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Abrechnung mit dem Literaturbetrieb: Die irische Autorin Sally Rooney. Bild: Laif

Sally Rooneys neuer Roman : Soll man auf eine höhere Daseinsform warten?

  • -Aktualisiert am

Neues aus dem amourösen Rooneyversum: Sally Rooneys neuer Roman „Schöne Welt, wo bist du“ versöhnt sich mit der Liebe und rechnet mit dem Literaturbetrieb ab.

          4 Min.

          Sally Rooney war extrem jung, erst Mit­te zwanzig, als sie zum literarischen Superstar wurde. 2017 und 2018 er­schienen hintereinander ihre Romane „Conversations with Friends“ und „Nor­mal People“. In beiden Büchern ging es um junge Leute in und um Dublin, die sich in endlos mäandernden Gesprächen zu Standortbestimmungen ihres Privatlebens äußerten. Sie diskutierten mit erbarmungsloser Ehrlichkeit über Feminismus, Heteronormativität und Klassenunterschiede im Spätkapitalismus. Und das mit einer so feinsinnigen Zeitgenossenschaft, dass die Presse messianisch die „Stimme einer Generation“ ausrief.

          Ganz sicher war diese Stimme be­merkenswert. Mit größter Selbstverständlichkeit lebte hier eine in den Neunzigerjahren geborene Generation längst die Imperative des einundzwanzigsten Jahrhunderts: Individualität und Diversität. Bisexuelle Erfahrungen etwa gehörten ganz selbstverständlich zum amourösen Rooneyversum. In ih­ren Büchern war man allerdings nicht homo oder hetero, sondern man hatte ein Liebesleben, in dem man das Pa­triarchat nachmodellierte, verwarf, neu programmierte. Und man redete permanent darüber, was das mit einem machte, warum und ob man es gut oder schlecht heiße. Liebe und Freundschaft standen auf dem Prüfstand. Aber an­ders als bei den Achtundsechzigern ohne jeden Dogmatismus. Große Re­den zur Verbesserung der Gesellschaft wurden in Dublins WG-Küchen allenfalls spielerisch geschwungen. Der performative Selbstwiderspruch sabotierte zuverlässig den Versuch, das eigene Da­­sein einer Komplexitätsreduzierung zu unterziehen.

          Nach ein paar Jahren Rooney-Boom wurden nun einige Kritiker des Rooney-Booms überdrüssig. Sie hielten ih­re Bücher für überschätzt und un­zureichend. Wenn man jetzt also Rooneys neuen Roman zur Hand nimmt, kann man das gewiss nicht mehr mit der Haltung des Entdecker-Kritikers tun.

          Die notorische Fremdheit der Liebenden

          Im Zentrum von „Schöne Welt, wo bist du“ steht die Freundschaft zwischen den ehemaligen Collage-Studentinnen Alice und Eileen, die sich den gesamten Roman über Briefe schreiben und sich nur ein einziges Mal wirklich treffen. Die Diskrepanz zwischen behaupteter Seelenverwandtschaft und physischer Distanz wird am Ende des Romans die Versehrtheiten auf beiden Seiten offenbaren. Doch noch ist man nicht so weit. Dafür braucht es erst zwei männliche Eindringlinge in den Frauenkosmos. Zum einen den liebenswerten Simon, der nach jahrelangem Eiertanz um seine Kindheitsfreundin Eileen endlich einsieht, dass er der Richtige ist. Zum an­deren Felix, der zu Beginn des Buchs mit Alice ein fürchterlich vermasseltes Tinder-Date durchleidet.

          Eileen und Alice, das wird schnell klar, sind beide Varianten der Bestsellerautorin Sally Rooney. Eileen arbeitet als Redakteurin in einem Dubliner Literaturmagazin und hat die Trennung von ihrem langjährigen Freund zu verwinden. Alice ist eine international zu Ruhm und Geld gekommene Autorin, die sich an einen kleinen irischen Küstenort zurückgezogen hat, um sich von ihrer Depression zu erholen.

          Wie immer bei Rooney werden Chatverläufe in den Romanfluss eingearbeitet. Mails werden zu allen Tag- und Nachtzeiten in aufgeklappte Laptops hineingehackt und wiedergegeben. Darin geht es in einem eigenwil­ligen Mix aus Ironie und Melancholie um die Frage, was es bedeutet, heute politisch zu sein. Genauer um die Frage, was das alles mit unserer Liebes­fähigkeit zu tun hat. Und wie man Menschen überhaupt je nah sein kann in einem Zeitalter medialer Superspiegelungen. Am Ende von „Gespräche mit Freunden“ hieß es noch verheißungsvoll: „Man muss bestimmte Dinge durchleben, bevor man sie versteht.“ Man kann den Figuren des neuen Ro­mans jetzt zugestehen, dass sie mit Abstand zu den früheren Büchern et­was durchlebt haben.

          Alice und Eileen sind nicht mehr An­fang, sondern Ende zwanzig. Die Frage nach dem richtigen Leben oder der richtigen „Identität“ spitzt sich zu in der Frage nach dem richtigen Partner. Thema hier ist vor allem die notorische Fremdheit, die zwischen zwei Menschen herrscht, selbst wenn sie sich lieben. Über Alice und Felix heißt es einmal: „Es war zu dunkel, als dass sie irgend­etwas vom Gesicht des anderen hätten ablesen können, und doch hielten sie den Blick und wandten ihn nicht ab, als wäre es wichtiger, einander anzusehen, als tatsächlich etwas zu sehen.“

          Manche halten das für Kitsch

          „Schöne Welt, wo bist du“ ist von ei­nem neuen Essentialismus durchweht, der sich im Kontext der drei bisherigen Rooney-Romane wie eine Er­löser­geschichte liest. Zum Beispiel, in­dem mit Simon ein gläubiger Katholik in­thronisiert wird. Kein Dogmatiker, son­dern ein Mensch, der seinen Glauben gegen die Deformationen des Da­seins behauptet. Einmal schreibt Ei­leen an Alice, warum das eventuell nö­tig ist: „Unser politisches Vokabular hat sich seit dem 20. Jahrhundert so tiefgreifend und rapide verschlechtert, dass die meisten Versuche, unsere historische Situation zu verstehen, in Geschwafel enden.“ Etwa so: „Paula sagte, jemand aus der Mittelschicht könne trotzdem Sozialistin sein, und Eileen sagte, es gebe keine Mittelschicht.“

          Den Befund „Geschwafel“ hatten Re­zensenten auch auf Rooneys Ro­­manwelt-Gesellschaft angewendet. Nicht ganz zu Unrecht. Doch was ma­chen Leute aus ihrem jugendlichen Nihilismus? Sie werden entweder gläubig, oder sie lassen sich endlich doch herab auf das Niveau einer echtzeitlichen Liebesgeschichte. Mehr Versöhnlichkeit war unter „normalen“ Leuten von heute wohl nie.

          Sally Rooney: „Schöne Welt, wo bist du“. Roman.
Aus dem Englischen  von Zoë Beck. Claasen Verlag, Berlin 2021.  352 S., geb., 20 €
          Sally Rooney: „Schöne Welt, wo bist du“. Roman. Aus dem Englischen von Zoë Beck. Claasen Verlag, Berlin 2021. 352 S., geb., 20 € : Bild: Verlag

          Eine andere Facette des Erwachsenwerdens im neuen Roman ist Rooneys Abrechnung mit dem Literaturbetrieb, der sie groß, aber wohl auch korrupt gemacht hat: „Habe ich dir erzählt, dass ich keine zeitgenössischen Romane mehr lesen kann? Ich glaube, es liegt daran, dass ich zu viele der Leute kenne, die sie schreiben. Ich sehe sie die gan­ze Zeit auf Festivals, wie sie Rotwein trinken und darüber reden, wer wen in New York publiziert. Wie sie sich über die langweiligsten Dinge der Welt be­schweren – schlechte Pressearbeit oder schlechte Besprechungen oder dass an­dere mehr Geld kriegen. Wen interessiert das? Und dann sind sie wieder weg und schreiben ihre sensiblen kleinen Romane über das „normale Leben. Meine eigene Arbeit, und das versteht sich von selbst, ist der schlimmste Missetäter in dieser Hinsicht.“

          Es macht Spaß, einer immer noch ziemlich jungen Autorin dabei zuzuhören, wie sie sich junge Autorinnen in einer Welt ausdenkt, die sie als falsch durchschauen, ohne ihr entsagen zu können (oder zu wollen). Wie sie Wi­derstände dagegen aufbauen und Nach­sicht üben. Und was sollte schon daran verkehrt sein, dass sich am Ende einfach mal alle kriegen? Manche halten das für Kitsch. Vielleicht ist es aber auch Kitsch, als Romanfigur notorisch an der Moderne zerbrechen zu müssen.

          „Alice, glaubst du, das Problem des zeitgenössischen Romans ist schlicht das Problem des gegenwärtigen Le­bens? Ich stimme dir zu, es erscheint vul­gär, dekadent, sogar epistemologisch brutal, Energie in die Trivialität von Sex und Freundschaft zu investieren, wenn die menschliche Zivilisation vor dem Zusammenbruch steht. Aber gleichzeitig mache ich genau das jeden Tag. Wenn du willst, können wir darauf warten, eine höhere Daseinsform zu er­­reichen, um dann unsere mentalen und materiellen Ressourcen auf existenzielle Fragen auszurichten und nicht mehr an unsere Familien, Freunde und Liebhaber usw. zu denken. Aber wir werden sehr lange warten, vermute ich, und tatsächlich werden wir vorher sterben.“

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