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Saddam und Amerika : Der Krieg der Bilder

Seltsam ikonisches letztes Todesbild Bild: REUTERS

Saddam verhöhnte Bush in Mosaiken, Amerikaner zerstörten Statuen des Diktators, seine Hinrichtung wurde live gezeigt: Der Irak-Krieg ist auch ein Kampf mit Bildern. Wieso aber werden die Konturen von Gut und Böse so seltsam unscharf?

          3 Min.

          Der Krieg im Irak war von Anfang an ein Krieg, der so intensiv wie kaum ein anderer zuvor auch mit Bildern geführt wurde. Das mag daran liegen, dass im „war on terror“ der Feind zum ersten Mal vollständig unsichtbar ist - und wenn die Amerikaner bei ihrem Einmarsch sämtliche Saddam-Statuen zertrümmern ließen, dann war dieser archaische Bildersturm auch eine Form von Exorzismus: Wenn der Gegner nicht körperlich zu fassen ist, dann müssen die Spuren seiner Macht vernichtet werden.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Noch dramatischer ist die Lage bei Usama Bin Ladin; sein Bild ist allgegenwärtig, er bleibt verschollen, und eine sichtbare Zerstörung der unsichtbaren Gefahr war in Afghanistan nicht möglich, da das Land schon vor dem Einmarsch der Amerikaner wie ein Trümmerfeld aussah. In Bagdad konnten wenigstens die Unmengen von Herrscherbildern zerstört werden, die Saddam aufgestellt hatte.

          Herumtrampeln auf Bush

          Der Krieg um Herrscherbilder und Bildbeherrschung zielt auf beiden Seiten immer auf die öffentliche Demütigung des Gegners. Nach dem ersten Golfkrieg wurde im Eingang des Bagdader Hotels „Al Rasheed“ sehr liebevoll ein Konterfei von George Bush senior in den Boden eingelegt, unter dem der Schriftzug „Bush is criminal“ zu lesen war. Täglich trampelten sämtliche Gäste, auch die westlichen, in das Gesicht des amerikanischen Präsidenten. Der siegreiche Westen konterte diese Bildpolitik der Demütigung nach der Besetzung von Bagdad mit seinem eigenen Bildersturm - wobei der nicht immer funktionierte.

          Fußtritte für den Feind: das Bush-Mosaik im Eingang des Al-Rasheed

          Denn schon das, was die amerikanischen Soldaten an Kunstwerken in den eroberten Palästen von Saddam von den Wänden rissen, waren Werke, die eher zeigten, wie innig das Verhältnis des Iraks und der Vereinigten Staaten noch vor kurzem, in Zeiten des Kampfes gegen den Iran, war - und wie amerikanisch Saddam: Die Gemälde, die er schätzte und von denen einige jetzt im Bildband „Zu Gast bei Diktatoren“, einer Kulturgeschichte der Selbstinszenierungen von berühmten Tyrannen, zu sehen sind - diese Bilder stammten von einem amerikanischen Maler, der ganz offensichtlich tief in der amerikanischen Fantasy-Trash-Kultur verwurzelt ist. Saddams Geschmack, mussten die amerikanischen Soldaten erstaunt feststellen, war von ihrem gar nicht so weit entfernt: Was an den Wänden des Despoten hing, sah nicht viel anders aus als das, was als Airbrush auf den Motorhauben ihrer Chevrolets oder als Pinup in ihren Spinden hing.

          Trailerpark in Marmor

          Insgesamt war Saddams Welt ein amerikanischer Trailerpark in Marmor. Auch das Bild des Präsidenten im Eingang des Al-Rasheed entpuppte sich für die amerikanischen Soldaten, die alle Spuren von Saddams Herrschaft vernichten sollten, als ikonographische Falle. Offenbar hatten sie Hemmungen, mit dem Vorschlaghammer auf das Porträt des Präsidentenvaters einzudreschen. So entschlossen sie sich, wie Archäologen die Mosaiksteine des Gesichts zu entfernen (was dem Bild eine noch gespenstischere Wirkung verlieh; es war, als hätte die Unsichtbarkeit des Feindes Bush körperlich infiziert).

          Als man Saddam fand, wurde die Bildpolitik der öffentlichen Demütigung um so entschlossener an der lebenden Person fortgesetzt: der aus dem Erdloch gezerrte Tyrann musste vor laufenden Kameras seine Zähne befühlen lassen, um den Siegern, die so nicht nur symbolisch bis in sein Innerstes vordrangen, seine Echtheit zu beweisen (er hätte ein Doppelgänger sein können). Zuletzt wurde, als Höhepunkt des Bilderkrieges, Saddams Hinrichtung von den neuen Machthabern als verschwommenes, wie gemalt erscheinendes Bild in die Welt übermittelt.

          Seltsamerweise kollabierte aber spätestens hier die Ikonographie von Gut und Böse: Was man dort sah, war erst einmal das Bild von drei maskierten Männern und eines älteren, würdevoll wirkenden Mannes. In dieser Konstellation sieht man sonst nur Entführer mit ihrem Opfer; jedenfalls sind, in einem funktionierenden Rechtssystem, das Gesetz und die Guten nie maskiert - und es ist, wie man an der empörten Reaktion auch von saddamkritischen Sunniten sieht, doch die Frage, ob das Wissen, dass es sich hier um einen Massenmörder handelt, gegen die Wirkung dieses seltsam ikonischen letzten Todesbildes ankommt, das am Ende etwas auslöst, was alle Selbstinszenierungen des Tyrannen und das Wissen um seine Untaten nie aufkommen ließ: Mitleid. Mit dem Bild von der Ermordung des Massenmörders begibt sich der Rechtsstaat jedenfalls auch ikonographisch auf heikles Terrain.

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