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Frank Schulz auf Kreuzfahrt : Hier ist noch das Ziel das Ziel

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Eintönige Gegend, so ein Meer: Frank Schulz achtet auf das Wesentliche. Bild: Jan Jepsen

Bitte kein Wort von der Arche Noah! An einen Seefahrer-Roman muss man anders herangehen. Ich versuchte es und begab mich auf eine Kreuzfahrt. Ein Exkursionsbericht.

          7 Min.

          Eines der beiden Buffetrestaurants an Bord heißt Calypso. Schon am zweiten Tag schimpft Jan, mein Freund und Reisekumpan, es Apocalypso. Nicht wegen der Küche, die sündhaft gut ist. Doch das Schiff fasst bis zu 1266 Passagiere, und so vernehmen wir eines Abends, schräg hinter uns, aus dem biblischen Gedränge vor all den dampfenden und duftenden Töpfen, einen dramatischen Sopran: „Wo warst du denn? Ich hab’ dich überall gesucht!“ Bass: „Ich war die ganze Zeit neben dir.“

          Was mag das Paar hier, irgendwo im westlichen Mittelmeer, verloren haben? Was haben wir alle hier zu suchen, in diesem Massenbetrieb auf jenem Clubschiff?

          Ich den Schauplatz für einen Roman. Nun ist die Literatur seit jeher nicht arm an Schiffen: „Das Narrenschiff“, „Das Totenschiff“, „Das trunkene Schiff“ und so weiter. Mit Noah und Odysseus zählen Seefahrer zu den frühesten literarischen Helden. Alle pflügen sie die Weltmeere zwecks Versinnbildlichung menschlichen Daseins, Schicksals. Da drängt sich mir zeitgenössischem Autor die Frage auf: Ist die maritime Metaphorik nicht womöglich längst gekippt? Die Antwort vertage ich vorerst.

          Der Landratte ist das nasse Element suspekt

          Mein Plan sieht Prot- und Antagonisten gleichrangig vor. Wie für mich ist es für beide das Kreuzfahrerdebüt. Ersterer soll es lieben, Letzterer hassen. In meiner Mail an einen Anbieter, in der ich um Sponsoring werbe, spiele ich mit offenen Karten. Den entscheidenden Stich hoffe ich anhand Joker Jan zu machen. Als Reiseprofi bietet er dem Konzern eine Publikation an, die dessen bunte vier Buchstaben prominent erwähnen würde. Zunächst ernten wir eine Ab-, dann aber doch noch eine Zusage - beides übrigens ohne Begründung.

          Die Branche boomt. Das Wirtschaftsmagazin „Brand 1“ (12/14): „In den vergangenen acht Jahren verdoppelte sich die Zahl der Kreuzfahrttouristen in Europa von 3,2 auf 6,4 Millionen. Die Reeder kriegen kaum so schnell neue Kabinen auf das Wasser, wie diese gebucht werden.“ Journalistisch-kritisch täten sich Fragen nach Rußpartikeln respektive Filtersystemen auf, nach echtem Fortschritt oder Greenwashing, ob das behauptete Win-win-Verhältnis von Reederei und philippinischen Arbeitskräften der Überprüfung standhielte, und so weiter. Schriftstellerisch-poetisch reichte es hin, sobald sie in der Allegorie aufgingen. Die allerdings als solche noch zur Disposition steht ...

          Warum noch auf ferne Inseln, wenn es doch an Bord so schön ist. Frank Schulz auf Kreuzfahrt-Exkursion ist da skeptisch.

          Zu den Klängen von Enyas „Sail Away“ legt unser Dampfer am 19. Oktober 2013 um 22 Uhr ab. Vom Oberdeck aus staucht ein Großteil der Passagiere die orangefarben beleuchtete Küstenstraße Palma de Mallorcas auf die Größe ihres Handydisplays zusammen. Jan und ich bestaunen die Gravität, mit der die Kathedrale der heiligen Maria vorübergleitet. Er lobt den „immer wieder erhabenen Moment“, wenn ein Schiff das Festland verlässt. Am Hamburger Elbufer geboren, ist Jan See und Seefahrt seit jeher tief verbunden. Während mir Landratte das nasse Element traditionell eher suspekt erscheint.

          Disneylandhafte Innenarchitektur

          Sieben Reisetage liegen vor uns: Palma - Alicante - Valencia - Palma - Cannes - Barcelona - Palma. Zwar bin ich nachhaltig geprägt von David Foster Wallaces berühmtem Buch „Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich“; entsprechend juckt schon vorm Einchecken der Reflex zu Distanzierung und Distinktion. Doch verordne ich mir positive Wahrnehmung, um mich im Sinne poetischer Gerechtigkeit mit dem Protagonisten identifizieren zu können. Den Antagonisten besorgt ja der Beckmesser neben mir.

          Wahrlich, Jan ist es nicht, der mich enttäuscht. Wie ein Rohrspatz hat er bereits bei der Inspektion der Decks geflucht. Als leidenschaftlichen, stilsicheren Skipper erbosen ihn das Katzengoldene und Disneylandhafte der Innenarchitektur. Tatsächlich scheint etwa die zentrale Bar eine farbenblinde Elster gestaltet zu haben. Angesichts der „Hemingway Lounge“ würde der Namenspatron wohl um sich schießen; der „Time Tunnel“ mit seinem sphärischen Blaustich ist ebenso purer Trash wie das Pooldeck unter Plastepalmen. Immerhin der Ocean Bar am offenen Heck auf Deck 7 gelingt es halbwegs, einen Hauch von Klasse zu simulieren.

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