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Sammler und Verleger Klaus Wagenbach : Kafkas Welt in einem Kästchen

  • -Aktualisiert am

Franz Kafka Bild: picture-alliance / dpa

Er besitzt die größte Sammlung von Porträts und Reliquien des Schriftstellers. Und er hat sogar das Schloss gefunden. Ein Besuch beim legendären Verleger Klaus Wagenbach.

          Im Sommer 1950 hat sich Klaus Wagenbach verliebt. Er war damals Lehrling in der Herstellungsabteilung des S.-Fischer-Verlags, und sein Lehrer Fritz Hirschmann gab ihm ein braunes, schäbig gedrucktes Buch in die Hand. Er sollte den Umfang schätzen, man wollte es neu herausbringen. "Bub, schätz das mal!", hat Hirschmann zu Wagenbach gesagt. Und der junge Klaus Wagenbach begann, zunächst die Buchstaben und dann die Zeilen zu zählen, und las mechanisch die erste: "Jemand musste Josef K. verleumdet haben", und es dauerte nicht lange, da war es um Klaus Wagenbach geschehen. Eine Liebe begann, die wie jede große Liebe wuchs und wuchs und weiterwächst, bis heute.

          Da sitzt Klaus Wagenbach, 78 Jahre alt, legendärer Verleger, der 1965 mit dem Geld, das er aus dem Verkauf einer Wiese seines Vaters erlöste, seinen eigenen Verlag gründete und diesen vor einigen Jahren an seine wesentlich jüngere Frau übergab. Er geht immer noch jeden Tag in den Verlag. Aber nur noch als Lektor und Berater. Tief versunken sitzt er jetzt auf dem Sofa in seiner Charlottenburger Wohnung, mit einem Kästchen auf dem Schoß. Es sind jede Menge Pergamenttütchen in dem Kästchen. Und in jedem Tütchen steckt ein Foto.

          Interessiert an den „Lebensumständen dieses seltsamen Heiligen“

          Er hat die umfangreichste Sammlung von Kafka-Porträts auf der ganzen Welt und nicht nur das, auch Familienbilder, zeitgenössische Aufnahmen von Kafkas Wohn- und Aufenthaltsorten, den Kliniken und Erholungsheimen, Fotos der von Kafka inspizierten Fabriken, der Urlaubsorte. Ein Heft seiner Berichte aus der Zeit bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt. Den Wetzstein seines Großvaters, der Metzger war. Alles, alles hat Klaus Wagenbach zeit seines Lebens gesammelt. Kafkas Welt, in einem Kästchen. Und regelmäßig präsentiert er seinen Stolz in einem Buch. 1983 ist die längst legendäre Bildmonographie von Klaus Wagenbach zum ersten Mal erschienen. In diesen Tagen veröffentlicht der Verlag eine erneut um 103 Bilder erweiterte Neuausgabe. 696 Abbildungen sind jetzt darin. Ein Lebens-Foto-Album, wie es das für kaum einen zweiten Schriftsteller gibt.

          Verleger Klaus Wagenbach - er bezeichnet sich selbst als „dienstälteste Witwe Kafkas”.

          "Mich aber interessierten gerade die Lebensumstände (wie immer, wenn man sich in jemanden verliebt) dieses seltsamen Heiligen", hat Klaus Wagenbach einmal geschrieben. Etwas verschämt, in die Klammer hinein, hat er den Kern seiner Wahrheit geschrieben. Und es kam damals noch etwas hinzu, als seine Liebe begann und sein Sammeln. Bei den deutschen Germanisten herrschte, mehr noch als heute, das Dogma der "Werkimmanenz". Nur das Werk zählte, und sonst nichts. Die Germanisten, die 1933 in Scharen in die NSDAP eingetreten waren und bereitwillig die Bücher "undeutscher" Autoren verbrannt und aus ihren Bibliotheken verbannt hatten, pflegten mit gutem Grund die Lehre vom reinen Text ohne störende biographische und politische Zusatzinformationen. "Je brauner, desto werkimmanenter", sagt Klaus Wagenbach auf seinem Sofa.

          Das Originalporträt ist ganz klein, das Gegenteil eines strahlenden Sehers

          Grund genug für Wagenbach, das Gegenteil zu wollen. Als ihm sein Lehrer kurz darauf ein Kafka-Porträt schenkte, das Foto, das bald schon das berühmteste Abbild des Prager Schriftstellers werden sollte, da war der Grundstock der Sammlung gelegt, der Urgrund der Sammelleidenschaft von Klaus Wagenbach geweckt. Der S.-Fischer-Verlag hatte das Porträt damals mächtig bearbeitet, eine Art Heiligenschein drum herum gespritzt. Das Geheimnis Kafka ließ sich so gut als Legendenfigur mit leuchtendem Seherblick vermarkten.

          Das Originalporträt, das Wagenbach jetzt kurz aus einem Pergamenttütchen zieht, ist ganz klein und zeigt das Gegenteil eines strahlenden Sehers. Es wurde im Oktober 1923 im Kaufhaus Wertheim in Berlin aufgenommen und ist das Bild, das wir alle kennen, das wahnsinnig traurige Porträt eines schwerkranken Mannes mit eingefallenen Wangen, acht Monate vor seinem Tod. In dem Band ist es seitengroß aufgezogen, die Knicke des Originals treten stark hervor. Authentizität, Wahrheit, das Leben, das Leiden, wie es war. Darum geht es hier, darum geht es dem Sammler.

          Immer wieder ist er schon früh nach Prag gereist, um Lebensspuren Kafkas zu finden. Wie schwer war das Forschen damals, als Kafka eine Unperson in der sozialistischen Tschechoslowakei gewesen ist. "Ich habe gesagt, dass ich über Kisch forsche", sagt Wagenbach jetzt, "das war ideal, denn Kisch war Kommunist, und da sein Name auch mit ,K' beginnt, konnte ich in den Archiven in aller Ruhe recherchieren." Und er erzählt die Geschichte, wie er, nachdem er das sogenannte Familiantenbuch der Kafkas gefunden hatte, in das Dorf Wossek, in dem Kafkas Großvater als Fleischhauer gearbeitet hatte, gefahren ist.

          Und er fand auch: das Schloss. Es hatte eine übermäßige Administration

          Die Dorfbevölkerung versammelte sich um den jungen Forscher aus dem Westen, und erst nach einiger Zeit des Unverständnisses meldete sich schließlich ein kleiner Herr, der zu jenem Zeitpunkt das Haus von Kafkas Großvater bewohnte. "Und im Triumphzug begleitete mich das ganze Dorf bis zum Kafka-Haus." Später hat er noch das Grab des Großvaters auf dem jüdischen Friedhof entdeckt, der als letzter Jude dort begraben wurde. Und er fand auch: das Schloss. Lange waren die Forscher sich uneinig gewesen, welches Schloss das Vorbild zum Roman gewesen sein könnte. Doch als Wagenbach nun das Schloss dort oben über dem Dorf Wossek sah, war klar: das ist das Schloss, das ist der ewig unerreichte, unerreichbare Ort. Die Beschreibung aus dem Roman stimmte fast bis ins letzte Detail hinein. Eine alte Frau sagte zu ihm: "Wissen Sie, das Schloss, es hatte eine übermäßige Administration." Das erzählt Klaus Wagenbach noch heute lachend, als hätte er es eben zum ersten Mal gehört.

          Bei seinem zweiten Besuch in Wossek hat er auch eine seiner erstaunlichsten Reliquien bekommen. Wagenbach war damals mit Kafkas Nichte Vera Saudková ins Dorf gereist, um die ältesten Dorfbewohner zu befragen. Einer der Interviewten brachte zum Gespräch zwei Geschenke mit: einen Wetzstein und ein Messer. Beide aus dem Besitz von Kafkas Großvater, der Fleischhauer war. Das Messer bekam die Nichte, Wagenbach den Wetzstein, den er jetzt bedächtig hin und her wiegt in seiner Hand. Er sieht ein bisschen aus wie ein urzeitliches Handy. Auf der Stirnseite ist in hebräischen Schriftzeichen das Wort "koscher" eingraviert. Der Stein fungierte auch als Stempel, mit dem der örtliche Rabbiner das geschlachtete Fleisch kennzeichnen konnte.

          Ohropax gegen den Lärm der Welt

          Wenn man nun aber als Nichtsammler wohl etwas ungläubig auf das wunderliche Utensil blickt, beeilt sich Wagenbach gleich, alle Zweifel zu zerstreuen. Erstens sei das tatsächlich ein Wetzstein, der ausschließlich von Fleischhauern benutzt wurde. "Zweitens war Jakob Kafka damals der einzige Fleischhauer weit und breit." Das muss als Beweis genügen.

          Und er zeigt das Foto einer Sicherheitshobelwelle, verstaut in einem schmucken Schutzbehälter, mit dem der Unfallverhütungsagent Kafka damals durchs Land gereist sei. Und Ohropax "gegen den Lärm der Welt" und Fotos, Fotos, Fotos. Die wunderschönen Knabenbilder mit dem Bürstenschnitt und das eine mit einer Niete, mit der es am Schülerausweis befestigt war. Alle werden kurz hervorgeholt; Sekunden später schon verschwinden sie wieder in den transparenten Tütchen.

          Einen Schockmoment gab es auch im Leben des Kafka-Sammlers Wagenbach. Einen ganzen Schuhkarton mit wohl achtzig Kafka-Bildern hatte er vor vielen Jahren gefunden. Der Besitzer des Kartons erlaubte ihm, so viele er wollte mitzunehmen. Wagenbach nahm acht. Von den anderen Bildern wurde nie mehr etwas gesehen, gehört oder gefunden. Auf irgendeinem Prager Dachboden müssen sie eigentlich noch sein. Was für ein Traum, diesen Karton eines Tages noch zu finden. Und einen neuen, einen endgültigen, einen letzten Bildband zu machen.

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