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Sachbuchbestenliste : Die Besserleser

Im literarischen Bereich lässt sich der Vergleich der „Besten“ ja noch verstehen. Doch bei Sachbüchern wird es schwierig. Bild: Frank Röth

Im Juni tauchte auf der Sachbuch-Bestenliste ein Buch vom rechten Rand auf. Der Aufschrei war groß, das Verfahren wurde geändert. Doch das eigentliche Problem der Bestenliste ist ein anderes.

          Im Juni setzte der NDR die Zusammenarbeit mit der Jury aus, die alle vier Wochen eine Rangliste von zehn „Sachbüchern des Monats“ bekanntgemacht hatte. Es erregte Anstoß, dass namens der 25 Kritiker als neuntbestes Buch des Monats Juni eine Nachlassschrift des deutschnationalen Historikers Rolf Peter Sieferle angepriesen wurde. Jetzt wird die „Sachbuch-Bestenliste“ in neuer Trägerschaft wiederbelebt, von „Zeit“, Deutschlandfunk Kultur und ZDF, die je sechs Stellen der auf dreißig Personen erweiterten Jury besetzen. Eine Änderung des Verfahrens soll verhindern, dass der Fall Sieferle sich wiederholt: Es wird nicht mehr möglich sein, dass es ein Buch durch mehrmonatige Summierung der Voten eines einzelnen Jurors in den sichtbaren Abschnitt der Liste schafft. Sonst bleibt alles wie gehabt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Aber was ist eigentlich der größere Unfug? Dass einmal alle Hochjubeljahre auch etwas Angestoßenes wie das Aphorismenbuch eines Gelehrten vom rechten Rand auf der Liste auftaucht? Oder dass Monat für Monat die Botschaft verbreitet wird, es gebe das wirklich, die durch Vergleich ermittelte Rangordnung der besten Sachbücher von allen? Das beste Sachbuch im April waren die „Zwanzig Lektionen für den Widerstand“ von Timothy Snyder, eine Handreichung fürs Engagement im Trump-Zeitalter. Die 128 Seiten schmale Flugschrift des Yale-Historikers soll ersichtlich besser sein als die im gleichen Verlag erschienene Maria-Theresia-Biographie seiner Fachkollegin Barbara Stollberg-Rilinger (Platz 9). Aber inwiefern? Politische Streitschrift und wissenschaftliche Biographie sind Gattungen mit komplett anderen Zwecken.

          Kann Erkenntnisgewinn an sich bewertet werden?

          Die SWR-Bestenliste der schönen Literatur, als deren Pendant die Sachbuchliste vor einem Vierteljahrhundert von der „Süddeutschen Zeitung“ ins Leben gerufen wurde, vergleicht zwar auch Bücher aus verschiedenen Genres. Doch im literarischen Urteil hat das eine gewisse Tradition. Ist Homer besser als Sophokles? Man kann immerhin verstehen, worauf diese Frage zielt. Ist der neue Roman von Marion Poschmann besser als die jüngsten Gedichte von Durs Grünbein? Es geht, wie fiktiv auch immer, um so etwas wie literarische Qualität an sich, ein je ne sais quoi, praktisch gewendet: um die Frage, welche Bücher die Lesezeit wert sind, die von der Lebenszeit abgeht. Bei Sachbüchern hängt die Antwort davon ab, für welches Thema man sich interessiert.

          Als die SZ anfing mit dem Sachbuch-Ranking, erging auch an dieses Feuilleton die Einladung zur Mitwirkung. Unsere Gründe, ihr nicht zu folgen, legte Gustav Seibt, damals der verantwortliche Redakteur für Neue Sachbücher, in der Zeitung dar (F.A.Z. vom 7. April 1993): Es wird so getan, als könnte „so etwas wie Erkenntnisgewinn an sich bewertet“ werden. Wer das glaubt und wissen möchte, ob der Boskop besser ist als die Williamsbirne, muss künftig die „Zeit“ lesen und die Internetseiten von DLF und ZDF.

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