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„Shades of Grey“ : Sadomasochismus im Blümchenstil

Eine Blüte der Reaktion? Der erste Teil der Trilogie „Shades of Grey“ liegt nun auch in deutschen Bahnhofsbuchhandlungen Bild: dpa

Die Erotiktrilogie „Shades of Grey“ soll das Buchgeschäft dieses Jahres retten. Nun kann man den ersten Teil auf Deutsch lesen. Allein das dort propagierte Frauenbild taugt zum Skandal.

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          Der Sommer, so wusste es schon vor Wochen das Magazin „Stern“, würde heiß werden in Deutschland. Und das nicht wegen des Wetters, sondern wegen des Buchs einer Britin, Mutter von zwei Kindern und bis vor kurzem Produzentin bei der BBC in London. „Shades of Grey - Geheimes Verlangen“ heißt dieses Buch, das in dieser Woche auf Deutsch im Goldmann-Verlag erscheint und mit seinem lila-samtenen Orchideeneinband (es ist wirklich samtartig beschichtet!) schon jetzt stapelweise in Bahnhofsbuchhandlungen zu sehen ist.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es ist der erste Band einer Trilogie, die in Amerika zu den sensationellsten Bucherfolgen der letzten Jahre zählt und dabei ist, sogar J. K. Rowling, Stieg Larsson und Stephenie Meyer in den Schatten zu stellen: Fünfzehn Millionen Exemplare hat Erika Leonard, die unter dem Pseudonym E. L. James schreibt, bereits verkauft, was sie zur fünfzehnfachen Millionärin gemacht haben soll. Die Lizenzrechte für „Shades of Grey“-Sexspielzeuge und „Shades of Grey“-Unterwäsche hat sie sich auch gesichert. Denn um Sex geht es. Und nicht um irgendwelchen. Es geht um Bondage, Disziplin, Sadismus, Masochismus.

          Unterwerfung statt Macht

          Wie kann das sein? Wieso interessieren sich Millionen Leser, von denen die meisten angeblich Frauen sein sollen, ausgerechnet für einen Softporno, in dem die einundzwanzigjährige Literaturstudentin Anastasia Steele, deren Lieblingsbuch Thomas Hardys „Tess of the d’Urbervilles“ ist, sich einem ultrareichen Unternehmer aus Seattle in dessen „Spielzimmer“ ausliefert?

          Die Erste, die eine Antwort parat hatte, war die amerikanische Journalistin Katie Roiphe in einem Artikel für „Newsweek“. Ihre Vermutung, warum Frauen sich in genau dem Moment, in dem sie so viel Macht haben wie nie zuvor, Unterwerfungsphantasien hingeben: Sie haben Schuldgefühle. Sie schämen sich dafür, neben Männern eine gleichberechtigte oder womöglich übergeordnete Stellung einzunehmen, und genießen es deshalb, sich in ihren Phantasien bestrafen zu lassen.

          Ungleichheit als Befreiung

          Gleich sechs Journalistinnen des „Stern“ witterten daraufhin die ganz große Geschichte und malten sich (in bemerkenswert machohaftem Tonfall) zum Erscheinen des Buchs in Deutschland die Talkshowrunden aus, „besetzt mit alarmierten Feministinnen und Psychologen, die darüber rätseln, weshalb Frauen gerade heute, da sie so intensiv an der Glasdecke kratzen, sich nach dem Primaten sehnen“. Für ihre Titelgeschichte „Mach mit mir, was ich will“ fragten sie alle möglichen „selbstbewussten deutschen Frauen“ nach ihren erotischen Träumen - und fanden überall lustvolle Unterwerfungsbekenntnisse: „,Ich finde gut, wenn der Mann sagt, bück dich, dein Gesicht ist mir egal‘, sagt die 41-jährige Ärztin Nora Krambacher aus Frankfurt.“

          Bis vor kurzem noch Produzentin bei der BBC: die britische Autorin E. L. James

          Die „Bild“-Zeitung, Deutschlands Organ für Frauenfragen, wiederum hielt „Shades of Grey“ für „schärfer als Porno“ und beschenkte ihre Leser mit einem Vorabdruck einschlägiger Stellen: „In einer Welt, in der es auf jeder Ebene des Lebens um Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau geht“, behauptete der begleitende Kommentar, „kann sexuelle Ungleichheit befreiend sein. Kontrolle abgeben, sich jemandem ganz hingeben - beim Sex immer noch der größere Kick, als sich politisch korrekt zu verhalten.“

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