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Shakespeare im 21. Jahrhundert : Das Wintermärchen kommt in die Babyklappe

  • -Aktualisiert am

Wenn Shakespeare auf das Regietheater trifft, ist das Ergebnis offen. Hier geht der Schauspieler Lars Eidinger bei einer „Hamlet“-Inszenierung in Athen aus sich heraus. Bild: dpa

Zum 400. Todestag des großen Dichters aus Stratford-upon-Avon wollen acht neue Romane Shakespeares Theaterstücke in die Welt des 21. Jahrhunderts bringen: Was für ein faszinierender Aberwitz!

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          Ein Problem ist meistens der Schluss. Dass sich am Ende alle Wirren ordnen, dass sämtliche Missverständnisse geklärt, die Ungerechtigkeiten ausgeräumt, die heillosen Verwicklungen gelöst werden und alle fortan glücklich und zufrieden leben, kann man schier nicht glauben. Manchmal will man sich das besser auch nicht vorstellen, denn eine gestörte Ordnung ist stets interessanter, jedenfalls erzählenswerter, als eine wiederhergestellte. Was gäbe es wohl, sagen wir, aus einem erfüllten Eheleben des braven Generals Othello und seiner Desdemona noch zu berichten? Da ist das Eifersuchtsdrama, auch wenn es für beide tödlich endet, allemal spektakulärer.

          Das gilt auch bei gutem Ausgang. Ein märchenhaftes Ende ist in seiner Formelhaftigkeit ja geradezu der Inbegriff des Harmonieverdächtigen, dem kritisch-aufgeklärte Geister keinen Glauben schenken. In Shakespeares „Wintermärchen“ beispielsweise wird auch so eine irre Eifersuchtsgeschichte präsentiert: Ein Ehemann verdächtigt seine Frau, mit dem besten Freund fremdgegangen zu sein. Er rast und tobt, verstößt die Frau und will ihr Neugeborenes, das er nicht für sein eigenes hält, durch einen unwilligen Vollstrecker umbringen lassen. Auf wunderbare Weise aber fügt sich viele Jahre später alles noch zum Guten. Ganz ohne Verlust bleibt die Sache nicht, Kind und Mutter jedoch überleben. Der Ehemann sieht seine Fehler ein, bereut zutiefst und kann die totgeglaubte Gattin und das Kind - einst ausgesetzt, doch nicht getötet, mittlerweile eine junge Frau - freudig bewegt in die Arme schließen.

          Wie aber könnte ein derart zerrüttetes Familienleben weitergehen? Vernarben diese Wunden überhaupt? Was sollen wir von solchen überlieferten Geschichten, zumal von einem Klassiker wie Shakespeare, heute halten? Antworten darauf sucht jetzt eine vielversprechende Romanserie, angeregt vom englischen Verlag Hogarth. Rechtzeitig zu Shakespeares vierhundertstem Todestag hat er acht international erfolgreiche Autoren, darunter sehr populäre Namen wie Jo Nesbø, Margaret Atwood und Anne Tyler, beauftragt, einige von Shakespeares bekanntesten und folgenreichsten Geschichten neu zu erzählen. Die Idee folgt einer langen Tradition, denn schon seit dem siebzehnten Jahrhundert sind die Werke Shakespeares, der ja selbst vor allem ein begnadeter Resteverwerter und Zusammenbringer verstreuter Fund- und Nebensachen war, die er zu ungeahnten Glanzstücken umformte, immer wieder neuen Überarbeitungen unterzogen worden.

          Gewissheit? Gibt es nicht

          Ob im Gestus der Verehrung oder der Kritik, ob bewundernd oder widerständig, nachahmend oder zerstückelnd, verbessernd oder radikal umstürzend - jede Zeit hat sich auf diese Art einen Reim auf seine Vorgaben gemacht. Wie kein anderer der Weltliteratur ist Shakespeare dadurch immer wieder neu erfunden worden, dass nachfolgende Generationen sich in ihm selbst erfinden. Das gilt in erster Linie für die Bühne, wo die Dramen nur durch neue Inszenierungen am Leben bleiben, sowie für andere Medien wie den Film oder neuerdings für Fernsehserien, die ohne Vorprägungen, Anregungen oder Anleihen bei Shakespeare - man denke nur an „House of Cards“ und „Richard III“ - nie auskommen würden. Aber auch die zeitgenössische Erzählliteratur, wie in John Updikes raffiniertem Hamlet-Roman „Gertrude und Claudius“ (2001), ist Shakespeares Spuren gern gefolgt.

          Richard III. reloaded: Kevin Spacey als gefährlicher Regent beziehungsweise Präsident Frank Underwood in der Serie „House of Cards“.
          Richard III. reloaded: Kevin Spacey als gefährlicher Regent beziehungsweise Präsident Frank Underwood in der Serie „House of Cards“. : Bild: David Giesbrecht/Netflix

          Jetzt wagen sich die britischen Autoren Jeanette Winterson und Howard Jacobson zum Start der neuen Reihe an aktuelle Fassungen von „Das Wintermärchen“, der Romanze aus dem Spätwerk, und „Der Kaufmann von Venedig“, der problematischen, für manche längst unspielbaren Komödie um den reichen Juden Shylock. Wie also geht das Wagnis aus? Kein Wunder ist, dass beiden Romanen der Schluss spürbar zu schaffen macht. Zu vorsätzlich erzwungen und allzu unwahrscheinlich erscheint das jeweils vorgegebene Glück, zumal in beiden Shakespeare-Stücken längst nicht alle daran teilhaben und man sich daher fragen muss, um welchen Preis eine Versöhnung noch als solche gelten kann. „Die Geschichte endet, wo sie endet“, erklärt Jacobsons Shylock denn auch nüchtern: „Es gibt keinen sechsten Akt. Für mich gab es nicht mal einen fünften. Aber wenigstens bedeutet keine Auflösung auch keine endgültige Zurückweisung. Alles könnte möglich sein. Gewissheit gibt es nicht.“

          Wie in einer Echokammer des Schöpfers

          Auf diese Art versucht der zeitgenössische Erzähler, der grausamen Gewissheit von Shakespeares Komödienhandlung zu begegnen, die den Juden entrechtet, zwangsbekehrt, enteignet und als Sündenbock verjagt. Die Finalität des Überlieferten - im Zentrum steht ein Schuldschein, auf dessen Grundlage Shylock seinem Schuldner ein Pfund Fleisch aus der Brust schneiden darf - soll für alternative Enden und andere Zukunftsmöglichkeiten neu geöffnet werden. Dazu erfindet Jacobson eine interessante Parallelfigur: Ein reicher Kunsthändler und Mäzen, englischer Jude, längst vom Glauben abgefallen, befasst mit allerlei Affären und Geschäften und vor allem von den amourösen Verstrickungen seiner lolitahaften Tochter umgetrieben, sucht bei Shylock Freundschaft und Gespräch, um sich in seinen aktuellen Nöten Rat bei jemandem zu holen, der schon vieles durchgemacht und auch eine Tochter verloren hat.

          Die langen, oftmals witzigen, manchmal aberwitzigen, aber auch tiefgründigen Gespräche dieser beiden alten Männer sind das starke Zentrum des Romans. Sie kreisen um die unverändert aktuellen Fragen nach den Rollenmustern, die eine Gesellschaft ihren Außenseitern zuschreibt und deren Macht sich potenziert, wenn religiöser Fanatismus mit ins Spiel kommt. Dabei reflektieren oder brechen sie wie in einer Echokammer viele der vertrauten Shakespeare-Worte, deren Nachhall jetzt ganz anders klingt - eine ebenso spannende wie wichtige Lektüre. Das Übrige ist eher grell und überdreht, mit viel Klamauk und etwas zu viel derbem Witz. Bezeichnend jedenfalls ist, dass sich Jacobson - Jahrgang 1942 und mit Romanen wie „Die Finkler-Frage“ in der satirischen Zerlegung christlich-jüdischer Klischees längst bestens ausgewiesen - gezielt dieses Problemstück vorgenommen hat. So anstößig antisemitisch die alte Shylock-Figur gewiss ist, so nachdrücklich ist sie doch immer wieder auch für solche Selbsterkundungen und Selbstentwürfe genutzt worden.

          Unverändert für viele kaum mehr spielbar: Der Jude Shylock aus Shakepeares „Der Kaufmann von Venedig“, hier eine Abbildung von einer älteren Aufführung, ausgestellt in der New Yorker Ausstellung „Yiddish Broadway“.
          Unverändert für viele kaum mehr spielbar: Der Jude Shylock aus Shakepeares „Der Kaufmann von Venedig“, hier eine Abbildung von einer älteren Aufführung, ausgestellt in der New Yorker Ausstellung „Yiddish Broadway“. : Bild: AP

          DNA-Test statt delphischem Orakel

          Bei Winterson ist es hingegen die Figur der ausgesetzten Tochter, die ihr den Anstoß zur „Wintermärchen“-Neuerzählung gibt. Und wiederum ist er persönlich motiviert. Wie sie im Epilog erklärt: „Es ist ein Stück über ein Findelkind. Auch ich bin eines.“ Von ihrem vielbeachteten Debütroman „Orangen sind nicht die einzige Frucht“ (1987) bis zu ihrer Bestseller-Autobiographie von 2014 hat die Autorin daher immer wieder die Frage erkundet, worauf Familie sich gründet, was genau Familienbande ausmacht und ob sie uns Leine, Zügel, Fessel oder Lasso sind. Ebendazu nutzt sie nun das Personal von Shakespeares Märchenspiel.

          Ihre „Cover-Version“, wie sie es nennt, hält sich vergleichsweise eng an das bekannte Muster; anders als Jacobson erfindet sie keinerlei neue Figuren hinzu. Ihre Änderungen folgen schlicht aus der Verlegung der Schauplätze in die Gegenwart. So wird aus Shakespeares sizilianischem Königshof der Finanzdienstleister Sicilia Inc., Böhmen liegt nicht mehr am Meer, sondern als New Bohemia in Amerika, das Neugeborene wird in einer Babyklappe ausgesetzt, und zur Klärung der Vaterschaft wird nicht das delphische Orakel, sondern ein DNA-Test befragt - ganz wie bei einer Inszenierung im Regietheater, die nach heutigen Korrespondenzen sucht. Das ist bisweilen unterhaltsam, manchmal auch verblüffend stimmig, aber wirkt doch oft wie Nachhilfe für Leute, denen Historisches nicht zugemutet werden soll.

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          Am spannendsten sind wiederum die Schlussprobleme. Selbst wenn die Vaterschaft erkannt und die Familienzugehörigkeit geklärt ist, folgt für das Babyklappen-Kind daraus noch lange nicht das große Glück. Denn so einfach funktioniert es nicht, „das Wiedersehen mit den leiblichen Eltern. Da hoffen alle auf etwas, das sie nicht kriegen können. Man kann Leben nicht ungeschehen machen.“ Der absehbare Schluss von Wintersons Geschichte rutscht daher nicht zufällig in reichlich Kitsch mit süßlicher Musikkulisse ab.

          Die Romanreihe jedoch wird fortgesetzt, wir bleiben gespannt. Bei diesem Autor nämlich wissen wir, ein Schluss ist niemals endgültig: Shakespeare und kein Ende.

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