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Schweizer Literatur : Freudlos im Hinterzimmer

  • -Aktualisiert am

Früh gefeiert, heute fast vergessen? Zoe Jenny Bild: AP

Die Zeiten von Frisch oder Dürrenmatt sind lange vorbei: Die deutschsprachige Literatur der Schweiz kann international nicht mehr mithalten. Junge Autoren werden nicht selten zu Tode gelobt.

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          Als im letzten Herbst zum ersten Mal der Deutsche Buchpreis vergeben wurde, erhob sich in den helvetischen Medien ein verdrießliches Raunen. Ausgerechnet in einem literarischen Turnier, das erstmals im ganzen deutschsprachigen Raum den besten Roman küren sollte, um ihm über die Landesgrenzen hinaus Erfolg und Aufmerksamkeit zu verschaffen, fehlten die Schweizer.

          Kein Schriftsteller aus dem südlichen Nachbarland hatte auch nur den Sprung unter die zwanzig nominierten Bücher der Longlist geschafft. Ein trostloses Signal, das man pikiert zur Kenntnis nahm: Die deutschsprachige Literatur der Schweiz kann international nicht mehr mithalten.

          Versunkene Vorbilder

          Das war nicht immer so. Aber die Zeiten, als Max Frisch oder Friedrich Dürrenmatt internationalen Ruhm ernteten, sind längst vorbei. Bis in die neunziger Jahre wurde die deutschschweizerische Szene noch von Autoren wie Adolf Muschg, Jörg Steiner, Peter Bichsel, Hermann Burger, Paul Nizon, Gerold Späth, Gerhard Meier, Adelheid Duvanel, Urs Widmer, Erika Burkart, Hans Bösch oder Helen Meier belebt. Diese wiederum zogen Jüngere nach wie Peter Weber, Peter Stamm, Aglaja Veteranyi oder Ruth Schweikert. Zwar erreichte keiner dieser Autoren bislang das Format der versunkenen Vorbilder. Aber gemeinsam formierten sie eine pulsierende Szene, die Experimente riskierte, politische Debatten vom Zaune riß und ihren Texten Resonanz verschaffte.

          Allerdings hatte diese Szene schon immer einen Hang zur Abschottung. Nur allzugerne richtete man sich im überschaubaren Rahmen gemütlich ein und klopfte sich gegenseitig auf die Schultern. Eine subtile Maulkorbmentalität herrschte nicht nur unter den Schriftstellern, sondern neutralisierte auch die Kritikerszene. Freundliche Besprechungen sind in der Schweiz die Norm. Ein Verriß gilt nicht etwa als Ausweis engagierten Respekts, sondern fast als Gotteslästerung und wird entsprechend geahndet. Viel lieber schmort man im eigenen Saft, als sich in einem kritischen Wettbewerb zu messen.

          Nur noch Muschg oder Widmer

          Bei diesen Selbsttäuschungsmanövern ist es denn auch kein Wunder, daß es heute nur noch wenige Schweizer Autoren gibt, deren Ruf über Lörrach hinauseilt und nicht bereits in Freiburg erloschen wäre. Wer in Deutschland nach bekannten Autorennamen fragt, bekommt höchstens noch Namen wie Urs Widmer, Adolf Muschg, Peter Stamm oder Martin Suter zur Antwort, vielleicht noch Markus Werner und Thomas Hürlimann.

          Das trifft sich schlecht. Denn will man helvetische Bücher künftig nicht wie Emmentaler Käse subventionieren, ist internationale Beachtung unabdingbar. Die ökonomischen Bedingungen des Literaturbetriebs haben sich in den letzten zehn Jahren radikal verändert. Reichte es früher noch aus, wenn ein Verlag zwei- bis dreitausend Exemplare eines Buches im eigenen Land absetzen konnte, rechnet sich heute der kleine Binnenmarkt nicht mehr. Gelingt es einem Autor nicht, die Grenze zu überspringen und ebenfalls in Deutschland oder Österreich Beachtung zu finden, ist er schnell abgemeldet.

          Rasche Schuldzuweisungen

          Aber anstatt sich der Malaise zu stellen, fahndet man nach mißgünstigen Juroren und mangelndem deutschem Wohlwollen. Nach dem schlechten Abschneiden beim Deutschen Buchpreis gab es rasche Schuldzuweisungen, die unangenehme Wahrheit jedoch wurde weiterhin tabuisiert: Dieses Land hat ein literarisches Nachwuchsproblem. Die erfolgreichen Schriftsteller der älteren Generation sind inzwischen um die Siebzig. Die sogenannten „Nachwuchstalente“ haben bereits die Mitte des Lebens erreicht.

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