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Schriftsteller im Wahlkampf : Kollegen, das ist blamabel!

  • -Aktualisiert am

„A bissel was” bewegt: Eva Menasse unterstützt Schröder Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Deutsche Schriftsteller streiten im Wahlkampf über eine E-Mail: Wie ein Wahlaufruf namens „Unterschreiben!.doc“ beleidigte Einzelkämpfer gegen autoritäre Gewerkschafter aufbringt.

          Es gibt eine neue Form des Schriftstellerstreits in der deutschen Literatur: Man müßte sie die Under-Cover-Debatte nennen. Sie findet statt in Form von E-Mails, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht sind, aber als Rundbrief an Dutzende von Autoren verschickt werden, als brieflicher Dialog über abwesende Dritte, in Partygesprächen und einfach als Betriebsklatsch. Wo in diesen Tagen zwei oder drei Autoren zusammenkommen, da ist die Politik plötzlich mitten unter ihnen - und damit die Frage, ob man auch, na, man wisse schon, einen gewissen Aufruf bekommen habe. „Wie nur einen? Mich haben drei gefragt!“

          Um das literaturpolitisch Besondere dieses Wahlkampfs 2005 zu erkennen, muß man die Erfahrung der letzten Jahrzehnte als Folie nehmen. Die Schriftstellerin Eva Demski beispielsweise blickt auf so manches Kapitel aus dem deutschen Dauerbestseller „Geist und Macht“ zurück. Geboren 1944, hat sie eine nahezu idealtypisch studentenbewegte Biografie: 1968 beendete sie ihr Studium, lebte in Frankfurt, einem Epizentrum der politischen Beben, war Apo-Mitglied, ihr damaliger Mann zählte zu den Strafverteidigern Gudrun Ensslins, ihre Werke kreisen oft um das Fortwirken der nationalsozialistischen Vergangenheit, in den Achtzigern stritt sie gegen die Startbahn West und das Waldsterben. Eva Demski ist, mit einem Wort, ein Paradebeispiel für eine engagierte Literatin.

          Vielen Dank, lieber nicht

          Für Eva Demski nun begann der Wahlkampf anno 2005 wie immer: Günter Grass, Klaus Staeck und andere Veteranen trommeln wie eh und je für die SPD. Irgendwann Mitte Juni flattert Frau Demski ein Schreiben der Hamburger Journalistin Anna Mikula ins Haus, die im Auftrag des Nobelpreisträgers um Unterschriften zur Unterstützung von Rot-Grün warb. „Mir kam das ganz nostalgisch vor, wie eine Sache von vor dreißig Jahren, als man das Vaterland am Abgrund sah. Ich bin aber zu dieser heroischen Grundstimmung nicht fähig gewesen“, sagt Eva Demski auf der idyllischen Terrasse im Frankfurter Dichterviertel und wundert sich immer noch sichtlich über den Tonfall des Wahlaufrufs aus dem Norden. Zu komplex erscheint ihr der Streit um den Königsweg in der Steuerreform, um das richtige Modell in der Gesundheitsvorsorge, um die Rettung der Rentenkasse. Zwar hat sie vor Grass, den sie seit langem kennt, jeden Respekt, aber sich hinter seiner Fahne einzureihen, das kommt für Demski 2005 nicht in Frage: Vielen Dank, aber ich würde lieber nicht.

          Alte Liebe vergeht nicht: Günter Grass und seine Partei

          Offenbar steht sie mit dieser Haltung nicht allein. Die Vorgeschichte: Bei einem ersten, sondierenden Treffen bei Grass in Lübeck sind nur eine Handvoll Autoren dabei; auf den schriftlichen Rundruf wenig später reagieren nur wenige mit Zustimmung; die meisten, wenn sie nicht gleich rundweg ablehnen, haben schlicht keine Lust, sich vor den Karren einer Partei spannen zu lassen. Als der „Spiegel“ vorprescht und über eine Schriftstelleraktion zur Wahl berichtet, hagelt es Dementis.

          Zutiefst kleinbürgerliche Haltung

          Gut einen Monat später bekommt Eva Demski - und mit ihr viele andere Autoren - noch einmal Post von Anna Mikula, angehängt ist diesmal eine Datei mit dem sprechenden Namen „Unterschreiben!.doc“: Mit den „lieben Kollegen und Kolleginnen“ geht das Schreiben hart ins Gericht: „Die Anzahl derer, die zu unterschreiben und also an einer öffentlichen politischen Debatte teilzunehmen bereit sind, ist, vor allem unter den jüngeren Kollegen, so verschwindend, daß es beinah eine Schande ist“, heißt es da. Manche hätten Probleme mit irgendwelchen Einzelaspekten von Rot-Grün, aber die meisten schreckten schlicht „davor zurück, ihren Namen in die Nähe von politischen Parteien rücken lassen, obwohl sie schon gern mal mit Grass diskutieren oder zu Schröders Kanzlerfest gehen würden“.

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