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Samuel R. Delany wird achtzig : Städte und Sterne

Visonärer Afrofuturist: Samuel R. Delany Bild: Kyle Cassidy/Golkonda Verlag

Er ist einer der bedeutendsten Science-Fiction-Autoren und ein Pionier des Afrofuturismus: Eine Würdigung vom Achtzigsten von Samuel R. Delany.

          2 Min.

          In dem Erzählessay „Eden, Eden, Eden“ berichtet Samuel R. Delany von einem Obdachlosentreffpunkt in New York. Die Armen dort bestehlen und beschimpfen einander, aber es gibt in ihrer Welt der „Erniedrigung, des Elends und der Exkremente“ auch Liebe (und Sex). Der Schriftsteller nennt den Ort einen „Park“, obwohl es da oft beißend stinkt. Seine Zuneigung zu denen, die sich diesen Park so wohnlich machen, wie es eben geht, will nicht schweigen, spreizt sich aber auch nicht als Fürsorgepredigt. Bald wendet der Text sich „einem anderen Park“ zu, dem Garten der Genesis. Denn „Eden, Eden, Eden“ ist keine Sozialreportage, sondern eine Bibeldeutung. Vom Schöpfergott weiß Delany aus der Schrift, dass seine Hände in die rote Erde gegriffen haben, um einen Menschen zu machen. Mit Dreck und Feuer kennt der Deuter sich aus, dieser schwarze schwule Autor, der niemals Scheu vor verrufenen Genres hatte, vor Pornografie ebenso wenig wie vor fiebriger Phantastik.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          In seinem ersten Hauptwerk, dem Monumentalroman „Dhalgren“ von 1975, träumt er von einer aus der übrigen raumzeitlichen Realität ge­stürzten Stadt unter einem aufgeblähten blutigen Gestirn und lässt seine Seele sagen, sie sei vom Verlust allen historischen Sinns für Fortschritt oder Niedergang „so entflammt wie unsere Riesensonne. Jetzt schreibe ich Gedichte, weil es außer der Zeitung nichts zu lesen gibt, die seitenlang die Gerüchte und Nichtigkeiten diskutiert, die diese Stadt durchgeistern. Wie soll das weitergehen, wenn solche Monde aufgehen und solche Sonnen sinken?“ Als Gelehrter hat Delany in lite­raturkundlichen Abhandlungen gelegentlich für derlei, wenn es andere schreiben, bewusst das deutsche Wort „Dichtung“ verwendet; fasziniert ist er von Wagner wie von Hölderlin, vom Lauten wie vom Leisen, solange es nur Musik ist.

          Die Science Fiction verdankt ihm vor allem die erzählende Erschließung von Wissenschaften, die nicht Physik oder Informatik heißen, als Ressourcen ihrer Spekulation, etwa der Linguistik („Babel-17“, 1966), aber auch erste Versuche in einer Untergattung, die heute „Afrofuturismus“ heißt – Delanys Erbinnen und Erben sind da sehr verschiedene Leute, von NK Jemisin über Tochi Onyebuchi bis Nnedi Okorafor; in Deutschland darf man wohl Sharon Dodua Otoo dazuzählen. Am Ende seines siebten Lebensjahrzehnts veröffentlichte Delany 2012 sein zweites Romanhauptwerk, „Through The Valley of the Nest of Spiders“, eine lustvoll ausufernde Phantasie über das Ideal einer dem Weltlauf trotzenden Liebestreue und zugleich, als Kontrapunkt, über das Streben nach erotischer und künstlerischer Freiheit. Außer Delany hätte dieses Buch voll unterirdischem Feuer wohl nur ein wiederauferstandener Rabelais schreiben können.

          Damit aber ist die Arbeit des großen alten Mannes noch nicht getan. Letztes Jahr erst erschien ein vergnüglich grummelndes, viele ästhetische Bilanzen andeutendes Bekenntnisbrevier namens „Of Solids and Surds“, außerdem die Sammlung „Occasional Views“, worin als Glanzstück der hier bereits vorgestellte, zuvor nur an entlegener Stelle publizierte Aufsatz „Eden, Eden, Eden“ zu finden ist. An dessen Ende erzählt Delany davon, dass man die ihm so vertrauten Obdachlosen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 aus ihrem Park vertrieben hat.

          Seitdem, sagt der Dichter, geht er nicht mehr gern dorthin – ein Urteil über die Verhärtung der Gesellschaft, in der er lebt, vorgetragen mit jener starken Stimme, die von der roten Erde noch immer so kundig und wahrhaftig reden kann wie von sterbenden Städten oder fernen Sternen. Heute wird Samuel R. Delany achtzig Jahre alt.

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