https://www.faz.net/-gr0-6kx2w

Simenon-Staffel 6 : Der Untermieter

Bild: Diogenes

Außer seinen 75 Maigret-Romanen hat Georges Simenon auch 140 andere geschrieben, in denen der Kommissar keine Rolle spielt. 50 von ihnen erscheinen nun in revidierter Übersetzung. Tilman Spreckelsen liest mit.

          2 Min.

          Wer auch nur einige von Simenons Romanen gelesen hat, ganz gleich ob „Maigrets“ oder „Non-Maigrets“, wird unschwer die Meisterschaft des Autors erkennen, wenn es darum geht, die Schäbigkeit eines Verbrechens und eines Verbrechers zu schildern. Besonders die jungen Kerle, die aus Großgetue oder einer Notlage heraus einen anderen ums Leben bringen, kann Simenon gar nicht kleinlich, bei aller Exaltiertheit stumpfsinnig und tollpatschig genug zeichnen.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Hier, beim Kleingaunerpärchen Élie und Sylvie, kommt noch Élies fiebrige Erkältung hinzu, die ihn den Roman über nicht mehr verlassen wird. Der junge Mann jedenfalls suggeriert uns ständig, dass er, egal was er gerade tut, am liebsten statt dessen irgendwo zwischen weißen, gestärkten Leinen vor sich hin dämmern würde.

          Geschrieben: Herbst 1933, in Marsilly.

          Die Handlung in einem Satz: Élie Nagéar, ein junger Nichtstuer aus Istanbul, ermordet in Belgien einen reichen Kaufmann und versteckt sich in der kleinen Pension, die von der Mutter seiner Freundin Sylvie Baron äußerst familiär geführt wird.

          Spielt in: Brüssel und Charleroi

          Momente des Glücks: Abends, in der belgischen Pension, wenn er in der kleinen Küche von Istanbul schwärmt und mit seinen Erzählungen seine mütterliche Vermieterin verzaubert, läuft Élie zu großer Form auf. Und genießt das sehr.

          Familienbande: „Mama“, weint der längst erwachsene Élie, als sich die Schlinge um ihn zuzieht, und in der allerletzten Szene nimmt Madame Baron diese Rolle ganz selbstverständlich ein. Dass es eine Ersatzfamilie ist, die Élie letztlich sucht, markiert Simenon fast schon überdeutlich.

          Konsum geistiger Getränke: Élies Erinnerung gilt dem Champagner, die Gegenwart weiß von Grog und, an Festtagen, allenfalls von Likör.

          Eigenleben eines Hauses

          Seltsam, wie alles andere - das vornehme Hotel in Brüssel, die Nachtclubs, das Eisenbahnabteil, in dem der Mord verübt wird - verblasst, wenn das Haus ins Spiel kommt, das Sylvies Mutter führt und in dem Élie seine Zuflucht findet. Nicht, weil irgendetwas daran großartig wäre. Aber wie Simenon jedem Bewohner im Gefüge dieses raffinierten Romans seinen Platz zuweist, wie er die Architektur als Movens der Handlung nutzt, wie er schließlich aus der komplexen Mischung aus Hass und Zuneigung, die dem merkwürdigen Gast Élie gilt, am Ende die umfassende Solidarität aller Bewohner mit dem von der Polizei Gejagten erwachsen lässt - das ist schon meisterlich.

          Lieblingssatz: „Das Schmutzwasser plätscherte im Spülbecken, und das Geschirr klapperte. Élie rauchte und schaute vor sich hin, vollkommen friedlich, und sein Körper wurde von seiner Erkältung und einem Wohlgefühl durchströmt. Beides vermischte sich. Er hatte keine Lust, gesund zu werden, und wenn er sich fieberfrei fühlte, trank er einen heißen Grog, damit ihm wieder der Schweiß ausbrach.“

          Weitere Themen

          Gerd Baltus gestorben

          TV-Schauspieler : Gerd Baltus gestorben

          „Tatort“, „Traumschiff“, „Derrick“: Er war einer der meistbeschäftigten Fernsehschauspieler und wirkte in fast allen wichtigen Serien mit. Gerd Baltus ist am Freitag im Alter von 87 Jahren gestorben.

          Topmeldungen

          Freie Fahrt? Auf Deutschlands Autobahnen wartet die „größte Verwaltungsreform seit Jahrzehnten“.

          Autobahnen : Besser als Google Maps

          Bald übernimmt der Bund Planung, Bau und Betrieb der Autobahnen. Anfang 2020 beginnt ein erster Härtetest: Eine Verwaltung, die sich Jahrzehnte eingespielt hat, wird durcheinandergewirbelt. Wird alles klappen?
          Die Dividenden ersetzen die Zinsen nicht.

          Die Vermögensfrage : Die Dividende ist nicht der neue Zins

          In Zeiten abgeschaffter Zinsen werden neue Anlagemöglichkeiten gesucht und gefunden: die Dividende. Ein guter Tausch? Dividendentitel können ein attraktiver Bestandteil der eigenen Aktienanlagestrategie sein, den Zins aber ersetzen sie nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.