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Sammler und Verleger Klaus Wagenbach : Kafkas Welt in einem Kästchen

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Immer wieder ist er schon früh nach Prag gereist, um Lebensspuren Kafkas zu finden. Wie schwer war das Forschen damals, als Kafka eine Unperson in der sozialistischen Tschechoslowakei gewesen ist. "Ich habe gesagt, dass ich über Kisch forsche", sagt Wagenbach jetzt, "das war ideal, denn Kisch war Kommunist, und da sein Name auch mit ,K' beginnt, konnte ich in den Archiven in aller Ruhe recherchieren." Und er erzählt die Geschichte, wie er, nachdem er das sogenannte Familiantenbuch der Kafkas gefunden hatte, in das Dorf Wossek, in dem Kafkas Großvater als Fleischhauer gearbeitet hatte, gefahren ist.

Und er fand auch: das Schloss. Es hatte eine übermäßige Administration

Die Dorfbevölkerung versammelte sich um den jungen Forscher aus dem Westen, und erst nach einiger Zeit des Unverständnisses meldete sich schließlich ein kleiner Herr, der zu jenem Zeitpunkt das Haus von Kafkas Großvater bewohnte. "Und im Triumphzug begleitete mich das ganze Dorf bis zum Kafka-Haus." Später hat er noch das Grab des Großvaters auf dem jüdischen Friedhof entdeckt, der als letzter Jude dort begraben wurde. Und er fand auch: das Schloss. Lange waren die Forscher sich uneinig gewesen, welches Schloss das Vorbild zum Roman gewesen sein könnte. Doch als Wagenbach nun das Schloss dort oben über dem Dorf Wossek sah, war klar: das ist das Schloss, das ist der ewig unerreichte, unerreichbare Ort. Die Beschreibung aus dem Roman stimmte fast bis ins letzte Detail hinein. Eine alte Frau sagte zu ihm: "Wissen Sie, das Schloss, es hatte eine übermäßige Administration." Das erzählt Klaus Wagenbach noch heute lachend, als hätte er es eben zum ersten Mal gehört.

Bei seinem zweiten Besuch in Wossek hat er auch eine seiner erstaunlichsten Reliquien bekommen. Wagenbach war damals mit Kafkas Nichte Vera Saudková ins Dorf gereist, um die ältesten Dorfbewohner zu befragen. Einer der Interviewten brachte zum Gespräch zwei Geschenke mit: einen Wetzstein und ein Messer. Beide aus dem Besitz von Kafkas Großvater, der Fleischhauer war. Das Messer bekam die Nichte, Wagenbach den Wetzstein, den er jetzt bedächtig hin und her wiegt in seiner Hand. Er sieht ein bisschen aus wie ein urzeitliches Handy. Auf der Stirnseite ist in hebräischen Schriftzeichen das Wort "koscher" eingraviert. Der Stein fungierte auch als Stempel, mit dem der örtliche Rabbiner das geschlachtete Fleisch kennzeichnen konnte.

Ohropax gegen den Lärm der Welt

Wenn man nun aber als Nichtsammler wohl etwas ungläubig auf das wunderliche Utensil blickt, beeilt sich Wagenbach gleich, alle Zweifel zu zerstreuen. Erstens sei das tatsächlich ein Wetzstein, der ausschließlich von Fleischhauern benutzt wurde. "Zweitens war Jakob Kafka damals der einzige Fleischhauer weit und breit." Das muss als Beweis genügen.

Und er zeigt das Foto einer Sicherheitshobelwelle, verstaut in einem schmucken Schutzbehälter, mit dem der Unfallverhütungsagent Kafka damals durchs Land gereist sei. Und Ohropax "gegen den Lärm der Welt" und Fotos, Fotos, Fotos. Die wunderschönen Knabenbilder mit dem Bürstenschnitt und das eine mit einer Niete, mit der es am Schülerausweis befestigt war. Alle werden kurz hervorgeholt; Sekunden später schon verschwinden sie wieder in den transparenten Tütchen.

Einen Schockmoment gab es auch im Leben des Kafka-Sammlers Wagenbach. Einen ganzen Schuhkarton mit wohl achtzig Kafka-Bildern hatte er vor vielen Jahren gefunden. Der Besitzer des Kartons erlaubte ihm, so viele er wollte mitzunehmen. Wagenbach nahm acht. Von den anderen Bildern wurde nie mehr etwas gesehen, gehört oder gefunden. Auf irgendeinem Prager Dachboden müssen sie eigentlich noch sein. Was für ein Traum, diesen Karton eines Tages noch zu finden. Und einen neuen, einen endgültigen, einen letzten Bildband zu machen.

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