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Übersetzerin von Annie Ernaux : Bis der Rhythmus stimmt

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Annie Ernaux Bücher lassen sich auch in Deutschland nieder. Dank sei ihrer Übersetzerin Sonja Finck. Bild: EPA

Dass die Literatur der Französin Annie Ernaux erst verspätet in Deutschland Erfolg hatte, hängt mit Fragen der Vermarktung, aber auch der Einfühlung zusammen. Ein Gespräch mit ihrer heutigen Übersetzerin Sonja Finck.

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          Frau Finck, warum blieb Annie Ernaux fast unbemerkt, als sie Ende der Achtziger erstmals auf Deutsch erschien?

          Ein Hauptgrund sind die unterschied­lichen literarischen Traditionen in Deutschland und Frankreich. Und ich glaube, dass es zum Teil keine guten Übersetzungen waren. Dazu kommt die Vermarktung: Ernaux wurde damals als Frauenliteratur verkauft, was das Cover und die Titelauswahl betrifft. Man präsentierte sie nicht als intellektuelle, ernstzunehmende Schriftstellerin, sondern als erotische Unterhaltungsliteratur aus Frankreich.

          Worauf kommt es bei der Übersetzung ihrer Texte an?

          Ernaux hat eine spröde, aber auch sehr rhythmische Schreibweise. Trotz der vermeintlichen Schlichtheit weiß man beim Lesen aber gleich: Das ist Literatur. Das liegt am Rhythmus, an der Schnörkellosigkeit, der Vermeidung von idiomatischen Wendungen und der Knappheit, den vielen Verkürzungen. Wenn man da im Deutschen syntaktisch zu dicht am Französischen bleibt, indem man zum Beispiel zu ausschweifend wird oder die Relativsätze nachbaut, die im Französischen dynamisch sind, im Deutschen aber sperrig klingen, funktioniert es nicht.

          Ernaux hat auch eine Ethik des platten Stils: Sie verpflichtet sich, ihre prosaische Vergangenheit nicht fälschlich zu literarisieren.

          Das stimmt, und ich wundere mich immer wieder, wie schwer es ist, das zu übersetzen. Ein banaler Grund dafür ist, dass man beim literarischen Übersetzen häufig versucht, den Inhalt möglichst idiomatisch wiederzugeben. Das ist bei Ernaux gerade falsch. Denn Ernaux benutzt nie das sprachliche Klischee, nie die gängigste Formulierung. Bei anderen Übersetzungen löse ich mich stärker von den Strukturen des Ausgangstextes. Bei Ernaux muss vor allem der Rhythmus stimmen, daher mache ich nach der ersten Übersetzung wieder einen Schritt zum Französischen zurück, um den Text strukturell so nah wie möglich an den Ausgangstext zu rücken.

          In einem Interview bemerkte Ernaux, sie sei im Schreiben frei gewesen, weil sie als Klassenaufsteigerin nicht befürchten musste, dass ihre Eltern ihre Texte lesen. Aber auch, weil sie eine „tiefe Einsamkeit“ empfinde und sich „unfähig fühle, sich vom Schreiben abzuhalten“. Spüren Sie dieser Grundatmosphäre nach, und lässt sie sich übersetzen?

          Ja, ich denke schon, dass die sich übersetzen lässt. Je besser man eine Autorin kennt, desto besser ist man dem auf der Spur. Beim ersten Buch, das ich von Ernaux übersetzt habe, konnte ich hin und wieder nicht nachvollziehen, welche Stimmung hinter einem Absatz steht. Mittlerweile habe ich sehr feine Antennen dafür entwickelt. In ihrem letzten Buch „Mémoire de fille“ schreibt Ernaux über ihren ersten Sex, der eine Art Vergewaltigung oder sexuelle Grenzüberschreitung war. Sie bemerkt, dies sei in allen ihren Büchern eine Leerstelle, weil sie es bis zu diesem Zeitpunkt nicht geschafft habe, darüber zu schreiben. Und tatsächlich finde ich mittlerweile in ihren Texten diese Stellen. Ist das Einsamkeit? Vermutlich schon, denn sie hat dieses Trauma mit sich herumgetragen und erst im hohen Alter davon berichtet. Zugleich deuten die Texte eine große Zärtlichkeit an. Die muss auch im Deutschen rüberkommen, und das hängt manchmal gar nicht so sehr an einzelnen Wörtern oder Sätzen.

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