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SS-Vergangenheit : Erwin Strittmatters unbekannter Krieg

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Am 6. Mai 1945 geht der Wehrmachtsgefreite Erich Loest in Bischofteinitz in amerikanische Gefangenschaft. Loest hat im Böhmerwald zu einem Trupp „Werwölfe“ gehört, der sich bei der Nachricht von Hitlers Tod auflöst. Loest steigt hinunter in das Hügelland, stiehlt sich durch nächtliche Dörfer, am Ortsschild von Bischofteinitz vorbei in die schlafende Stadt. Auf dem Marktplatz stehen Shermanpanzer, Lastwagen, Jeeps, keine Posten, weiße Tücher an allen Häusern. Loest greift sich eine Provianttasche aus einem Jeep, will weg, wird von den Amerikanern gefasst. Loest 1981 in seinem Buch „Durch die Erde ein Riß“: „Er musste eine rasche Angst überwinden, aber eine Stunde später schon schwappte Freude über, am Leben zu sein und zu bleiben.“

Uniformtausch

Am 6. Mai 1945 begegnet Erwin Strittmatter in der Nähe von Bischofteinitz „in der Gegend von Oberplan“ unbehelligt den Amerikanern. Er hat sich im nahenden Zusammenbruch falsche Papiere beschaffen können. Strittmatter 1985 in seinem Buch „Grüner Juni“. „Ich habe Zivilzeug angezogen, das ich schon ein Jahr lang in meinem Gebirgsjägerrucksack umherschleppte, und ich lebe bei einer deutschen Bäuerin in Böhmen, versteckt und unversteckt, je wie die Verhältnisse es erfordern.“ Beim Anrücken der Amerikaner trägt er mit Dörflern die weiße Fahne auf den Kirchturm. Sie wird heruntergeholt und neu gehisst. „Ich tue diese unheldischen Taten in der Gegend von Oberplan, in der Gegend, in der der Stifter Bertl, ein weitläufiger Verwandter von mir, gelebt hat, der auch kein Held nicht war.“

Bevor Strittmatter das Zivilzeug anzog, hat er jedoch auch noch etwas ausgezogen. Es ist die grüne Uniform eines Oberwachtmeisters der Ordnungspolizei des Polizei-Gebirgs-Jäger-Regiments 18. Von der Uniform ist im Bericht als Einziges die Nr. 38 der Bekleidungsausstattung des Regiments, der „Skirucksack (Tauern)“, übriggeblieben. Von Strittmatters Krieg das Hissen der weißen Fahne. Aber da war noch ein anderer Krieg, der für Strittmatter im April 1941 mit der Einberufung zur Ordnungspolizei begann. In diesem Krieg gehörte der Oberst der Polizei, SS-Obersturmbannführer Hermann Franz, zu seinen Kommandeuren. War der letzte Einsatzort Strittmatters die Berliner Film- und Bildstelle der Ordnungspolizei, deren Dokumente am Kriegsende in Bischofteinitz sind. In Strittmatters wirklichem Krieg wurde aus seiner Polizeiformation im Februar 1943 das „SS-Polizei-Gebirgs-Jäger-Regiment 18“, das auf dem Balkan und in Griechenland am Partisanenkrieg teilnahm.

Keine dieser prekären Tatsachen kommt in der DDR vor. Das offiziöse „Schriftstellerlexikon“ notiert 1974 lediglich: „Desertierte als Soldat der Hitlerwehrmacht gegen Ende des Krieges 1945“. Das Dogma, zu den „Siegern der Geschichte“ zu gehören, verschweigt, was nicht zu ihm passt. Allein die Partei weiß intern mehr. Strittmatter, der in den siebziger Jahren einer ihrer Kritiker geworden ist und nicht müde wird, darauf zu pochen, dass der Schriftsteller allein der „Wahrheit“ verpflichtet sei, durchbricht nie, was er allein mit ihr besprochen hat.

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