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Bibel & Geschichte : War König David nie Herrscher über Israel?

Man vergleicht sie mit der Sixtinischen Kapelle: Die Westfassade der Kirche im rumänischen Voronet zeigt König David beim Spiel der Cobza, eines landestypischen Saiteninstruments. Bild: Eye Ubiquitious / vario images

Kronzeuge gegen die Bibel: Der Archäologe Israel Finkelstein ist für seine Extremposition bekannt. Jetzt revidiert er die alttestamentlichen Texte über das Königreich Israel. Mit guten Gründen?

          Die Älteren erinnern sich vielleicht noch an den 1955 erschienenen Bestseller „Und die Bibel hat doch recht“. Darin stellte der Journalist Werner Keller reihenweise archäologische Befunde zusammen, die seiner Ansicht nach die Historizität der verschiedenen alttestamentarischen Überlieferungen belegten. Heute sind die gegenteiligen Bemühungen modern. Gerade zur Weihnachtszeit erscheinen alle Jahre wieder Medienbeiträge, um uns zu belehren, dass das alles gar nicht so war, wie der Religionslehrer das immer erzählt hat.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein gefragter Kronzeuge dafür ist Israel Finkelstein von der Universität Tel Aviv. Der 1949 geborene Gelehrte gehört zu den prominentesten Archäologen seines Landes, als Leiter der Ausgrabungen in Megiddo, aber auch wegen seines Einsatzes für eine naturwissenschaftliche Herangehensweise und gegen die Tradition, archäologische Funde im Heiligen Land naiv im Licht biblischer Texte zu interpretieren. Damit war er ein Pionier, bedenkt man, dass manche Archäologen bis weit ins 20. Jahrhundert dem Alten Testament hinterhergruben wie weiland Heinrich Schliemann seinem Homer. Da archäologische Spuren antiker jüdischer Kultur (oder deren Fehlen) in Israel und bei seinen Nachbarn immer auch ein Politikum sind, machte Finkelsteins innovative Herangehensweise Hoffnung auf eine Entpolitisierung seines Faches.

          In seinem 2001 zusammen mit dem Amerikaner Neil Silberman veröffentlichten Bestseller „The Bible unearthed“ (auf Deutsch unter dem Titel „Keine Posaunen vor Jericho“) bemühte sich Finkelstein dann aber um eine umfassende Dekonstruktion alttestamentarischer Texte als Chroniken tatsächlicher historischer Ereignisse. Besonderes Furore machte seine These, das glanzvolle Königreich Davids und Salomos habe es nie gegeben. Der historische David, an dessen Existenz seit der Entdeckung einer Inschrift im nordisraelischen Tel Dan allerdings kaum zu zweifeln ist, sei im 10. Jahrhundert vor Christus Herr über einen Zwergstaat und Jerusalem auch zu Zeiten seines Nachfolgers Salomo nicht mehr als eine klägliche Bergsiedlung gewesen. Erst später, als nach dem Bericht der biblischen Autoren Salomos Territorium in ein Nordreich Israel und das Südreich Juda zerfallen war, habe im 9. Jahrhundert vor Christus im Norden unter König Omri und seinen Nachfolgern eine Blüte eingesetzt, und die Bauwerke, die man einst der davidisch-salomonischen Zeit zurechnete, seien in Wahrheit omridisch.

          Nur Spuren wie Scherben oder Mauerwerk

          Finkelsteins neues Buch, „Das vergessene Königreich“, führt diese These weiter. Das titelgebende Reich ist das Nordreich Israel, und vergessen sei es, weil die judäischen Autoren biblischer Texte wie des „Buchs der Könige“ es lange nach der Vernichtung des nördlichen Königtums durch die Assyrer um das Jahr 720 vor Christus aus ideologischen und religionspolitischen Gründen kleingeschrieben und so im Bewusstsein der Nachwelt marginalisiert hätten. Aller Glanz sollte auf Juda und den Jerusalemer Tempel fallen. In Wahrheit aber, so Finkelstein, habe es ein unter den Königen David oder Salomo vereinigtes Großreich der Israeliten nie gegeben.

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