https://www.faz.net/-gqz-9z3jy

Rudolf Borchardt : Proust war ihm ein Wust

  • -Aktualisiert am

Rudolf Borchardt Bild: Picture-Alliance

Wir sind nicht, was wir sind: Rudolf Borchardts Erzählungen in kritischer Ausgabe bieten Gelegenheit, manches Vorurteil zu überprüfen.

          5 Min.

          Rudolf Borchardt verstand sich als kompromissloser Bewahrer literarischer Tradition, doch seit Jahren findet er Aufmerksamkeit eher als Skandalautor: durch die Entdeckung eines „gefälschten“, besser fiktiven Briefes an den Freund Hugo von Hofmannsthal zwecks Begradigung der eigenen wirren Biographie, und durch das riesige, aus dem Nachlass edierte Romanfragment „Weltpuff Berlin“, das man wohl nur in Deutschland, wo der Begriff der erotischen Literatur weiterhin fehlt, als Pornographie etikettieren konnte. Die große Neuedition der zu Lebzeiten publizierten Erzählungen böte also Gelegenheit, festsitzende Vorurteile zu überprüfen.

          Auch hier beginnt es mit einem Paradox. Borchardt lehnte die zeitgenössische Erzählliteratur fast vollständig ab, die französische aber ganz und gar. Von ihm selbst stammt der Bericht, wie er im Gespräch mit Hofmannsthal gegen „alles was von Bourget und dem ,Roman psychologique‘ herkommt“, polemisierte. „Aber da komme ich ja auch her!“, habe der Freund „erschreckt“ geantwortet. War Borchardt dabei bewusst, was sogar er selbst einem Hauptmotiv des französischen neunzehnten Jahrhunderts verdankte? Sein erzählerisches Werk ist schmal: 1929 erschien der Novellenband „Das hoffnungslose Geschlecht“, 1937 der Roman „Vereinigung durch den Feind hindurch“. Was die meisten dieser Texte verbindet, ist ihre Grundidee: die Darstellung und Analyse einer Gesellschaft, eines historisch und politisch ganz präzisen Augenblicks, durch die Analyse des Verhältnisses zwischen den Geschlechtern. Was immer er sonst zu sagen wusste über die Kollegen jenseits des Rheins: Diese Grundidee stammt nicht von Goethe oder Kleist, nicht einmal von Fontane, sie stammt vom französischen Gesellschaftsroman, von Stendhals „Rot und Schwarz“, Flauberts „Madame Bovary“, von Zola, Maupassant bis hin zu jenem Proust, der für Borchardt nichts war als „durchweg Wust und Durcheinander“.

          Die Epoche nach dem Ersten Weltkrieg

          Als 1929 „Das hoffnungslose Geschlecht“ erschien, staunte die Kritik sofort über dieses offensichtliche Paradox: Der nicht nur literarisch streng konservative Autor bediente sich hier einer Grundform der sonst so bekämpften Moderne. Und nicht nur das, die vier Erzählungen werden im Untertitel ausdrücklich als „zeitgenössisch“ bezeichnet, spielen sie doch alle – wie dann auch der Roman – in der unmittelbaren Gegenwart von Entstehung und Publikation, also in der Epoche zwischen den beiden Weltkriegen. Der Autor, der lange nur in unauffindbaren Kleinauflagen publiziert hatte, wollte hier endlich zu einem großen Publikum sprechen – und bei der Gelegenheit auch etwas unternehmen gegen seine dauernden Sorgen um den Lebensunterhalt.

          Heute liest man Borchardts Erzählungen als einen extrem polemischen, aber doch sehr luziden Versuch, den Zivilisationsbruch des Ersten Weltkriegs nicht nur in Begriffen der Machtpolitik zu beschreiben, sondern als zerstörerische Revolution innerhalb der innersten Formen privaten Zusammenlebens. Ein kaum zu überschätzender Gewinn der neuen, von Gerhard Schuster mit immensem Wissen kommentierten Ausgabe besteht dabei in dem Schatz der von ihm recherchierten Zeugnisse zu deren Entstehungsgeschichte und Resonanz. Verblüffend, in welchem Umfang die Erzählungen besprochen wurden, und hoch aufschlussreich für die Weimarer Literaturpolitik, wie stark das Paradoxe von Borchardts konservativ-zeitgenössischem Radikalismus damals wirkte. Die hier zum ersten Mal gesammelten Rezensionen vermitteln aus größter Nähe etwas von der Ambivalenz, mit der im Augenblick selbst literarische Werke wahrgenommen wurden, die eine Nachwelt dann schnell in den großen Schubladen von links und rechts verstaut hat.

          Weitere Themen

          Filmkomponist Ennio Morricone verstorben Video-Seite öffnen

          Spiel mir das Lied vom Tod : Filmkomponist Ennio Morricone verstorben

          Die italienische Filmmusik-Legende Ennio Morricone ist tot. Er starb im Alter von 91 Jahren in einer Klinik in Rom. Morricone gilt als einer der größten Komponisten der Filmgeschichte. Berühmt wurde er unter anderem mit Titelmelodien den Kultfilm „Spiel mir das Lied vom Tod“.

          Topmeldungen

          Brasilianischer Präsident : Bolsonaro ist an Covid-19 erkrankt

          Seine Infektion bestätigte der Präsident am Dienstag – und beteuerte, es gehe ihm gut. Die Maskenpflicht hatte er nicht nur oft missachtet, er hatte sie energisch bekämpft. Nun wird er mit Häme überschüttet.
          Die Welt wird enger, aber wir können etwas dagegen tun.

          Polarisierung in Debatten : Wir Gesinnungsgenossen

          In diesen Monaten zeigt sich die Herrschaft des Framings noch deutlicher also sonst – besonders bei Twitter. Ein Plädoyer für mehr Offenheit gegenüber dem, was uns zwar nicht gefällt, aber noch lange nicht extrem ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.