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Simenon-Staffel 8 : Das Testament Donadieu

Bild: Diogenes

Außer seinen 75 Maigret-Romanen hat Georges Simenon auch 140 andere geschrieben, in denen der Kommissar keine Rolle spielt. 50 von ihnen erscheinen nun in revidierter Übersetzung. Tilman Spreckelsen liest mit.

          Wer sagt denn, dass Simenon nur die kurze Form beherrscht, die Geschichte oder den kleinen Roman so um die 160 Seiten? Dieses Buch ist mit seinen 532 Seiten so dicht gearbeitet, so feinmaschig in seinem Zusammenhalt wie sonst nur die besten unter Simenons kürzeren Klassikern. Wie hier in einem dreiteiligen Tableau der Niedergang der Reederfamilie Donadieu entworfen wird, ist so zwingend wie meisterlich. Mag sein, dass Simenons Arbeitsweise, die, wenn man der Legende glauben mag, auf schnelles, atemloses Schreiben aus einem Guss setzte, solchen Büchern hinderlich war. Aber liest man dieses, wird man es sehr bedauern, dass Simenon nicht öfter zu dieser Ruhe fand.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Geschrieben: Juli/August 1936, auf Porquerolles.

          Die Handlung in einem Satz: Ein junger Mann kommt in eine Familie von Geschäftsleuten, deren Senior gerade gestorben ist, und füllt das Vakuum mit Methoden, die anfangs vielversprechend scheinen, im Ergebnis aber den geschäftlichen Niedergang nur noch beschleunigen.

          Spielt in: La Rochelle, Paris und an der Côte d'Azur

          Momente des Glücks: Vielleicht die Liebenden im Zimmer der Donadieu-Tochter Martine? Oder der geborgte Glanz des mondänen Paris? Am ehesten noch unter den Arbeitern Nordamerikas, wohin sich Kiki flüchtet, der jüngste der Donadieus. Nur dass ihn auch dort der Ruf der Familie ereilt.

          Familienbande: Einerseits will man zusammenhalten, wohnt generationenübergreifend im selben Haus und fügt sich dem vermeintlichen Firmenwohl. Andererseits erodiert es an allen Ecken und Enden. Und wenn dann ganz zum Schluss des Romans die Überlebenden vor zwei Särgen stehen, ist völlig klar, dass man sich im nächsten Moment von den Trümmern dessen, was einmal Familie war, entfernen wird, jeder für sich und jeder so weit wie möglich.

          Rekordtempo, wohin man schaut

          Eine Traditionsfirma steht nach dem Tod ihres Oberhaupts führungslos da, zumal die alten Geschäftsmodelle nicht mehr greifen und aus der Erbengenerationen niemand da ist, der den Patriarchen ersetzen könnte: Wo die Dinge stehen wie hier, gibt es zwei Richtungen für den Gang der Handlung. Entweder alles geht in Rekordtempo vor die Hunde, oder aber ein junger, hungriger Außenseiter ergreift die Macht und renoviert das ganze ebenfalls in Rekordtempo.

          In diesem großen Roman, den man mit einigem Recht neben „Buddenbrooks“ stellen mag, wählt Simenon einen dritten Weg. Ist es Liebe, die den jungen Philippe mit dem vielversprechenden Nachnamen Dargens in die Arme der Reedertochter Martine Donadieu (auch dies ein sprechender Name) führt? Folgt er einem Plan, wenn er, der sich ständig seiner vielen Arbeit brüstet, nach und nach die übrigen Familienmitglieder entmachtet - die sich, wie es scheint, allzu gern entmachten lassen?

          Aber Simenon wäre nicht Simenon, wenn er nicht immer wieder retardierende Elemente von ganz eigener Wucht einbauen würde, und wenn er nicht - so scheint es - am Ende dem gewandten Aufsteiger die selbstgegrabene Fallgrube bescherte. Dass sein ersichtlicher Antipode, der unförmige Reedersohn Michel, ihn überlebt, mag man traurig finden oder ganz lächerlich. Oder man liest daraufhin den Roman noch einmal von vorn und sucht darin nach Anzeichen für diese erstaunliche Entwicklung.

          Lieblingssatz: „Ich verteidige überhaupt nichts, aber gewisse Anspielungen sind mir zuwider. Vielleicht ist Papa nur deshalb gestorben, weil er den Mut verloren hat, als er uns alle so sah!“

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