https://www.faz.net/-gqz-7pc47

Sammelband zur Ukraine-Krise : Und dann klingelten die Handys der Toten

Vier von ihnen: Juri Andruchowytsch (2.v.l.) mit Tanya Malyarchuk, Sergey Zhadan (r.) und Jurko Prochasko Anfang Februar zu Besuch im Feuilleton der F.A.Z. Bild: Frank Röth

Wer die Ukraine verstehen will, muss dieses Buch lesen. Es räumt auf mit Märchen und Vorurteilen und erzählt die andere Geschichte des Majdan. Ukrainische Autoren bringen ans Licht, was sich hinter den Kulissen ereignet hat.

          5 Min.

          Wir haben viel gehört aus der Ukraine in den vergangenen Wochen, sehr viel sogar; aber eines haben wir nicht vernommen: wie der Herzschlag dieses zerrissenen Landes klingt. In diesem Buch kann man ihn spüren und vernehmen. Es heißt „Euromaidan“ und ist eine Sammlung von Essays osteuropäischer Schriftsteller und Wissenschaftler, das nun bei Suhrkamp erschienen ist. In all dem Getöse zwischen Putin-Verstehern und Ukraine-Verfechtern führt es vor, was für die Ukraine heute auf dem Spiel steht. Und wie es so weit kommen konnte.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Natürlich ist es ein Wagnis, in dieser aufgeheizten Situation ein solches Buch zu publizieren. Jeder Tag kann eine neue Wendung bringen. Vieles ist unklar, dafür tobt umso heftiger der Deutungskrieg. Jede Nachricht ist mit Vorsicht zu betrachten, weil sich der Augenschein schon oft als trügerisch erwiesen hat. Gerade deshalb ist „Euromaidan“ so wichtig. Weil es erklären kann, warum der Aufstand in Kiew so schnell gewaltsam wurde und warum es sich weniger um eine Trennung zwischen Ost und West als vielmehr um den Kampf zwischen Vergangenheit und Zukunft, sowjetischem und antisowjetischem Denken handelt.

          Und es entlarvt die absurden Propagandamärchen. Da wird noch einmal die Geschichte jener Frau erzählt, die im russischen Fernsehen als Angehörige der verfolgten russischsprachigen Minderheit wahlweise in Charkiw, Odessa und auf der Krim auftrat. Auch die „Flüchtlingsströme“ der 750 000 russischsprachigen Ukrainer vor Nationalisten nach Russland, über die „Der erste Kanal“ berichtete, mit Bildern von endlosen Autoschlangen an einem Grenzübergang, wurde entlarvt. Tatsächlich nämlich zeigte das russische Fernsehen Bilder von der Grenze nach Polen, die viele Ukrainer zum Einkaufen überqueren.

          Eine deutsche Stimme für Juri Andruchowytsch

          Auch wenn die Reflexionen und Deutungen der Autoren, weil sie den laufenden Prozess kommentieren, wie ein Eingriff am offenen Herzen anmuten, ist der Band alles andere als ein Schnellschuss. Zu verdanken ist dies Katharina Raabe. Die Suhrkamp-Lektorin ist Doyenne der osteuropäischen Literatur. Die großgewachsene Sechsundfünfzigjährige, die schon bei Rowohlt Berlin an diesem Programm zu feilen begann, baute nach ihrem Wechsel zu Suhrkamp im Jahr 2000 ihr osteuropäisches Haus großzügig aus.

          Heute hat wohl kein Verlag eine vergleichbare Präsenz in der osteuropäischen Literatur. Die Tochter des Marbacher Bibliothekars Paul Raabe versammelt so originelle Stimmen wie die Ukrainer Juri Andruchowytsch, Katja Petrowskaja und Serhij Zhadan, die Russin Alissa Ganijewa und den Polen Andrzej Stasiuk. Und sie alle sind nicht nur durch Neuerscheinungen präsent, sondern bringen sich auf vielerlei Weise ins Gespräch ein, führen kontroverse Debatten wie jüngst auf der Verlagswebsite unter dem Stichwort „Gibt es eine osteuropäische Literatur?“ Jetzt beteiligen sie sich mit Beiträgen an „Euromaidan“.

          Bild: Suhrkamp

          Als typische Quereinsteigerin brachte Katharina Raabe die entsprechende Begeisterung für das neue Terrain mit. Von Haus aus ist sie Musikerin mit einem Magister in Philosophie. Seit den frühen neunziger Jahren engagierte sie sich als Lektorin für osteuropäische Literatur. Und erkannte schnell, dass etliche ihrer Autoren nur deshalb nicht „ankamen“, weil geeignete Übersetzer fehlten. Erst vor zwölf Jahren fand sie die deutsche Stimme für Juri Andruchowytsch im legendären „Club der Polnischen Versager“ - ein glücklicher Zufall. Seitdem erreicht dessen anspielungsreiches und karnevaleskes Werk auch die deutschen Leser.

          Wie Systeme Menschen zerstören können

          Bei Katharina Raabe, die Anfang April selbst auf dem Majdan in Kiew war, schwingt fast so etwas wie Stolz mit, wenn sie über „ihre“ Autoren spricht. Weil sie mutig seien, sagt sie, und aktiv. Denn dass auf diese Autoren im Westen niemand gewartet hat, weiß sie natürlich: „Der vollgestopfte deutsche Buchmarkt ist doch froh, wenn er nicht auch noch mit Büchern aus Osteuropa behelligt wird.“ Gerade deshalb kämpft sie dafür, dass Andruchowtysch, Zhadan und die anderen nun nicht als „Kriegsgewinnler“ dastehen, deren Werke kurzfristig rezipiert werden, weil die Ukraine gerade Thema ist. „Sie haben vorher großartige Literatur hervorgebracht und werden es weiterhin tun, und der ,Euromaidan‘ ist das Ergebnis dieser langjährigen, vertrauensvollen Zusammenarbeit.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Herbert Diess, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, auf der IAA 2019

          Diess gegen Osterloh : Showdown im Volkswagen-Reich

          Erst im Sommer ist VW-Chef Herbert Diess nur knapp seinem Rauswurf entgangen. Jetzt ist der Machtkampf in dem Unternehmen neu ausgebrochen – und die Spitze des Aufsichtsrats tagt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.