Form' hinterlassen werden“.

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