https://www.faz.net/-gqz-rv7t

Salman Rushdie in Berlin : Sein Leben geht uns alle an

Angstfrei und entspannt: Salman Rushdie in Berlin Bild: dpa/dpaweb

Mit der Fatwa gegen ihn und „Die Satanischen Verse“ hatte der weltpolitische Zweikampf des 21. Jahrhunderts begonnen. Jetzt stellte Salman Rushdie seinen neuen Roman in Berlin vor - ohne Sicherheitskontrollen oder Leibwächter.

          2 Min.

          Ab und zu tut es gut, sich daran zu erinnern, wie der weltpolitische Zweikampf des einundzwanzigsten Jahrhunderts eigentlich begonnen hat: mit einem Dichter und seinem Buch. Siebzehn Jahre ist es her, seit ein fanatischer Religionsführer aus Teheran zum Mord an dem Schriftsteller Salman Rushdie aufrief, dessen Roman „Die Satanischen Verse“ den Aberglauben der Islamisten verspottet hatte.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Daß Rushdie immer noch am Leben ist, daß er Bücher schreiben und publizieren kann, ist ein Trost für jeden denkenden Leser. Daß sich der Schriftsteller inzwischen sogar wieder leidlich frei in der westlichen Welt bewegen kann, daß er, wie er selbst sagt, seinen „normalen Dienst wiederaufgenommen“ hat, ist mehr als ein Trost, es ist ein Sieg der Vernunft und der Zivilisation. Ein Etappensieg, immerhin.

          Sein Verständnis grenzt an Selbstverleugnung

          Es gab weder Sicherheitskontrollen noch Leibwächter, als Salman Rushdie am vergangenen Freitag im Literarischen Colloquium Berlin sein neues Buch „Shalimar der Narr“ vorstellte. Statt dessen trat ein sichtlich angstfreier, souverän formulierender Romancier vor sein deutsches Publikum. Die Fatwa, das Todesurteil der Religionswächter, habe sein Denken geklärt, sagte Rushdie. „Es lehrte mich, wofür ich stand, wofür ich kämpfte. Es zeigte mir auch, wieviel Mut Menschen haben können.“ Denn nicht nur Rushdie selbst, auch seine Verleger und ihre Angestellten, sogar Buchhändler, die seine Romane verkauften, wurden bedroht. Es gab Anschläge, Verletzte, sogar Tote. „Aber niemand ist eingeknickt.“ Er sagt das mit Bewunderung und Stolz.

          Rushdies neuer Roman erzählt die Geschichte eines Dorfgauklers aus Kaschmir. Als Shalimars Frau mit dem amerikanischen Botschafter durchbrennt, wird er zum Islamisten und durchläuft alle Stufen eines Terroristenlebens von der Ausbildung bis zum Attentat. Für Rushdie wäre es ein leichtes gewesen, seinen Helden der Lächerlichkeit preiszugeben, doch er hat ihn mit liebevollster Sorgfalt gezeichnet, mit einem Verständnis, das an Selbstverleugnung grenzt. Es komme darauf an, Shalimars Wandlung als freie moralische Entscheidung zu begreifen, erst dann sei sie wirklich schockierend, erklärte sein Schöpfer in Berlin. Als weiteres Beispiel für die Kunst, glaubwürdige menschliche Charaktere zu schaffen, nannte Rushdie einen „wonderful German film“: Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“. Auch Hitlers Paladine hätten sich bewußt zwischen Gut und Böse entschieden, das habe Hirschbiegel wunderbar gezeigt.

          Die Freiheit, zumal wenn sie gegen den Aberglauben kämpft, braucht Symbolfiguren, Heldengestalten. Salman Rushdie ist eine solche Gestalt. Seit siebzehn Jahren trägt er die Rolle, welche er notgedrungen spielen muß, mit Würde, aber nicht ohne Mühen, die man auch seinen Büchern anmerkt. Inzwischen hat der Leidensdruck nachgelassen, wie man bei der Veranstaltung in Berlin sehen konnte. Aber die Drohung bleibt. Solange sie besteht, ist Rushdies Freiheit auch unsere, geht sein Leben uns alle an.

          Weitere Themen

          Helden in Jogginghosen

          „Don Quijote“ in Berlin : Helden in Jogginghosen

          Zen Quijote von der Mancha: Ulrich Matthes und Wolfram Koch sind Don Quijote und Sancho Panza in Jan Bosses Adaption des Klassikers von Cervantes’ am Deutschen Theater in Berlin.

          Der Geruch von toter Großmutter Video-Seite öffnen

          Buchmessen-Gastland Norwegen : Der Geruch von toter Großmutter

          Norwegen ist das Gastland der Buchmesse 2019. Feuilleton-Redakteurin Elena Witzeck hat sich im Pavillon umgesehen und ein Land kennengelernt, das stolz auf seine Lesekultur ist. Nur auf Schweden sollte man die Norweger nicht ansprechen.

          Topmeldungen

          Das Symbol der Türkei, weißer Halbmond und Stern auf rotem Untergrund.

          Syrien-Konflikt : Gut so, Wolfsburg!

          In der Türkei können VW und andere auch später noch Werke bauen – aber erst, wenn dort wieder Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Friedfertigkeit gelten.
          Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

          Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

          Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.