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Schriftsteller : Von sieben, die auszogen, das Schmollen zu lernen

  • -Aktualisiert am

Wat mutt, dat Butt - Günter Grass lädt zum Arbeitstreffen Bild: dpa/dpaweb

Wie schön ist es doch, beleidigt sein zu dürfen: Günter Grass und die Seinen stellen sich nach ihrem „Lübecker Literatentreffen“ der Presse und wollen mit der Gruppe 47 nichts zu tun haben.

          Wie schön ist es doch, beleidigt sein zu dürfen! Es gibt sogar schon eine richtige Kultur des Beleidigtseins. Sie hat den Vorteil, daß es bei ihr im Gegensatz zur Kultur des Beleidigens aufs Können nicht ankommt; das Gefühl reicht völlig aus.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Wie verheerend sie sich auf das Niveau unserer Öffentlichkeit auswirkt, war im Wahlkampf zu sehen, in dem sie in prächtigster Blüte stand - die Auslassungen Jörg Schönbohms und Edmund Stoibers über Ostdeutschland wurden, obwohl sie sich auf niemanden persönlich bezogen, so lange zitiert, bis sich ein ganzer Landstrich beleidigt fühlen konnte. Man kam sich vor wie in Dostojewskis Prosa-Komödie „Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner“, in welcher der Heuchler Foma Opiskin beim geringsten Anlaß ruft: „Seht alle her, man hat mich beleidigt!“

          Eine denkwürdige Konferenz

          So ungefähr rief man nun auch in Lübeck, wo sich sieben Schriftsteller trafen, um eine literarische Gruppe ins Leben zu rufen und auf einer Pressekonferenz vorzustellen, die denkwürdig geriet: Günter Grass, Michael Kumpfmüller, Benjamin Lebert, Eva Menasse, Katja Lange-Müller, Matthias Politycki und Tilman Spengler. Schon daß die Presse den Namen „Lübeck 05“ aufgriff (der sich übrigens auch in der Einladung fand) und von der Sache vorab überhaupt berichtete, wurde offenbar als Majestätsbeleidigung aufgefaßt.

          Dichter beieinander (v.l.): Kumpfmüller, Menasse, Spengler, Grass, Lebert, Politycki, Lange-Müller

          Auf die naheliegende Frage, wie die Gruppe oder Initiative denn heißen solle, wurde entgegnet, man habe Wichtigeres zu tun, als nach einem Namen zu suchen. Die Frage, wie man sich definiere und was man wolle, beschied Tilman Spengler schneidend: Das sei ja „eine sehr packende Frage“. Leider blieb sie ohne packende Antwort. Wie soll man sie also nennen? Grass witzelte, „von mir aus können Sie von der Lübecker Marzipanschwein-Bande sprechen“. Belassen wir es bei der Auskunft, die dann doch noch gegeben wurde: „Lübecker Literaturtreffen“.

          Unter Ausschluß der Öffentlichkeit

          Fest steht bisher soviel: Man wird sich einmal im Jahr sehen und zwischen - da schwankten die Angaben - einem und zwei Dutzend Mitglieder haben; man wolle und könne keine Nachfolgeorganisation der Gruppe 47 sein; man werde sich unter Ausschluß der Öffentlichkeit treffen, sich gegenseitig Manuskripte vorlesen und begutachten, und zwar, wie verdächtig oft betont wurde, in freundschaftlich-sachlicher Atmosphäre, wie man das an diesem Tag bereits mehr als acht Stunden lang getan habe. Dabei soll es um Literarisches gehen und nur, wenn es die Sache hergebe, auch um Politisches.

          Wären das dann Ausnahmefälle? Einerseits ja, andererseits nein; schließlich kündigte Matthias Politycki nicht weniger an als die „Repolitisierung unserer Branche“. Grass legte nach: Man wolle das „Feuilleton-Verbot“, dem zufolge Schriftsteller sich politisch nicht zu Wort melden dürfen, umgehen. In welchem Feuilleton-Paragraphen steht das nochmal gleich? Ja, davon scheint mancher Schriftsteller zu träumen: daß ihm endlich mal wieder etwas verboten wird und er mit Gründen aufbegehren kann. Jedesmal, wenn politisches Engagement, „Einmischen“ zur Sprache kam, wurde es merkwürdig verdruckst und diffus. Wenn nicht alles täuscht, ist sich die Lübecker Gruppe einig in ihrer Kritik an einer Durchökonomisierung von Staat und Gesellschaft - eine ehrenvolle Position, aber keine, die Schriftsteller für sich gepachtet hätten.

          Verfolgte Eremiten

          Vielleicht sollte man das alles gar nicht so ernst nehmen - wenn es nicht Aufschluß darüber gäbe, wie diese Schriftsteller ihre Rolle in der Öffentlichkeit verstehen. Es ist das gute Recht von Autoren, unter sich bleiben zu wollen und Journalisten die Tür vor der Nase zuzuschlagen; die Kritik befaßt sich mit dem Buch ohnehin erst, wenn es fertig ist. Aber man sollte keine Pressekonferenzen inszenieren, um sich dort als verfolgter Eremit zu präsentieren.

          Worauf gründet der überheblich-gereizte Ton, in dem immerzu und ohne einmal konkret zu werden über „das Feuilleton“ hergezogen wurde, woraus nährt sich das Ressentiment gegen „professionelle Kritiker“? Es seien halt alles „gebrannte Kinder“, sagte Grass, wobei offenblieb, ob er sich auf literarische Verrisse bezog oder auf die Kommentierung der etwas holprig in Gang gekommenen und wenig durchschlagenden Wahlkampfinitiative vom Spätsommer (siehe auch: Deutsche Schriftsteller im Wahlkampf). Die Reaktionen auf letztere schienen hier jedenfalls heftig nachzuwirken und den Schriftstellern den Anlaß zu geben, so selbstmitleidig wie pauschal von „Häme“ zu sprechen.

          Auch wenn sie mit der Gruppe 47 nichts zu tun haben wollen - vielleicht sollte die Lübecker Gruppierung doch etwas von dem erheblich robusteren Geist hinüberretten, mit dem man damals auf tatsächliche Beleidigungen reagierte. Hans Werner Richter bewahrte 1963 die Fassung, als der CDU-Politiker Josef Hermann Dufhues die Gruppe 47 mit der Reichsschrifttumskammer verglich. Ein Jahr lang beschäftigte die Sache „das Feuilleton“. So lange wird das heutige bestimmt nicht reden von diesem Lübecker Literaturtreffen.

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