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„Schwarzbuch Putin“ : Pate und Patriarch

Die Allianz des Patriarchen mit dem zum Zaren gewordenen Agenten: Wladimir Putin mit Patriarch Kyrill im Jahr 2012. Bild: AFP/Getty Images

Auf der Spur der Dokumentation kommunistischer Verbrechen: Galia Ackerman und Stéphane Courtois legen ein „Schwarzbuch Putin“ vor.

          3 Min.

          „Ohne die Amerikaner stünden die Russen an der Grenze zu Polen“, ist Stéphane Courtois überzeugt. „Ein Waffenstillstand wäre zum Vorteil Putins“, und deshalb sei es zu früh für Verhandlungen. Der Historiker ist einer der renommiertesten Russlandexperten. 1997 war Courtois He­rausgeber des „Schwarzbuchs der kommunistischen Verbrechen“, das in zahlreichen Sprachen erschien und für hitzige Debatten sorgte. Seine Bilanz: Hundert Millionen Tote, Stalin (und Mao) genauso übel wie Hitler.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Und jetzt Putin. Zusammen mit Galia Ackerman publiziert Courtois ein „Livre noir de Vladimir Poutine“. Die Autoren schildern seine Machtübernahme als Komplott ehemaliger Agenten des KGB, dem 700 000 Mitarbeiter angehörten. Sie unterstreichen die Rolle der „Silowiki“, Putins Vertrauten aus dem engsten Zirkel von Armee und Geheimdienst. Sie hätten die Attentate von 1999 inszeniert, die tschetschenischen Terroristen an­gelastet wurden. Mit den Silo­wiki und den Oligarchen funktioniert das System Putin wie die Mafia. Und die or­thodoxe Kirche gibt ihren Se­gen.

          Regieren mit Propaganda und Angst

          Die Allianz des Patriarchen Kyrill mit dem „zum Zaren gewordenen Agenten“ erinnert Courtois an Stalin, der die Kirche zerstört hatte und „Zehntausende von Priestern“ ermorden ließ. Doch nach dem Angriff Hitlers brauchte er sie. „Kyrill“, ergänzt Courtois, „war seit 1972 Agent des KGB.“

          Putin regiert mit Propaganda und Angst – die er nicht nur im eigenen Land verbreitet: Russland, sagt Stéphane Courtois im Gespräch mit dieser Zeitung, „organisiert das Chaos in der Welt“. Er droht ihr mit Hunger, Kälte und der Atombombe. In der Ukraine führt er einen „imperialis­tischen Krieg“, doch keines der Länder, das unter sowjetischer Herrschaft stand, will zu Russland zurück.

          Auch Putins Auffassung der internationalen Beziehungen entspricht dem „Ehrenkodex der Unterwelt“. Das „Schwarzbuch“ analysiert seine Macho-Bilder-Sprache „unter der Gür­tellinie“, seine Ausführungen über die Ukraine seien primitiv und se­xistisch. Die Autoren deuten eine Er­klärung des russischen Außenministers wenige Tage vor dem Angriff. Er wolle sich nicht der „Gaunersprache“ bedienen, zitieren sie Sergej Lawrow: Alles werde sich im „Rahmen der Ehre“ abspielen. Eine Formel wie von einem Paten der Cosa Nostra.

          Politiker, denen die Erfahrung des Kriegs fehlt

          Courtois geißelt die zeitgenös­sischen Eliten und Politiker: „Ihnen fehlt die Erfahrung des Kriegs, Machtproben gehen sie aus dem Weg.“ Ihre Bereitschaft zu Verhandlungen ist ihm unheimlich: „Deutschland und Frankreich waren unfähig, Putins Intentionen rechtzeitig zu erkennen, sie sind nicht mehr in der Lage, gegen ihn ir­gendeine Auflage durchzusetzen.“

          Putins Drohungen mit der Atombombe hält Courtois für mehr als ei­nen Bluff. In Dmitri Medwedews „Ge­nozid-Phantasien“ glaubt er ein „apokalyptisches Delirium wie am Ende des Dritten Reichs“ zu erkennen. Um­so unverständlicher ist ihm Macrons Aussage, wonach Frankreich auf den Einsatz atomarer Waffen nicht mit der Force de Frappe reagieren würde. „Gibt es“, kommentiert Courtois, an der Eliteschule der Na­tion, der ENA, „keinen Geschichtsunterricht mehr?“

          Die „Demütigung Russlands nach dem Kalten Krieg“ bezeichnet Galia Ackerman als „Mär“. Jetzt aber könne sie dem Land, so wie Deutschland 1945, nicht mehr erspart werden. „Oh­­ne die Nürnberger Prozesse, die Umerziehung, die Läuterung hätten wir es heute nicht mit einem friedlichen, wiedervereinigten Deutschland zu tun.“ Putins Russland hingegen „verkörpert den Sieg der sowjetischen Vergangenheit über die Gegenwart“.

          Das „Schwarzbuch Putin“ wird im kommenden Januar auf Deutsch er­scheinen, erweitert um zwei Beiträge von Katja Gloger und Karl Schlögel. Die Gattung geht auf „Das Schwarzbuch“ über den Genozid an den Juden zurück. Diese Bestandsaufnahme er­folgte im Auftrag des Jüdischen Antifaschistischen Komitees (JAK). 500 000 Juden hatten in der Roten Ar­mee gekämpft. Nach dem Sieg über Hitler brauchte sie Stalin nicht mehr, die meisten Mitglieder des JAK wurden erschossen.

          Die erste vollständige Version des „Schwarzbuchs“ erschien 1992 in deutscher Sprache. Sein Herausgeber Arno Lustiger dokumentiert auch mi­nutiös, was Stalin verschweigen wollte: Das Martyrium der Juden und ih­ren Beitrag zum Sieg über den Fa­schismus. Lustiger erwähnt eine der Begründungen ihrer Verfolgung unter Stalin: Die Juden würden die Ab­trennung der Krim betreiben, um auf der Halbinsel eine jüdische Republik zu installieren. Stalins Nachfolger Chruschtschow schenkte sie der Ukraine.

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