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Simenon-Staffel 1 : Die Verlobung des Monsieur Hire

Bild: Natascha Vlahovic, FAZ.NET

Außer seinen 75 Maigret-Romanen hat Georges Simenon auch 140 andere geschrieben, in denen der Kommissar keine Rolle spielt. 50 von ihnen erscheinen nun in revidierter Übersetzung. Tilman Spreckelsen liest mit und geht nach seinem Maigret-Marathon in die Simenon-Staffel.

          Dass ich nach 75 Maigret-Romanen, im Wochentakt gelesen, Simenon irgendwie auf die Schliche gekommen wäre, kann ich nicht behaupten. Die schiere Fülle frappiert mich immer wieder, die staunenswerte Sicherheit des Autors, die Variationsfreude. Und die Bilder, die einen nicht mehr verlassen, jene ganz von Außen betrachteten Menschen, die sich zappelnd über Wasser halten oder stoisch untergehen. Beim Zuschlagen des 75. Maigret war ich erleichtert, eine Woche später fehlte es mir. Gut, dass ich das Ganze um 50 Non-Maigrets verlängern kann.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Handlung in einem Satz: Der zurückhaltende Monsieur Hire verfällt seiner Nachbarin und büßt am Ende für das Verbrechen ihres Liebhabers.

          Spielt in: der Pariser Vorstadt Villejuif und im 11. und 13. Arrondissement von Paris rund um die Avenue d'Italie.

          Momente des Glücks: Eine lange vorbereitete, herausgezögerte, federleichte Berührung

          Familienbande: Besagte Verlobung, eine sehr einseitige Sache. Man möchte im Übrigen kein Kind der nervösen Concierge sein.

          Konsum geistiger Getränke: Wenn Monsieur Hire so richtig wild zumute ist, dann bestellt er eine Karaffe Rotwein. Und gießt dann Wasser dazu.

          Der Tod des Voyeurs

          Was es mit der titelgebenden Verlobung auf sich hat? Ausgesprochen hat Monsieur Hire dieses Ansinnen nie, wenigstens nicht in Gegenwart jener rothaarigen Alice, auf die es gemünzt ist. Sowieso ist das Reden seine Sache nicht, oder das Anfassen und Festhalten. Meisterlich aber ist er immer dort, wo es um eine Verbindung auf Distanz geht: Er bringt es fertig, Alice stundenlang durch die halbe Stadt zu folgen und ist nicht zufällig der Bowlingkönig von Paris.

          Dass er Alice Abend für Abend begafft - und sie sich von ihm begaffen lässt -, führt ihn allerdings geradewegs in die Katastrophe. Sein Herz setzt aus, als er, auf einem Hausdach klettern, das Äußerste an Angst ertragen muss, als sich die Dinge umkehren: Nun ist er es, dem die Blicke aller Nachbarn gelten, ohne dass es irgendein Versteck für ihn gäbe.

          Lieblingssatz: „Der Liebhaber war mager und sah schlecht aus. Sein Blick blieb nie ohne Spott auf Monsieur Hire haften, und dennoch musste er als Erster seine Augen abwenden, denn Monsieur Hire konnte jemanden sehr lange fixieren, ganz ohne Absicht, ohne Neugier, ohne sich dabei etwas zu denken, eben so, wie man auf eine Mauer oder den Himmel starrt.“

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