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Abrechnung mit dem Literaturbetrieb: Die irische Autorin Sally Rooney. Bild: Laif

Sally Rooneys neuer Roman : Soll man auf eine höhere Daseinsform warten?

  • -Aktualisiert am

Neues aus dem amourösen Rooneyversum: Sally Rooneys neuer Roman „Schöne Welt, wo bist du“ versöhnt sich mit der Liebe und rechnet mit dem Literaturbetrieb ab.

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          Sally Rooney war extrem jung, erst Mit­te zwanzig, als sie zum literarischen Superstar wurde. 2017 und 2018 er­schienen hintereinander ihre Romane „Conversations with Friends“ und „Nor­mal People“. In beiden Büchern ging es um junge Leute in und um Dublin, die sich in endlos mäandernden Gesprächen zu Standortbestimmungen ihres Privatlebens äußerten. Sie diskutierten mit erbarmungsloser Ehrlichkeit über Feminismus, Heteronormativität und Klassenunterschiede im Spätkapitalismus. Und das mit einer so feinsinnigen Zeitgenossenschaft, dass die Presse messianisch die „Stimme einer Generation“ ausrief.

          Ganz sicher war diese Stimme be­merkenswert. Mit größter Selbstverständlichkeit lebte hier eine in den Neunzigerjahren geborene Generation längst die Imperative des einundzwanzigsten Jahrhunderts: Individualität und Diversität. Bisexuelle Erfahrungen etwa gehörten ganz selbstverständlich zum amourösen Rooneyversum. In ih­ren Büchern war man allerdings nicht homo oder hetero, sondern man hatte ein Liebesleben, in dem man das Pa­triarchat nachmodellierte, verwarf, neu programmierte. Und man redete permanent darüber, was das mit einem machte, warum und ob man es gut oder schlecht heiße. Liebe und Freundschaft standen auf dem Prüfstand. Aber an­ders als bei den Achtundsechzigern ohne jeden Dogmatismus. Große Re­den zur Verbesserung der Gesellschaft wurden in Dublins WG-Küchen allenfalls spielerisch geschwungen. Der performative Selbstwiderspruch sabotierte zuverlässig den Versuch, das eigene Da­­sein einer Komplexitätsreduzierung zu unterziehen.

          Nach ein paar Jahren Rooney-Boom wurden nun einige Kritiker des Rooney-Booms überdrüssig. Sie hielten ih­re Bücher für überschätzt und un­zureichend. Wenn man jetzt also Rooneys neuen Roman zur Hand nimmt, kann man das gewiss nicht mehr mit der Haltung des Entdecker-Kritikers tun.

          Die notorische Fremdheit der Liebenden

          Im Zentrum von „Schöne Welt, wo bist du“ steht die Freundschaft zwischen den ehemaligen Collage-Studentinnen Alice und Eileen, die sich den gesamten Roman über Briefe schreiben und sich nur ein einziges Mal wirklich treffen. Die Diskrepanz zwischen behaupteter Seelenverwandtschaft und physischer Distanz wird am Ende des Romans die Versehrtheiten auf beiden Seiten offenbaren. Doch noch ist man nicht so weit. Dafür braucht es erst zwei männliche Eindringlinge in den Frauenkosmos. Zum einen den liebenswerten Simon, der nach jahrelangem Eiertanz um seine Kindheitsfreundin Eileen endlich einsieht, dass er der Richtige ist. Zum an­deren Felix, der zu Beginn des Buchs mit Alice ein fürchterlich vermasseltes Tinder-Date durchleidet.

          Eileen und Alice, das wird schnell klar, sind beide Varianten der Bestsellerautorin Sally Rooney. Eileen arbeitet als Redakteurin in einem Dubliner Literaturmagazin und hat die Trennung von ihrem langjährigen Freund zu verwinden. Alice ist eine international zu Ruhm und Geld gekommene Autorin, die sich an einen kleinen irischen Küstenort zurückgezogen hat, um sich von ihrer Depression zu erholen.

          Wie immer bei Rooney werden Chatverläufe in den Romanfluss eingearbeitet. Mails werden zu allen Tag- und Nachtzeiten in aufgeklappte Laptops hineingehackt und wiedergegeben. Darin geht es in einem eigenwil­ligen Mix aus Ironie und Melancholie um die Frage, was es bedeutet, heute politisch zu sein. Genauer um die Frage, was das alles mit unserer Liebes­fähigkeit zu tun hat. Und wie man Menschen überhaupt je nah sein kann in einem Zeitalter medialer Superspiegelungen. Am Ende von „Gespräche mit Freunden“ hieß es noch verheißungsvoll: „Man muss bestimmte Dinge durchleben, bevor man sie versteht.“ Man kann den Figuren des neuen Ro­mans jetzt zugestehen, dass sie mit Abstand zu den früheren Büchern et­was durchlebt haben.

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