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Sensation in Stockholm : Herta Müller erhält den Literaturnobelpreis

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Herta Müller, 1953 im rumänischen Nitzkydorf geboren, lebt in Berlin Bild: dpa

Die Schwedische Akademie in Stockholm bleibt auch unter neuer Führung unberechenbar: Den Literaturnobelpreis des Jahres 2009 erhält die Berliner Autorin Herta Müller. Die Jury würdigte ihre „Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa“, mit der sie „Landschaften der Heimatlosigkeit“ schaffe.

          Die Schwedische Akademie in Stockholm bleibt auch unter neuer Führung unberechenbar: Den Literaturnobelpreis des Jahres 2009 erhält die Berliner Autorin Herta Müller, nur zehn Jahre nach Günter Grass. Die Jury würdigte ihre „Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa“, mit der sie „Landschaften der Heimatlosigkeit“ schaffe. Im vergangenen Jahr hatte überraschend der französische Autor Jean-Marie Gustave Le Clézio gewonnen. Die Auszeichnung ist mit umgerechnet rund 970.000 Euro dotiert und wird am 10. Dezember in Stockholm verliehen.

          Herta Müller gilt als „Chronistin des Alltagslebens in der Diktatur“, die ihre Kindheit in Rumänien als Schule der Angst durchlebt hat und davon in ihren Werken beredt und bedrückend Zeugnis ablegt. Seit Anfang der neunziger Jahre und der Übersetzung ihrer Werke in mehr als 20 Sprachen gehört Müller mit Büchern wie „Der Fuchs war damals schon ein Jäger“, „Herztier“ und „Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet“ zu den wichtigen Autoren im internationalen Literaturbetrieb. Das Lebenswerk der heute 56 Jahre alten deutsch-rumänischen Autorin zeugt von schmerzhaften Erinnerungen an eine düstere Vergangenheit unter dem Ceausescu-Regime, dem sie erst 1987 entkommen konnte, als sie zusammen mit ihrem damaligen Mann Richard Wagner die Ausreise beantragte und nach Deutschland zog.

          „Ich glaube es noch immer nicht“, sagte Müller wenige Stunden nach der Bekanntgabe der Ehrung am Donnerstag. „Ich war sicher, es passiert nicht.“ Sie brauche noch Zeit, „um das einzuordnen“, sagte Müller. Sie habe ihr Thema nicht gewählt, es sei ihr vielmehr „zugestoßen“. „Literatur geht immer dahin, wo die Beschädigungen einer Person sind“, sagte Müller, deren Mutter fünf Jahre lang interniert war. An ihrem Selbstbild werde die Ehrung nichts ändern, sagte die Autorin. „Ich bin die Person, die ich bin“, und die wolle sie auch bleiben. (Siehe auch: Video: Herta Müller über ihren Literaturnobelpreis)

          Herta Müller wurde am 17. August 1953 in Nitzkydorf im Kreis Temeschwar im lange Zeit deutschsprachigen Banat in Rumänien geboren. Nach den Eingriffen der Zensur in ihr erstes Buch und wiederholten Verhören und Hausdurchsuchungen verließ Müller 1987 schließlich ihre Heimat und siedelte in das damalige West-Berlin über. Schon 1984 war im Westen ihr Erzählband „Niederungen“ erschienen.

          Der später folgende Prosaband „Reisende auf einem Bein“ entstand 1989 bereits in West-Berlin und spiegelt das Fremdsein in der neuen Heimat wider. Der Alltag in einem totalitären System ist Thema ihres Romans „Der Fuchs war damals schon der Jäger“ (1992). „Herztier“ (1994) beschreibt das Leben der Oppositionellen in Rumänien. 2003 veröffentlichte sie (im Hanser Verlag) einen Essay-Band mit dem Titel „Der König verneigt sich und tötet“ und 2005 die Text-Bild-Collagen „Die blassen Herren mit den Mokkatassen“.

          Müller erhielt bereits zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Kleist-Preis, den Joseph-Breitbach-Preis, den Würth-Preis für Europäische Literatur und 2006 den Walter-Hasenclever-Literaturpreis. Seit 1995 ist Herta Müller Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Mit ihrem aktuellen Roman „Atemschaukel“ steht sie auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, der in der kommenden Woche auf der Frankfurter Buchmesse verliehen wird.

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