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Sachbuch : Stiller Tumult

Stiller Tumult unter Wissenden statt Dieter-Bohlen-Tamtam Bild: dpa

Was muß ein Buch leisten, damit man kaum daran vorbeikommt? Welches Sachbuch wird in diesem Herbst für (stillen) Tumult auf dem Büchermarkt sorgen? Eine Auswahl an Sachbuch-Neuerscheinungen zur Frankfurter Buchmesse.

          Welche sind die Sachbücher, an denen man in diesem Herbst nicht vorbeikommt? Das hängt natürlich davon ab, was das überhaupt sein soll - ein Buch, an dem man nicht vorbeikommt. Die schiere Menge der Neuerscheinungen, vor der wir Leser in jeder Saison neu stehen, mag einen denken lassen: Man kommt bequem an jedem Buch vorbei, weil hinter der nächsten Ecke ja doch schon das nächste wartet. Das ist denn auch im wesentlichen die Aussage, mit der uns das eilige Rezensionswesen des Internets und der Infohappenmagazine zurückläßt.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          "Kunden, die diesen Buch-Artikel gekauft haben, haben auch diese Bücher gekauft" - so lautet die stereotype Kurzrezension im Internet. Es ist eine "Empfehlung", hinter der zweifellos auch ein Begriff von Nichtvorbeikommen steht: Ein Buch, das so ähnlich ist wie andere Bücher, kann so schlecht nicht sein. Und umgekehrt: Wie wollen Sie über dieses Buch sprechen können ("Wer das liest, lebt länger", Verlag Scherz), wenn Sie nicht zugleich auch über jene anderen Bücher hier sprechen können ("Kaiser sterben nicht im Bett", Primus; "Das Jenseits", Wissenschaftliche Buchgesellschaft)? Hinter den Kulissen von Dieter Bohlens Buch "Hinter den Kulissen" (Blanvalet, zur Zeit vergriffen) steht immer schon Dieter Bohlens Buch "Nichts als die Wahrheit" (Heyne).

          Verweispfeile sehen uns an

          So entsteht ein völlig neues Referenzsystem für Bedeutung: Verweispfeile sehen uns an. Ob man an einem Buch vorbeikommt oder nicht, läßt sich exakt als eine Frage der Vektorrechnung ermitteln. Qualität entscheidet sich in ihrer Anschlußfähigkeit als "Artikel". Das Rezensionswesen als tautologisches Projekt: Ein Buch, an dem man nicht vorbeikommt, ist ein Buch, an dem man nicht vorbeikommt ("Fundamentalismus - maskierter Nihilismus", zu Klampen!). Schön, um es mit einem Bonmot von Winfried Menninghaus zu sagen, schön ist das alles nicht ("Das Versprechen der Schönheit", Suhrkamp).

          Um genau zu sein: Buchkritik als lineare Algebra, sei es als Verweispfeil oder als Häppcheninfo, ist im Sinne von Dieter Kürten eine doppelte Ohrfeige ("Drei unten, drei oben. Erinnerungen eines Sportjournalisten", Rowohlt). Eine Ohrfeige für den Autor, der wie Norbert Bolz sagt, daß er sich Mühe gegeben hat ("Was ist der Mensch?", Wilhelm Fink), und eine Ohrfeige für den Leser, der wissen will, warum sich die Mühe des Lesens lohnt ("Küsse aus New York", Zweitausendeins) oder nicht lohnt ("Im Netz der Persönlichkeit. Wie unser Selbst entsteht", Walter).

          Beide können sich nicht ernstgenommen fühlen. Denn ein Sachbuch, an dem man nicht vorbeikommt, ist im besten Falle ein solches, dem ein stutziger Blick gelingt, ein Buch, das eine neue Prämisse einführt, das etwas Bekanntes anders sehen läßt. Um nichts anderes handelt es sich ja bei der Erkenntnis, die ein Sachbuch zu leisten vermag: adaequatio rei ad praemissum, die Übereinstimmung der Sache mit der Prämisse, die der Autor für die Beschreibung seines Gegenstandes wagt - ja wagt, denn mutig ist das allemal, in diesem Herbst eine Prämisse zu setzen, die sich, so wie die Dinge liegen, schon im nächsten Herbst durch eine andere Prämisse düpiert sehen kann.

          Das, was man heute schick mit "Paradigmenwechsel" bezeichnet, war früher jedem Bibliotheksbesitzer klar, wenn er seine staubigen Schätze aus vielen Jahrhunderten zu einer Erkenntnistheorie addierte. In diesem Sinne ersetzt Michael Thimanns Gang durch die Bibliothek des Bibliomanen Friedrich Gundolf ("Caesars Schatten", Manutius) zehn Bände über die Wissensgesellschaft.

          Stiller Tumult unter Wissenden

          Thimanns Buch über die Bedeutung der Privatbibliothek für Denkstil und Wissenshaushalt des Gelehrten flößt Hochachtung für den Wagemut jedes innovativen Autors ein, welcher den Gegenstand im Reichtum seiner Voraussetzungen aufzublättern weiß - ob dieser Gegenstand nun das Aquarium ("Wie das Meer nach Hause kam", Transit), der Hedonismus im Zeitalter der Aufklärung ("Genuß und Glück des Lebens", Böhlau), der Sonnenkönig der Musik ("Leonard Bernsteins Musiktheater", Bärenreiter) oder die Fresken Giottos sind ("Wandmalerei der Giotto-Zeit in Italien, 1280 bis 1400", Hirmer).

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