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„Shades of Grey“ : Sadomasochismus im Blümchenstil

Es ist dann aber eher eine Art „Vanilla-Latte-Sadomasochismus“, bei dem alles, was auf den ersten Blick nach Spanischer Inquisition aussieht, sofort liebevoll durch den Weichzeichner gejagt wird. Wo beim Marquis de Sade die Festlegung des Regelwerks zum feinsinnigen Höhepunkt der Perversion wird oder wo es in der „Geschichte der O“, dem wohl bekanntesten sadomasochistischem Roman der Welt, in dem O sich in Liebe zu einem Mann als Sklavin ausbilden lässt, um eine Erzählung radikaler Selbstentgrenzung geht, ist „Shades of Grey“ ein ultrakonservatives Märchen, in dem jeder sexuelle Grenzgang mit beachtlichem bürokratischen Aufwand juristisch abgesichert wird.

Eine Fortschreibung des Keuschheitskults

„Schärfer als Porno“ jedenfalls ist das ganz sicher nicht. Auf eine paradoxe Weise ist dieser Roman, der durchaus voller Sexszenen ist und jedes Handlungselement zum Alibi nimmt, um sofort zur nächsten zu gelangen, vielmehr bemerkenswert prüde und passt nur zu gut in das Umfeld von Stephenie Meyers Vampir-Saga, aus dem er auch tatsächlich kommt. Denn als Fan der „Twilight“-Serie begann die Autorin mit dem Schreiben und stellte, wie Tausende andere Fans, ihre eigenen Geschichten ins Internet. „Master of Universe“ nannte sie ihr Projekt dort und verfasste es unter dem konsequent märchenhaften Pseudonym „Snowqueens Icedragon“ - Schneekönigins Eisdrachen.

Vom Keuschheitskult des mormonischen Vampirdramas bewegte sie sich dabei nur scheinbar weit weg: Anastasia Steele ist mit 21 Jahren Jungfrau und auch sonst sexuell völlig unerfahren, da sie bisher nicht einmal auf die Idee gekommen ist, sich selbst zu berühren. Christian Grey kann sich also freuen, der Erste zu sein, und beginnt die sexuelle Initiation mit romantischem Blümchensex, wie sie ihn sich immer erträumt hat. Er erwartet von seiner Schülerin Hygiene und körperliche Ertüchtigung. Sie soll übermäßigen Alkoholkonsum meiden, nicht rauchen, regelmäßig essen und sich nicht unnötig in Gefahr begeben. Sauberer und ordentlicher geht es gar nicht.

Ein Softporno mit reaktionärem Weltbild

Und so verwundert es auch nicht, dass dieses angebliche Frauenbuch, das sich liest wie eine Männerphantasie, in Amerika so furchtbar beliebt ist. Jungfräulichkeit, Keuschheit, Hygienewahn spielen eine wichtige Rolle. Jede Grenzüberschreitung wird sofort wieder zurückgenommen. Andauernd werden Verbote gepredigt. Das typisch konservative Weltbild jedenfalls bringt diese Trilogie ganz bestimmt nicht ins Wanken. „Shades of Grey“ ist ein Softporno mit reaktionärem Weltbild, der die Ausschweifung benutzt, um dieses Weltbild zu stabilisieren. Das ist alles. Mit selbstbewussten Frauen, die sich heute so dringend wieder unterwerfen wollen, hat das Buch nichts zu tun.

Warum reden dann aber alle von emanzipierten Frauen, die nach sexueller Unterwerfung rufen? Warum nehmen große Medien den Erfolg eines erotischen Märchens mit sadomasochistischen Handlungselementen zum Anlass, solche Parolen auszugeben? Statt „Shades of Grey“ zu lesen, sollten wir uns am besten genau diese Frage stellen.

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