https://www.faz.net/-gqz-82uci

Selbstverleger : Ich bin dann mal Autor

  • -Aktualisiert am

Im Handumdrehen ein Millionenpublikum: Amazons Werbung für die Plattform „Kindle direct publishing“ täuscht. Bild: Amazon/Screenshot

Gegen Selbstverleger gibt es viele Vorurteile. Doch eins muss man der neuen Generation meist junger Autoren lassen: Sie weiß, was sie will und lässt sich in ihre Texte so wenig hineinreden wie in die Verkaufskonditionen.

          Selbstverleger: ein Reizwort. Im Klischeebilderbuch würde ein Selbstverleger wahrscheinlich als Hausfrau um die fünfzig gezeichnet, die in ihrer Freizeit zahllose, ihrer Jugendfreundin Gerti gewidmete Gedichte verfasst, oder als Frührentner, der seine wilden Verschwörungstheorien schon bei jedem, wirklich jedem deutschsprachigen Verlag eingereicht hat, versehen mit dem Hinweis, es handele sich um nichts weniger als einen Megaseller; Mutter und Stammtischkumpel hätten die weltumspannende Brisanz bereits erkannt und bestätigt. Nachdem auch der letzte deutschsprachige Verlag ein standardisiertes Absageschreiben verschickt hat, beschließt der zornrote Autor, seine Meisterwerke fortan im Selbstverlag zu veröffentlichen. Selbstverlegern, so will es das jahrzehntelang gereifte und kultivierte Vorurteil, fehlt es an Talent, an Ideen und nicht selten auch an geistiger Gesundheit; die Aufmerksamkeit etablierter Lektoren und Verlage sind sie nicht wert.

          Dann betritt Amazon die Bühne. Der Online-Versandhändler revolutioniert nicht nur die Verkaufsmargen von Büchern und lässt buchhändlerische Beratung auf ein markantes „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch“ zusammenschnurren, sondern schwingt sich im Jahr 2007 auch zum Verleger auf: Mit der Kindle-Direct-Publishing-Plattform KDP scheint über die vormals elitäre, von traditionellen Verlagen hermetisch gegen Eindringlinge abgeschirmte Welt der Literatur plötzlich Chancengleichheit hereinzubrechen: Jeder kann schnell und mühelos zum Autor werden, so das durch und durch amerikanische Versprechen, das binnen kürzester Zeit Tausende in seinen Bann zieht.

          Sprung aus der Schublade

          Unter ihnen befindet sich eine junge Promovendin, die 2012, kurz vor der Frankfurter Buchmesse, eher zufällig eine Fernsehreportage zum Thema Selfpublishing anschaut und beschließt: Wenn der Traum vom Schriftstellerdasein, den sie im Stillen schon seit Schultagen hegt, mittlerweile so leicht erfüllbar ist, will sie ihr Glück versuchen. Um ihre Identität als Literaturwissenschaftlerin und Historikerin von der Identität als Autorin zu trennen, wählt die Autorin ein Pseudonym, Poppy J. Anderson, unter dessen Schutz sie ihren ersten, 460 Seiten starken Roman bei Amazon hochlädt; das Cover besteht aus einem im Garten der Eltern geschossenen und von einem Bekannten bearbeiteten Foto, der Text wurde von Freunden gegengelesen, und von Buchmarketing weiß sie zu diesem Zeitpunkt nichts. Sie hat keine Facebook-Seite, kennt keine anderen Self-Publisher, ist nicht vernetzt. Der Roman verkauft sich 60 000 Mal. Anderson schreibt weiter, stöbert aber auch in ihrer gut gefüllten Manuskriptschublade, so dass von Ende 2012 bis heute 20 E-Books von ihr bei Amazon erscheinen. Im März 2015 knackt sie als erste deutsche Selfpublisherin die Eine-Million-Verkaufsmarke. Nachdem ihr jahrelang, auch seitens des Literaturbetriebs, Spott und Ablehnung entgegengeschlagen waren - Liebesromane über amerikanische Footballspieler würden niemanden interessieren, hieß es -, sind ihre Umsätze heute siebenstellig; seit Herbst 2014 ist sie zudem Autorin bei Rowohlt.

          Dutzendweise E-Books in der Schublade: Poppy J. Anderson

          Clara Hitzel, Kolumnistin beim Magazin „Intro“, Texterin und Twitterikone mit knapp 24.000 Followern, war mit ihrem ersten Roman „Dackelkrieg - Rouladen und Rap“ bei einer renommierten Literaturagentur unter Vertrag, stellte jedoch fest, dass die Erwartungen der interessierten Verlage nichts mit der Geschichte zu tun hatten, die sie erzählen wollte: „Man versuchte, mich in die Schublade ,Mädchen vom Land‘ und ,witzige, aber cute Mittzwanzigerin‘ zu drängen, um sich dem Massenmarkt anzubiedern. Für mich war das, gerade da mein Roman stark autobiographische Züge aufweist, nicht hinzunehmen.“ Die damals 27 Jahre alte Autorin kündigte ihren Vertrag und debütierte qua E-Book bei Amazon.

          Die Autorität der Buchbranche

          Hitzel, die online als „Ada Blitzkrieg“ unterwegs ist, steht mit ihrer Entscheidung für eine neue Generation unabhängiger Autoren, die ihre Arbeit nicht mehr durch traditionelle Bündnispartner aufwerten lassen wollen - oder müssen. Viele dieser Autoren tummeln sich bei Twitter und veröffentlichen bei E-Book-Verlagen wie CulturBooks oder dem Frohmann Verlag. Andere haben als traditionelle Verlagsautoren angefangen und suchen mittlerweile nach neuen Möglichkeiten, wie etwa die Schriftsteller, die sich unter dem Namen „Fiktion“ zusammengefunden haben. In der Deklaration des von der Bundeskulturstiftung und vom Haus der Kulturen der Welt geförderten Modellprojektes heißt es: „Der Eindruck, dass das Verlegen von Büchern, die sich nicht sofort gut verkaufen, einem karitativen Akt gleichkommt, hat unser Schreiben beeinträchtigt. Es ist an der Zeit, dass wir nicht länger nur zusehen, wie sich die Bedingungen für unsere Literatur verschlechtern, sondern selbst nachzudenken und zu erproben, welche Chancen die Digitalisierung auch für die Verbreitung unserer Werke bietet.“

          Amazon hat nicht nur den Markt der Selbstverleger aus seinem Schattendasein befreit und professionalisiert, sondern auch die Autorität der Buchbranche in Frage gestellt. Durch Heldengeschichten wie die von E.L. James oder Poppy J. Anderson befeuert, entsteht ein barrierefreies Bild des Autorendaseins: Jeder, der hart genug arbeitet und, wie Selfpublisher es in Interviews oft nennen, ein „überzeugendes Produkt“ anbietet, kann den Olymp der Bestsellerlisten erklimmen und zu den ganz Großen gehören. Selfpublisher sind heute bis zu 70 Prozent Tantiemen gewöhnt, ständig aktualisierte Verkaufszahlen sowie eine permanent verfügbare Autorenbetreuung - der weltweit erste Kindle-Millionär John Locke etwa betont, man habe ihm auf der Kindle-Direct-Publishing-Plattform jederzeit hilfreich zur Seite gestanden, und KDP sei „der großartigste Freund, den ein Autor je haben kann“. Entsprechend selbstbewusst wird mit Printverlagen verhandelt: Viele Selfpublisher lassen sich auch bei Vorschüssen in Millionenhöhe ihre E-Book-Rechte nicht nehmen, sondern gewähren lediglich den Vertrieb ihrer Werke als Printexemplare. So werden ihre Bücher nicht nur durch den Schauraum Buchhandlung geadelt - eine Leerstelle, die Amazon wahrscheinlich nie füllen können wird -, sondern es werden ihnen auch neue Distributionswege erschlossen: „Der E-Book-Markt-Anteil beträgt maximal fünf Prozent am gesamten Buchhandel“, rechnet Hanni Münzer vor, Autorin des Bestsellers „Honigtot“, dessen Kindle-Version sich über 300 000 Mal verkaufte und über 1300 Mal bei Amazon bewertet wurde, „warum sollte ich auf die restlichen 95 Prozent verzichten?“ Münzers neuer Verlag Piper hat „Honigtot“ bisher in zehn Länder verkauft; mit vielen weiteren wird noch verhandelt.

          Selfpublisher-Legende E. L. James

          „Amazon hat die Position von Autoren massiv gestärkt“, fasst Wolfgang Tischer, Gründer und Herausgeber von literaturcafe.de und Dozent für Selfpublishing an der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart, zusammen. Gleichzeitig aber instrumentalisiere das Unternehmen Selfpublishing-Autoren und setze sie bei Verhandlungen gegen die Verlage ein: „Schon die Tantiemenstaffelung sorgt dafür, dass kein Selbstverleger seine E-Books über zehn Euro anbieten wird, doch gerade da liegt immer noch der Preis der Verlagsprodukte.“ Zusätzlich behält sich Amazon das Recht vor, E-Book-Preise jederzeit nach eigenem Gusto anzupassen. Der erbitterte Kampf um Rabattkonditionen im vergangenen Jahr, im Zuge dessen es zu massiven Lieferstörungen für Publikationen der Bonnier-Gruppe kam, die Amazons Forderungen nicht hinnehmen wollte, hat eindrücklich gezeigt, welche Wege der Versandriese zu gehen bereit ist. Es wäre illusorisch, darauf zu vertrauen, dass ein derart auf Macht und Profit bedachtes Unternehmen Autoren allein aus gutem Willen dauerhaft Tantiemen gewährt, die den eigenen Zahlen nicht zugutekommen.

          Massencasting statt Absagebrief

          Ein Großteil der erfolgreichen Selfpublisher steht dennoch unverdrossen hinter dem Versandriesen, der, wie Poppy J. Anderson betont, „Autoren, die nicht einmal wussten, dass sie Autoren sein könnten“, die Möglichkeit eröffnet hat, sich einen Namen zu machen, gar vom Schreiben zu leben. Nicht zuletzt, sagt Wolfgang Tischer, handele es sich bei Selfpublishern größtenteils um „Autorinnen und Autoren, die unter dem Radar der Verlage flogen und denen man bislang eine Standardabsage geschickt hatte“. Stimmt das Vorurteil also doch? Den vermehrt geäußerten Vorwurf, Kindle-Bestsellerautoren unterstützten mit Amazon ein System, das die Zerstörung von Verlagen und Buchläden zum Ziel habe, hält Tischer für paradox: „Diese Autoren hatten keine Alternativen.“ Auch für Hanni Münzer war Selfpublishing „immer Plan B“, doch trotz renommierter Agentur als Rückendeckung kam ein Vertrag mit ihrem Wunschverlag erst nach mehreren hunderttausend E-Book-Verkäufen zustande. Die traditionellen Verlage, merkt Poppy J. Anderson an, hätten lange keinen Blick über den Tellerrand der eigenen Programme gewagt und liefen nun einer zu spät erkannten Entwicklung hinterher.

          Im April 2015, vier Jahre nach Einführung von Amazons Kindle Direct Publishing auf dem deutschen Markt, startet die Tolino-Allianz aus Bertelsmann, Hugendubel und anderen ein eigenes Self-Publishing-Portal. Auch immer mehr Verlage betreiben oder planen Selfpublishing-Plattformen; Bastei-Lübbe etwa hat die Selfublishing-Community BookRix aufgekauft und will ab 2016 eine E-Book-Flatrate einführen. Auf die Kultur der Absagebriefe folgen „Massencastings“, wie es Stephan Porombka, Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der Universität der Künste Berlin, nennt: Nicht nur könne man „an jedem Titel, der heruntergeladen wird, mit dem man eigentlich nichts zu tun hat und für den man nichts getan hat, Geld verdienen“, sondern auch die virtuelle Plattform als „Entwicklungscamp“ für Themen und Autoren nutzen: Da die Verlage direkten Zugriff auf Downloadzahlen und Userverhalten hätten, könnten sie schnell reagieren, sobald sich das Interesse an einem Thema oder einer Autorenpersönlichkeit verdichte, und zum „Recall“ einladen. Das klingt verdächtig nach der Strategie eines gewissen Versandriesen, der für seine Gier nach Daten zu Lesegewohnheiten oft verteufelt wird.

          Amazon mag die Schwächen einer festgefahrenen Buchbranche erkannt haben; jedenfalls hat der Versandriese aus Selfpublishern eine zusätzliche, mächtige Werbe- und Einnahmequelle generiert und neue literarische Wege eröffnet: Ein Autor muss sich keinen klassischen Romanschemata oder den Einschränkungen eines singulären Verlagsprogramms mehr unterwerfen, er kann frei experimentieren, spielen, verwerfen, updaten und ohne Erwartungsdruck mit jedem Buch besser werden. So weit die Theorie; in der Praxis gestaltet sich die Suche nach literarischen Selfpublishing-Perlen oft wenig erfolgreich. Wolfgang Tischer konstatiert: „Wer seine Lektüre bislang eher bei Lübbe, Heyne, Droemer und Goldmann gefunden hat, wird großartige, unterhaltsame E-Books finden und mit Begeisterung lesen. Wer aber literarisch eher bei Hanser, Suhrkamp oder S. Fischer beheimatet ist, der oder die wird unter Selfpublishing-Titeln nichts finden.“ Traditionelle Verlage ermöglichen, nicht zuletzt dank der Monopolgewinne qua Buchpreisbindung, politische und anspruchsvolle Literatur: eine kulturelle Vielfalt, die auch ohne Downloadstatistiken und Bestsellerlisten ein Existenzrecht braucht.

          Weitere Themen

          „Little Joe“ Video-Seite öffnen

          Filmclip : „Little Joe“

          Auch in Konkurrenz um die Goldene Palme: Das Science-Fiction-Drama „Little Joe“ von Jessica Hausner, der am 17. Mai 2019 im Rahmen der 72. Internationalen Filmfestspiele von Cannes seine Premiere feierte.

          „A Hidden Life“ Video-Seite öffnen

          Filmclip : „A Hidden Life“

          Das biografisch gefärbte Filmdrama „A Hidden Life“ von Terrence Malick feierte auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2019 seine Premiere und konkurriert dort um die Goldene Palme.

          Topmeldungen

          John Bolton : Er will sie das Fürchten lehren

          Trumps Sicherheitsberater trommelt seit Jahren für einen Militärschlag gegen Iran. Europäische Diplomaten halten ihn für einen Ideologen. Doch jetzt hat er das Ohr des Präsidenten für sich.

          „Zerstörung der CDU“ bei Youtube : Kommt damit klar!

          „Ihr sagt doch immer, dass die jungen Leute mehr Politik machen sollen“: Ein politisches Video des Youtubers Rezo sorgt unter Jugendlichen für Aufregung. Sein Titel: „Die Zerstörung der CDU“.

          Ibiza-Affäre der FPÖ : Die AfD und ihr Vorbild

          Die FPÖ war für die AfD immer ein Vorbild. Das Ende der Koalition in Wien bedeutet auch, dass das Modell der AfD erst einmal gescheitert ist. Das muss aber nicht heißen, dass sie bei der Europawahl untergeht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.